Washington/Berlin - Wenn die spezielle Arbeitsgruppe eines US-Geheimdienstes die Veröffentlichung eines Untersuchungsberichts ankündigt, dann sorgt das schon mal für viel Aufsehen zumindest in den amerikanischen Medien. Auf den Report der UAP Task Force des US-Marinegeheimdienstes Office of Naval Intelligence (ONI), der in dieser Woche veröffentlicht werden soll, aber blickt die ganze Welt mit Spannung. Denn UAP steht für Unidentified Aerial Phenomenal – nicht identifizierte Luftphänomene. Früher sagte man Ufo dazu, doch der Begriff ist bei jenen Militärangehörigen und Wissenschaftlern verpönt, die sich ernsthaft mit Flugobjekten befassen, deren Antriebe und Flugbewegungen mit dem menschlichen Physik-Wissen unerklärbar sind. Wann und wo solche mysteriösen UAP in der Vergangenheit gesichtet wurden, soll nun die Task Force des Navy-Geheimdienstes offenlegen.

Ausgewählte Kongressabgeordnete sind bereits am vergangen Freitag in einem geheimen Briefing vom Inhalt des Reports unterrichtet worden. Danach zeigten sich einige von ihnen gegenüber US-Medien „zutiefst besorgt“ über die Ergebnisse der offiziellen Untersuchung. Der republikanische Abgeordnete Tim Burchett etwa sagte dem Online-Medium TMZ, er sei sich sicher, dass die fliegenden Objekte nicht von einer anderen Militärmacht der Erde, etwa Russland oder China, stammen. „Offensichtlich ist etwas im Gange, mit dem wir nicht umgehen können. Es muss etwas sein, was von ausserhalb unserer Galaxie ist“, sagte Burchett. 

Der demokratische Abgeordnete Sean Patrick Maloney sagte der New York Post, es gebe „da draußen eine starke Vermehrung von Technologien, die man besser verstehen“ müsse. Seine Kollegin Val Demmings sagte, sie sei um die nationale Sicherheit besorgt.  Etwas weniger aufgeregt zeigte sich der Demokrat Mike Quigley. Es könne sein, dass die Öffentlichkeit von dem Bericht eher enttäuscht sei, weil er keine Belege für eine außerirdische Existenz liefere, sagte er. Gleichwohl sprach er sich dafür aus, dass die unerklärlichen Phänomene endlich ernst genommen und die Stigmatisierung der Ufo-Forscher aufgelöst werde.

Einige Beispiele lieferte im vergangenen Monat die US-Fernsehsendung „60 Minutes“, in der mehrere Piloten der US-Air Force ihre Beobachtungen schilderten. Zwei frühere Offiziere etwa erzählten, wie sie während einer Übung ein seltsames Objekt in ihrer Nähe entdeckten und die Verfolgung aufnahmen. Das „Ding“ sei etwa so groß wie ein Kampfflugzeug gewesen, habe jedoch keine Markierung getragen und auch keine Flügel gehabt, berichteten die Augenzeugen. Das Objekt habe dann plötzlich so schnell beschleunigt, dass es zu verschwinden schien, bevor es Sekunden später in knapp 100 Kilometer Entfernung wieder aufgetaucht sei.

Unbekannte Flugobjekte beschäftigen die US-Geheimdienste seit langem

In derselben Sendung erzählte der frühere Navy-Soldat Ryan Graves, dass Piloten „seit einigen Jahren jeden Tag“ Ufos über dem Atlantik sehen würden. „Wären es taktische Jets eines anderen Landes, wäre das ein großes Thema“, sagte er. Weil die Objekte jedoch anders seien, wolle niemand dem Problem ins Gesicht schauen. „Wir ignorieren den Fakt, dass sie da draußen sind und uns jeden Tag beobachten“, sagte Graves.

So ganz ignoriert werden diese Phänomene vom US-Militär jedoch nicht, auch wenn offiziell ungern darüber gesprochen wird. Tatsächlich beschäftigt das Thema der unbekannten Flugobjekte seit Jahrzehnten das US-Verteidigungsministerium und seine militärischen Geheimdienste.

Schon seit 1948 gab es mehrere staatliche Forschungsprojekte zu Ufos, sie hießen Project Sign, Project Grudge und schließlich Blue Book, das im Jahr 1969 endete. Zuletzt bekannt wurden zwei aktuellere Projekte, die seit 2008 im Pentagon angesiedelt sind: das Advanced Aerospace Threat Identification Program (AATIP, zu deutsch: Programm zur Identifizierung fortgeschrittener Luft- und Raumfahrtbedrohungen), das zwar offiziell 2012 eingestellt wurde, faktisch aber weiterlief.

UAPTF
Piloten eines F-18-Kampfjets filmen UAP, ein nicht identifizierbares Luftphänomen.

Eine beunruhigende Zahl von Himmelserscheinungen

Es ist in der im vergangenen Jahr eingesetzten UAP Task Force aufgegangen, die ihren Bericht nun bis spätestens 25. Juni Mitgliedern des Repräsentantenhauses und des Senats vorstellen soll. Im Anschluss daran wird der Report veröffentlicht, wenn auch ohne den als geheim eingestuften Anhang, in dem sich weitere Details über die betroffenen US-Militärobjekte und deren Technik befinden sollen.

Dass das US-Verteidigungsministerium finanzielle Mittel – wenn auch nur begrenzt – für die Ufo-Forschung bereit stellt, hat einen einleuchtenden Grund. Geht das Pentagon doch bei jeder Meldung über verdächtige Flugbewegungen erst einmal davon aus, dass eine feindliche Macht dahinter stecken könnte, die neue und bislang völlig unbekannte Militärsysteme testet.

