Das Überfallkommando erscheint kurz nach Sonnenuntergang. Fünf oder sechs Männer dringen in das Gebäude des Rundfunksenders Gleiwitz ein, überwältigen vier Techniker und sperren sie in den Keller.

Es ist kurz nach 20 Uhr, als sie das Programm des Reichsrundfunks unterbrechen und eine Botschaft auf Deutsch und Polnisch verbreiten, mit der sie die polnische Minderheit zu einem Aufstand aufrufen: „Achtung! Achtung! Hier ist Gleiwitz! Der Sender befindet sich in polnischer Hand! (...) Die Stunde der Freiheit ist gekommen! (...) Hoch lebe Polen!“

Das Verlesen der Botschaft dauert drei oder vier Minuten. Der Trupp gibt noch ein paar Schüsse ab und macht sich dann aus dem Staub. Ein toter Mann bleibt zurück, vermutlich einer der Angreifer: Franciszek Honiok, Anfang 40, Oberschlesier.

Die Mär vom Überfall auf den Sender Gleiwitz

Der Überfall, der sich am frühen Abend des 31. August 1939 zutrug, ist tags darauf das Thema in den deutschen Tageszeitungen: „Polen überfallen den Gleiwitzer Sender. Aufständische überschritten die deutsche Grenze – Kämpfe mit deutscher Polizei.“ Es habe auch andere Angriffe „auf reichsdeutsche Ortschaften“ und dabei „zahlreiche Todesopfer“ gegeben.

Der Überfall ist Stadtgespräch in Gleiwitz. Aber es wird offen darüber geredet, dass die über den Sender verbreitete Botschaft „schlechtes Hörspiel“ gewesen sei – nicht echt.

Hitler hatte wenige Tage zuvor, am 22. August, bei einem Treffen mit seinen Generälen auf dem Obersalzberg gesagt: „Ich werde propagandistischen Anlass zur Auslösung des Krieges geben, gleichgültig, ob glaubhaft. Der Sieger wird später nicht danach gefragt, ob er die Wahrheit gesagt hat oder nicht.“

Die Männer, die den Sender Gleiwitz überfielen, waren keine Polen, sondern Deutsche. Der Überfall erfolgte auf Befehl von Reinhard Heydrich, Chef des Sicherheitsdienstes des Reichsführers SS (SD).

Die vermeintliche Grenzverletzung war nur eine von mehreren, die Deutsche verübten. Aber sie blieb in Erinnerung als diejenige, die Hitler den Anlass gab, in Polen einzumarschieren. Der Diktator selbst bezog sich nie ausdrücklich darauf, auch nicht in seiner freien, etwa halbstündigen, im Rundfunk übertragenen Rede im Reichstag am Vormittag des 1. September. Er sprach allgemein von vierzehn Grenzverletzungen, „davon drei schwere“. Seine Rede gipfelte in den Worten: „Polen hat nun heute Nacht zum ersten Mal auf unserem eigenen Territorium auch mit bereits regulären Soldaten geschossen. Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen! Und von jetzt ab wird Bombe mit Bombe vergolten!“

Schon mindestens eine Stunde früher wurde geschossen.

Der von Deutschen ermordete und am Sender Gleiwitz deponierte Franciszek Honiok gilt als erstes Opfer eines Krieges, der zu einem Weltkrieg mutierte, dem mindestens 60 Millionen Menschen zum Opfer fielen.

Wie konnte es so weit kommen?

Hitler – und mit ihm nicht wenige deutsche Militärs – wollte immer Krieg, nicht nur weil für ihn der Erste Weltkrieg angesichts des allgemein als schmachvoll empfundenen Friedensvertrages von Versailles nie geendet hatte. Krieg war ihm zufolge „das letzte Ziel der Politik“ und Politik die Sicherung von „Lebensraum“ eines Volkes.

Hitler wollte immer Krieg, jedoch einen Krieg ganz nach seinen Vorstellungen. Kurz bevor er 1933 Reichskanzler wurde, sagte er im Kreise von Vertrauten: „Den Krieg führe ich. Den geeigneten Zeitpunkt zum Angriff bestimme ich. Es gibt nur einen günstigen. Ich werde auf ihn warten. Mit eiserner Entschlossenheit. Und ich werde ihn nicht verpassen.“

Hitlers Geduld weicht seinem Übermut

Der eine günstige Zeitpunkt war der 1. September 1939 nicht. Ursprünglich sollte es erst gegen den Westen gehen, allen voran Frankreich, dann gegen den Osten, gegen die Sowjetunion. Die langgehegte Hoffnung, sich mit Großbritannien arrangieren zu können, war spätestens am 3. September dahin, als London zusammen mit Paris Berlin den Krieg erklärte.

