Ähnliches berichtet eine 22-jährige Frau, die mit ihrer Freundin vor dem Club Alter Wartesaal von einer Gruppe junger Männer massiv bedrängt wurde. Auch sie habe kurz darauf Hilfe bei Polizisten gesucht. Aber auch die hätten keine Zeit gehabt, weil sie die Domplatte absperren mussten, hätten ihr nur geraten, die Sektflasche in der Hand zu behalten, um sich verteidigen zu können. „Die Polizisten waren überfordert und verglichen mit den Tätern deutlich in der Unterzahl“, erinnert sich die 22-jährige Frau.

Ein Polizist, der vor dem Bahnhof im Einsatz war, berichtete dem „Kölner Stadt-Anzeiger“, auch ihn habe eine Frau angesprochen, die kurz zuvor von Männern überfallen worden war. „Ich war gerade dabei, die Personalien von einem Verdächtigen wegen einer anderen Straftat aufzunehmen. Ich hatte schlicht keine Zeit. Ich konnte sie leider nur bitten, Anzeige auf einer Wache zu erstatten.“

30 Kollegen mehr als im vorigen Jahr

Dabei, betont der Beamte, sei die Polizei eigentlich „tipptopp“ vorbereitet gewesen für eine gewöhnliche Silvesternacht. „Es waren sogar 30 Kollegen mehr eingesetzt als letztes Jahr.“ Aber von diesem Tumult und von dem Mob sei man völlig überrascht worden. Als der Einsatzleitung irgendwann nach ein Uhr der Ernst der Lage klar geworden sei, sei es zu spät gewesen, um zum Beispiel aus Nachbarstädten weitere Beamte nachzuordern. „Es hätte in dieser Situation im Grunde nur eine Alternative gegeben“, sagt der Beamte, die Ultima Ratio: „Lagebereinigung, also knüppeln statt festnehmen.“

Aber Polizisten, die vor dem Dom auf 1000 Araber und Nordafrikaner einprügeln – diese Bilder wären „absolut verheerend“ gewesen, so der Beamte.

Josef K. aus Erftstadt besuchte mit seiner Frau den Silvestergottesdienst im Dom. Als die beiden gegen 20 Uhr aus der Kirche traten, sei ihnen inmitten der aggressiven Menschenmasse, der unkontrollierten Böllerwürfe und Raketenabschüsse, derart unwohl gewesen, dass sie den Rest des Abends entgegen ihrer Planung nicht in Köln verbrachten, sondern nach Hause fuhren.

„Es erstaunt mich“, sagt Josef K. im Nachhinein, „dass die Polizisten das Gewaltpotenzial nicht erkannt haben. Sie hätten schon um 20 Uhr erste Maßnahmen einleiten müssen.“ Erst kurz vor Mitternacht entschloss sich die Einsatzleitung, die Treppe zwischen Dom und Bahnhofsplatz zu räumen, um eine Massenpanik zu verhindern. Nach allem, was Zeugen schildern, könnte diese Sperrung den Tätern unbeabsichtigt sogar noch in die Karten gespielt haben. In der plötzlich entstandenen Enge zwischen Altem Wartesaal und Hauptbahnhof soll es zu zahlreichen Übergriffen gekommen sein.

Als Hohn empfanden Zeugen und Opfer die Pressemitteilung der Polizei am Neujahrsmorgen: Die Einsatzlage sei entspannt gewesen, heißt es darin – „auch weil sich die Polizei gut aufgestellt und präsent zeigte“.

Diese Auskunft sei falsch gewesen, räumte Albers am Dienstag ein, vier Tage später. Ein „interner Kommunikationsfehler“ habe dazu geführt.