Berlin - Dicke haben Atemnot/Dicke sind zu dick zum Flieh'n/ Dicke müssen ständig fasten, damit sie nicht noch dicker werden - dichtete einst Sänger Marius Müller-Westernhagen und kam kurz und bündig zu dem Schluss: „Dick sein ist 'ne Quälerei.“ Aber es sind nicht nur die überzähligen Pfunde, unter denen stark übergewichtige Menschen leiden. Sie werden zudem durch ihre Mitmenschen häufig stigmatisiert und ausgegrenzt. Eine repräsentative Umfrage zeigt, wie  unbeliebt  Fettleibige in der Gesellschaft sind.  Das ist gefährlich für die Betroffenen, weil es ihre Lage nur noch schlimmer macht.

Nach der Forsa-Befragung  im Auftrag der  Krankenkasse DAK finden 71 Prozent der Bevölkerung fettleibige Menschen unästhetisch. 61 Prozent äußern Unverständnis darüber, wie es ein Fettleibiger soweit habe kommen lassen. 36 Prozent sagen, Dicke seien selbst schuld an ihrem Zustand. 15 Prozent der Befragten gaben an, sie vermieden den Kontakt zu stark übergewichtigen Menschen.

Keine gesundheitlichen Gründe genannt

Befragt nach den konkreten Gründen für die Fettleibigkeit nannte   fast jeder Zweite (47 Prozent) Bewegungsmangel und übermäßiges Sitzen. Ein Drittel der Befragten (33 Prozent) schiebt es auf falsche oder ungesunde Ernährung. Gesundheitliche Gründe wie Stoffwechselstörungen oder genetische Dispositionen werden von den Befragten nicht genannt - doch sie sind häufig wesentliche  Ursachen für eine Fettleibigkeit.

In Deutschland sind nach Angaben des Robert-Koch-Instituts etwa zwei Drittel der Männer   und rund die Hälfte der Frauen übergewichtig. Ein Viertel aller Erwachsenen - 16 Millionen Menschen -  ist fettleibig (Fachbegriff adipös). Davon spricht man, wenn das Verhältnis von Größe und Gewicht (Body-Mass-Index - BMI) einen Wert über 30 erreicht. Der Anteil der Patienten mit extremer Adipositas (BMI-Wert über 40) hat sich dem „XXL-Report“ der DAK zufolge im Zeitraum zwischen 1999 und 2013 mehr als verdoppelt.

Fettleibigkeit ist erst der Anfang

Adipositas gilt in der Wissenschaft nicht mehr als selbst verursacht, sondern als Krankheit, die durch genetische, biologische, neurobiologische, psychologische und soziale Faktoren begünstigt wird. Fettleibigkeit kann zudem  Auslöser für zahlreiche chronische Begleiterkrankungen sein wie Diabetes,  Herz-Kreislauf-Probleme oder Depressionen. Die steigende Zahl der Erkrankten verursacht im Gesundheitswesen immer höhere Kosten.

„Adipöse Menschen haben in unserer Gesellschaft ein schweres Los, sie kämpfen gegen Pfunde und Vorurteile“ sagte DAK-Vorstand Thomas Bodmer.  Durch die Stigmatisierung gerieten die Betroffenen in einen Teufelskreis, so die Wissenschaftlerin Claudia Luck-Sikorski von der Hochschule für Gesundheit Gera. Die Ausgrenzung verursache Stress, der die psychischen Problemen verstärke und  zu einer weitere Gewichtszunahme führe. „Einfache Schuldzuweisungen helfen nicht weiter“, sagte Luck-Sikorski, die zum Thema Stigmatisierung bei Adipositas forscht. Vielmehr verdienten die Betroffenen Anerkennung für ihre Krankheit und eine optimale medizinische Versorgung, forderte sie.

DAK-Vorstand Bodmer sagte, es sei Zeit, über die Volkskrankheit aufzuklären. Adipositas brauche die Aufmerksamkeit der Politiker, der Ärzte und der Öffentlichkeit, so der Kassenvertreter. Ansonsten werde die Zahl der Erkrankten weiter steigen. Vorgestellt wurde eine Aufklärungskampagne, in deren Mittelpunkt eine Wander-Fotoausstellung unter dem Titel „schwere(s)los“ steht. Künstler stellen dort das Krankheitsbild aus verschiedenen Blickwinkeln dar. Partner der DAK ist dabei das  Pharmaunternehmen  Johnson & Johnson Medical. Das Unternehmen  hat Interesse daran, dass Adipositas als  therapierbare Krankheit  stärker in den  Blickpunkt  rückt, weil  es  unter anderem  Medizingeräte für operative Eingriffe bei Fettleibigen herstellt.