Es war nicht der Krieg, den Hitler gesucht hatte; es war der Krieg, der ihn gefunden hatte.

Der perfekte Zeitpunkt für seinen Krieg – Hitler arbeitete bis März 1939 darauf hin. Er habe noch im Frühjahr beabsichtigt, sagte er am 22. August 1939 vor Oberbefehlshabern der Wehrmacht, „die Lösung der polnischen Frage hinauszuschieben, sozusagen auf Eis zu legen“, um erst die Auseinandersetzung mit dem Westen zu suchen.

Als Hermann Göring ihn in den letzten Tagen jenes Augusts beschwor, das Spiel nicht zu überreizen, entgegnete Hitler, er habe – was so nicht ganz stimmt – in seinem Leben immer Vabanque gespielt.

Wie ist dieser Sinneswandel zu erklären?

Hitler-Biograf Joachim Fest attestiert dem deutschen Diktator ab Frühjahr 1939 eine „Unfähigkeit, die eigene Dynamik zu bremsen“. Das „untrügliche Tempobewusstsein“, das er im Verlauf des Machteroberungsprozesses bewiesen hatte, begann, ihn zu verlassen. Es machte Platz für „Übermut, korrumpiert vom Erfolg des im Protest groß gewordenen Politikers, der in ,unverzichtbaren Ansprüchen’ zu denken gewohnt war“.

Der Erfolg seiner Politik war bis dato so überwältigend, dass selbst seine Gegner an ihrer Gegnerschaft zu zweifeln begannen: Eingliederung („Anschluss“) Österreichs ins Deutsche Reich im März 1938; Eingliederung des zur Tschechoslowakei gehörenden Sudetenlandes infolge des Münchner Abkommens im September 1938 (Teile des Landes gehen auch an Polen und Ungarn, die Slowakei wird ein eigener Staat); Zerschlagung der „Rest-Tschechei“ im März 1939; Besetzung der Hafenstadt Memel, die von Litauen 1923 annektiert worden war, wenige Tage später.

Hitler schien noch nach dem Einmarsch in Prag im März 1939 entschlossen, weitere Spannungen zu vermeiden und einen Bündnispartner gegen die Sowjetunion zu gewinnen – Polen.

Deutschlands Außenminister Joachim von Ribbentrop und Polens Botschafter in Berlin, Josef Lipski, treffen sich am 21. März. Ribbentrop schlägt Verhandlungen vor: Rückgabe der Freien Stadt Danzig an das Deutsche Reich, Bau einer exterritorialen Verkehrsstrecke durch den polnischen Korridor; Deutschland bietet dafür eine Verlängerung des deutsch-polnischen Nichtangriffspakts von 1934 auf 25 Jahre und formelle Grenzgarantie; der Entwurf einer Note des Auswärtigen Amtes stellt Polen den Besitz der Ukraine in Aussicht.

Polen fürchtet sich vor seinen Nachbarn

Die Hafenstadt Danzig ist für Hitler nur ein Vorwand, um mit Polen ins Gespräch zu kommen. Er hat, wie er am 23. Mai 1939 gegenüber seinen Generälen zugibt, das Endziel seiner Politik vor Augen: „die Erweiterung des Lebensraumes im Osten“.

Das Problem aus Hitlers Sicht: Deutschland und die Sowjetunion trennt ein Staatengürtel, der sich von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer zieht, von den Baltischen Staaten bis nach Rumänien/Bessarabien. Er sieht drei Möglichkeiten, diesen Gürtel zu überwinden und sich ein Truppenaufmarschgelände für einen Überfall auf die Sowjetunion zu schaffen: Er kann die Staaten durch Bündnisse gewinnen, sie selber annektieren oder von der Sowjetunion annektieren lassen.

Auch Großbritannien und Frankreich bemühen sich um Polen. Das Land, Ende des 18. Jahrhunderts von Preußen, Russland und Österreich schrittweise aufgeteilt, erst seit 1918 wieder unabhängig, sieht in all dem Werben die Grundlage seiner Außenpolitik gefährdet.

Polen hat sein Heil zwischen Deutschland und der Sowjetunion gefunden (dazu gehört auch der polnisch-sowjetische Nichtangriffspakt 1932). Es will weder ein Bündnis mit antisowjetischer noch eins mit antideutscher Tendenz schließen. Es hat gelernt, nicht nur die Feindschaft, sondern auch die Freundschaft  seiner beiden Nachbarn zu fürchten.

Es gibt noch einen Grund dafür, dass Polen sich ziert, für eine Seite Partei zu ergreifen: Warschau hegt Pläne für ein „Drittes Europa“, einen neutralen Mächteblock von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer.

Einen Tag bevor Polen eine Regelung der Danzig-Frage kategorisch ablehnt, am 25. März 1939, erklärt Hitler gegenüber Generälen, eine militärische Aktion gegen Polen sei nur unter „besonders günstigen politischen Voraussetzungen“ erwägenswert. Wenn es jedoch zum Konflikt käme, dann müsse Polen „so niedergeschlagen werden, daß es in den nächsten Jahrzehnten als polit(ischer) Faktor nicht mehr in Rechnung gestellt“ zu werden brauche.     

England beendet die Appeasement-Politik

Der britische Premierminister Neville Chamberlain, verbittert über das Scheitern seiner Appeasement-(Beschwichtigungs-)Politik mit dem Einzug Hitlers in Prag, entschließt sich zu einem Verzweiflungsschritt: Er erklärt am 31. März vor dem britischen Unterhaus in London, Großbritannien und Frankreich würden sich „für den Fall irgendeiner Aktion, die klarerweise die polnische Unabhängigkeit bedroht (...) verpflichtet fühlen, der polnischen Regierung alle in ihrer Macht stehende Hilfe sofort zu gewähren“.

Die britisch-französische Garantieerklärung war gut gemeint, aber schlecht durchdacht. Polen musste keine Gegenleistung bringen: Es musste weder einem anderen Land im Falle eines deutschen Angriffs beistehen noch einen Beistandspakt mit der Sowjetunion schließen, dem Deutschland nichts entgegenzusetzen gehabt hätte.

Hitler soll, nachdem er die Nachricht über die Garantieerklärung erhalten hatte, ausgerufen haben: „Denen werde ich einen Teufelstrank brauen!“ In der Erklärung sah er eine Vollmacht für Polen, Deutschland in einen Krieg zu verwickeln. Die Regierung in Warschau war national nicht minder gereizt als die in Berlin, es gab wiederholt Ausschreitungen gegen die deutschsprachige Minderheit („Volksdeutsche“). Dem deutschen Diktator war jetzt klar: Polen konnte er als Bündnispartner abschreiben, England hatte sich endgültig als Gegner offenbart.

Die Katastrophe bahnt sich an. Hitler lässt die Gespräche mit Polen abbrechen und weist die Wehrmacht am 3. April an: „Die gegenwärtige Haltung Polens erfordert es (...) die militärischen Voraussetzungen zu treffen, um nötigenfalls jede Bedrohung von dieser Seite für alle Zukunft auszuschließen.“ Die Bearbeitung der Weisung „Fall Weiß“ sei so zu erfolgen, „daß die Durchführung ab 1. 9. 39 jederzeit möglich ist“.

Deutschland war trotz jahrelanger, den Staat in den Bankrott führenden Anstrengungen 1939 ungenügend kriegsbereit. Die Wirtschaft war nur für einen kurzen Krieg gerüstet. Stark war die deutsche Industrie in der Stahl- und Kohleproduktion, aber importabhängig von kriegsentscheidenden Rohstoffen wie Mineralöl, Kupfer, Kautschuk, Zinn, Bauxit. Lediglich die Hälfte des Heeres war voll einsatzbereit, die Marine der englischen und französischen hoffnungslos unterlegen; nur die Luftwaffe stand besser da.

Diese Probleme waren Hitler bewusst. Seine Lösung: Blitzkrieg. Wenn Deutschland keinen langen Krieg führen konnte, dann musste es durch schnelle, schwere Schläge gegen Einzelgegner seine kriegswirtschaftliche Basis Schritt für Schritt verbreitern. Dieses Konzept musste in dem Moment scheitern, in dem sich gegen Deutschland eine starke Koalition formierte.  

Mit der britisch-französischen Garantieerklärung für Polen beginnen Freund und Feind, sich zu positionieren. England führt die allgemeine Wehrpflicht ein, Deutschland kündigt das deutsch-britische Flottenabkommen von 1935 und den Nichtangriffsvertrag mit Polenvon 1934.

Und ein neuer Akteur betritt die Bühne: die Sowjetunion. Moskau verfolgt das Geschehen im Westen spätestens seit der Münchner Konferenz, zu der es, neben Prag, nicht eingeladen war, mit Sorge: Berlins Expansionsdrang Richtung Ost- und Südosteuropa, Londons Versuche einer Konsolidierung dortselbst. Es entwickelt sich jetzt, wie Ernst von Weizsäcker, Staatssekretär im Auswärtigen Amt, notiert, „eine Parforce-Jagd um die russische Gunst“.

Moskau unterbreitet Berlin ein Vertragsangebot

Die Sowjetunion wird auch selbst aktiv, sie streckt die Fühler nach Deutschland aus. Ideologische Meinungsverschiedenheiten brauchten „nicht zu stören“, lässt Moskau wissen. Die Ernsthaftigkeit des Annäherungsversuchs zeigt sich an einer Personalie: Wjatscheslaw Molotow wird am 3. Mai 1939 neuer Außenminister; er ersetzt Maxim Litwinow, der jüdischer Abstammung ist und den die nationalsozialistische Presse als „Jude Finkelstein“ verunglimpft.

Großbritannien und Frankreich scheinen bei der Jagd um die Gunst der Sowjetunion die Nase vorn zu haben. Der britische Premier Chamberlain gibt am 7. Juni im Unterhaus bekannt, man habe mit Moskau in den wichtigsten Punkten Übereinstimmung erzielt.

Die Westmächte erklären sich im Laufe des Monats bereit, Stalin eine Interessensphäre in Ostmitteleuropa zuzugestehen. Ein Punkt bleibt offen: Polen will im Kriegsfall der Roten Armee ein  Durchmarschrecht nicht gewähren.

Die Verhandlungen gestalten sich zäh, alle Beteiligten misstrauen einander. Der Historiker Hans-Ulrich Thamer erklärt, warum: „Chamberlain zögerte, weil er seine tiefverwurzelte Abneigung gegen das bolschewistische Mekka nicht überwinden konnte. Stalin wiederum zweifelte an der Entschlossenheit der Westmächte und fürchtete ständig ein Komplott der kapitalistischen und faschistischen Mächte gegen das sozialistische Rußland.“ Die kleineren osteuropäischen Nationen widersetzten sich einem Bündnis mit der Sowjetunion leidenschaftlich, „da sie fürchteten, daß aus ihrer neuen Schutzmacht bald ihr Unterdrücker werden könnte“.

Der Juli kommt, und Moskau ergreift erneut die Initiative. Außenminister Molotow erkundigt sich, ob Berlin Interesse an einem Nichtangriffspakt habe; er schlägt dazu ein „spezielles Protokoll“ vor, das Regelungen „in diesen oder jenen Fragen der Außenpolitik“ enthalten solle.

Was wiegt schwerer: Die Freiheit oder die Seele?

Den Westmächten bleiben die Gespräche zwischen Berlin und Moskau nicht verborgen. Sie verstärken ihre Bemühungen, ein Bündnis mit Stalin zu schließen. Damit könnten sie Hitler in die Schranken weisen. Die Gespräche können aber eine Hürde nicht nehmen: Polen verweigert der Sowjetunion das Durchmarschrecht; Warschau will die Rote Armee nicht in ein Gebiet lassen, dass man ihr im polnisch-sowjetischen Krieg (1919–1921) entrissen hat.

Den polnischen Standpunkt begründet Marschall Edward Rydz-Smigly mit den Worten: „Mit den Deutschen laufen wir Gefahr, unsere Freiheit zu verlieren. Mit den Russen verlieren wir unsere Seele.“  

Deutschland plant derweil weit voraus. „Alles, was ich unternehme, ist gegen Rußland gerichtet“, sagt Hitler bei einer Besprechung am 11. August 1939, „wenn der Westen zu dumm und zu blind ist, das zu begreifen, werde ich gezwungen sein, mich mit den Russen zu verständigen, den Westen zu schlagen und dann nach seiner Niederlage mich mit meinen versammelten Kräften gegen die Sowjetunion zu wenden.“

Die Verhandlungen zwischen Berlin und Moskau kommen voran. Beide Seiten verständigen sich am 19. August auf ein Handels- und Kreditabkommen. Züge mit umfangreichen Rohstofflieferungen rollen fortan aus der Sowjetunion nach Deutschland. Die Gefahr einer Blockade seitens der Westmächte ist gebannt.

Ein ungewöhnlicher Schritt Hitlers leitet die letzte Etappe auf seinem Weg in den Krieg ein: In einem Telegramm am 20. August bittet er Stalin, Ribbentrop am 22. oder 23. August zu empfangen. Der Außenminister habe die „umfassendste Generalvollmacht zur Abfassung und Unterzeichnung des Nichtangriffspaktes sowie des Protokolls“.

Vor Generälen der Wehrmacht zwei Tage später gibt sich Hitler gewiss, dass der Pakt zustande kommt, und entschlossen, gegen Polen loszuschlagen. Die britisch-französische Garantieerklärung nimmt er nicht ernst. „Unsere Gegner sind kleine Würstchen. Ich sah sie in München (...) Rußland hat kein Interesse an der Erhaltung Polens. (...) Nun ist Polen in der Lage, in der ich es haben wollte. (...) Ich habe nur Angst, daß mir noch im letzten Moment irgendein Schweinehund einen Vermittlungsplan vorlegt.“     

Den Nichtangriffspakt unterzeichnen am 23. August Ribbentrop und Molotow in Anwesenheit von Stalin. Und damit das Geheime Zusatzprotokoll. Es sieht vor: Polen wird in eine deutsche und eine sowjetische Interessensphäre geteilt; Litauen wird der deutschen, Estland, Lettland sowie Finnland und Bessarabien der sowjetischen Interessensphäre zugeschrieben.

Der Grenz- und Freundschaftsvertrag vom 28. September enthält auch ein Geheimes Zusatzprotokoll. Es ändert das erste ab: Die Woywodschaft Lublin und Teile der Woywodschaft Warschau fallen von der sowjetischen in die deutsche, Litauen von der deutschen in die sowjetische Interessensphäre.

Estland, Lettland und Litauen verlieren 1940 ihre Unabhängigkeit, sie werden – für ein halbes Jahrhundert – Sowjetrepubliken.

Stalins Gründe für den Pakt mit Hitler

Die Geheimen Zusatzprotokolle wurden erstmals 1946 öffentlich erwähnt, vom ehemaligen Staatssekretär Ernst von Weizsäcker bei einem der Nürnberger Prozesse. Die in deutscher Hand verbliebenen Dokumente konnte die Verteidigung nicht vorlegen; sie waren bei einem Bombenangriff auf Berlin zerstört worden. Die sowjetische Anklagevertretung bestritt daher, dass es diese Protokolle überhaupt gab.

Die in sowjetischer Hand verbliebenen Dokumente befanden sich bis 1952 im Außenministerium der UdSSR und danach im Archiv des ZK der KPdSU. Der Volksdeputiertenkongress der UdSSR anerkannte ihre Existenz im Dezember 1989.

Moskau hatte, realpolitisch betrachtet, gute Gründe für den Pakt mit Berlin. Ein Vertrag mit Großbritannien und Frankreich sowie Polen hätte die Sowjetunion in Gefahr gebracht, eher früher als später in einen Krieg der Großmächte hineingezogen zu werden.

Der Vertrag mit Deutschland verpflichtete die Sowjetunion zu nichts; er brachte ihr aber viel: Landgewinn, erst in Ostpolen, dann im Baltikum; Zeit zur Regeneration nach der „Großen Säuberung“ in Partei, Verwaltung und Armee; Verwirrung im Lager der Verbündeten Deutschlands – Japan stürzte in eine Regierungskrise, schloss im September 1939 einen Waffenstillstand  und im April 1941 einen Neutralitätspakt mit der Sowjetunion; die Verheißung auf Schwächung potenzieller Gegner, sollten sich die Westmächte mit Deutschland bekriegen.

Der Nichtangriffspakt wird zum Angriffspakt. „Die bei weitem unheilvollste Konsequenz des Paktes bestand darin, daß es das in Europa entstandene Gleichgewicht der Großmächte zugunsten Deutschlands zerstörte“, erklärt der estnische Historiker Heino Arumäe. „Dies erlaubte es Hitler, den Zweiten Weltkrieg zu entfesseln.“

Acht Tage nach Unterzeichnung des Pakts, am 31. August, gibt Hitler die Weisung, am 1. September um 4.45 Uhr den Angriff auf Polen zu beginnen. Der exakte Zeitpunkt und Ort der ersten Kampfhandlung ist umstritten. Fest steht: Ab 4.45 Uhr beschießt das Linienschiff „Schleswig-Holstein“, als Schulschiff der Kriegsmarine auf Besuch in der Freien Stadt Danzig, die polnische Garnison auf der Westerplatte. Die Stadt Wieluń soll bereits um 4.37 Uhr von zwei Stuka-Geschwadern angegriffen, Einwohner sollen aus Bordwaffen beschossen worden sein. 1,6 Millionen deutsche und 50.000 slowakische Soldaten marschieren in Polen ein.

Großbritannien und Frankreich fordern Deutschland ultimativ dazu auf, alle Truppen sofort zurückzuziehen. Vergeblich. Beide Staaten erklären am 3. September Deutschland den Krieg. Entgegen der Garantieerklärung gegenüber Polen bleibt Hilfe aus. Die Westmächte starten keine Offensive an der deutschen Westgrenze, es kommt dort zum „Sitzkrieg“.

General Alfred Jodl sagte als Angeklagter im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher 1946 aus: „Wenn wir nicht schon im Jahre 1939 zusammengebrochen sind, so kommt das nur daher, daß die rund einhundertzehn französischen und englischen Divisionen im Westen sich während des Polenfeldzugs gegenüber den fünfundzwanzig deutschen völlig untätig verhielten.“

Warum? Militärhistoriker Rolf-Dieter Müller schreibt: „Frankreich befand sich durch die Volksfront-Regierung in der Nähe eines Bürgerkriegs, und Großbritannien scheute in Sorge um sein Empire vor dem  Kriegsrisiko zurück.“

Deutsche und sowjetische Truppen treffen sich am 18. September bei Brest-Litowsk. Hitler hat tags zuvor angeordnet, alle Ansätze zu unterbinden, „daß eine polnische Intelligenz sich als Führerschicht aufmacht. In dem Land soll ein niederer Lebensstandard bleiben; wir wollen dort nur Arbeitskräfte schöpfen“. Und er hat verlangt, im künftigen Vorgehen zu berücksichtigen, dass der besetzte Teil Polens „als vorgeschobenes Glacis für uns militärische Bedeutung hat und für einen Aufmarsch ausgenutzt werden kann“.

Die Wehrmacht besetzt West-, die Rote Armee Ostpolen. Mindestens sechs Millionen Polen verlieren bis zum Ende des Krieges 1945 ihr Leben, die meisten von ihnen in Vernichtungslagern.

Die Blitzkriege münden in den Weltkrieg

Die Ende August 1939 von Hitler geäußerte Hoffnung, sobald Polen geschlagen sei, „machen wir eine große Friedenskonferenz mit den Westmächten“, erfüllt sich nicht. Der „Sitzkrieg“ endet im April 1940. Deutschland besetzt Dänemark und Norwegen. Der anschließende Westfeldzug mündet in der Besetzung der neutralen Staaten Niederlande, Belgien und Luxemburg und in der Niederlage Frankreichs.

Die Blitzkriegführung wird sich danach nur noch einmal bewähren: im Balkanfeldzug im April 1941. Hitlers Krieg wird in den Monaten darauf zum Weltkrieg.

Fünf Jahre, acht Monate und sieben Tage nach dem deutschen Überfall auf Polen, nach einem Krieg, der die Welt ins Unglück gestürzt hatte, kapitulierte Deutschland. An vielen Fronten kämpften auch polnische Soldaten. Wenngleich die meisten Deutschen es damals – und viele noch lange danach – nicht so empfanden: Der 8. Mai 1945 war ein Tag der Befreiung.

Den Polen hingegen, deren Staat und Gesellschaft nach dem Krieg sowjetisiert wurde, blieb die Freiheit bis 1989 vorenthalten.