In den deutlich überwiegenden Fällen ergeben Untersuchungen dann auch natürliche Erklärungen für die vermeintlich beobachteten Phänomene, etwa Wahrnehmungsfehler von Piloten oder Luftspiegelungen. Am Ende aber bleibt doch noch eine beunruhigende Zahl von – häufig auch mit modernster Radartechnik aufgenommenen – Himmelserscheinungen übrig, die sich wissenschaftlich nicht erklären lässt. Das sind jene UAP, die von der Task Force in ihrem angekündigten Report beschrieben werden sollen.

Sind von diesem Bericht also spektakuläre Enthüllungen zu erwarten? „Für die Allgemeinheit ganz bestimmt“, sagt der Fachjournalist Robert Fleischer. „Wir werden daraus sicher erfahren, dass in den vergangenen Jahren wiederholt Flugobjekte mit Eigenschaften gesichtet wurden, die man sich nicht erklären kann. Und dass diese Objekte nicht selten ein gesteigertes Interesse an sensiblen militärischen Einrichtungen aufzuweisen scheinen, die wichtig sind für die nationale Sicherheit. Tatsächlich gab es ja in der Vergangenheit immer wieder Sichtungen solcher Fluggeräte in Kriegs- und Krisengebieten wie etwa dem Persischen Golf, aber auch in der Umgebung von Atomanlagen, atomar betriebenen oder bestückten Kriegsschiffen und Militärobjekten sowie nuklear oder chemisch kontaminierten Gegenden.“

AFP/Handout
Das Pentagon veröffentlichte am 28. April 2020 ein Videostandbild, auf dem ein UAP zu sehen ist.

Ernst zu nehmende Hinweise auf UAPs wurden heruntergespielt

Der 42-jährige Fleischer sitzt im Büro seines Vereins Exopolitik Deutschland in Leipzig-Connewitz und blickt schon jetzt mit großem Interesse auf den 25. Juni, wenn in den USA der UAP-Report veröffentlicht wird. Gar nicht mal deshalb, weil er von diesem Bericht viele neue Informationen oder gar ihm bislang unbekannte Vorgänge erwartet. Seit Jahren wertet der Journalist freigegebene Regierungs- und Militärakten verschiedener Länder aus, spricht mit Ufo-Forschern und Wissenschaftlern aus aller Welt und trägt Aussagen von Augenzeugen zusammen.

Gerade erst hat er zusammen mit Wissenschaftlern aus 27 Länder die International Coalition for Extraterrestrial Research gegründet. Die Experten, darunter anerkannte Physiker und Astronomen, wollen alle bereits vorliegenden Informationen aus freigegebenen Unterlagen zusammenführen und analysieren. Auch mit dem ehemaligen Leiter des AATIP-Programms im Pentagon, Luis Elizondo, hat Fleischer engen Kontakt. „Ich weiß, unter welchem Zeitdruck dieser Bericht entstanden ist, und erwarte daher nicht, dass der Report für Kenner der Materie viel Neues enthalten wird“, sagt er dann auch.

Viel mehr interessiert Fleischer dagegen, welche Folgen der UAP-Report für den öffentlichen Umgang mit dem Ufo-Thema haben wird. Auch in Deutschland. „Hierzulande haben die Medien ja seit Jahrzehnten das Thema kleingeschrieben und lächerlich gemacht“, sagt er. „Selbst als im vergangenen Jahr Videos vom US-Militär veröffentlicht wurden, die ernst zu nehmende Hinweise auf UAPs enthielten, wurde das heruntergespielt. Und wer sich dafür interessierte und darüber berichtete, wurde als Spinner abgetan.“

Zudem könnten die Enthüllungen des UAP-Berichts zu einer Vertrauenskrise in die Politik führen. „Es gibt ja inzwischen unzählige freigegebene Militärakten aus den 1950er-Jahren bis in die 1990er-Jahre, aus denen klar hervorgeht, dass die Amerikaner diese Phänomene schon immer auf dem Schirm hatten und nie das Interesse daran verloren haben“, sagt er. „Wenn sie jetzt, nach Jahrzehnten des Leugnens, damit herausrücken, was sie vor der Öffentlichkeit verborgen hielten, dann werden sich manche schon fragen: Was hält die Regierung noch so vor uns geheim?“ Deshalb sei es spannend zu sehen, wie die Amerikaner ihren Bericht formulieren werden.

Barack Obama: „Wir müssen wirklich herausfinden, was das ist“

Die Erwartungen an den Report haben einige hochrangige Politiker und Militärs in den letzten Monaten hochgetrieben. So hatte der frühere US-Präsident Barack Obama in der „Late Late Show“ auf CBS gesagt: „Wahr ist, es gibt Aufnahmen von Objekten am Himmel, von denen wir nicht genau wissen, was es ist.“ Die Flugbahnen und Bewegungen der mysteriösen Objekte könne man nicht genau erklären, sie seien schneller und manövrierfähiger als alles, was es beim US-Militär gebe. „Wir müssen wirklich herausfinden, was das ist“, so Obama.

Auch John Ratcliffe, gegen Ende der Trump-Regierung Direktor der nationalen Nachrichtendienste, bestätigte in einem TV-Interview, dass es viel mehr Sichtungen als bisher öffentlich bekannt gebe. Viele dieser Beobachtungen seien zudem nicht nur mit Augenzeugenberichten dokumentiert, sondern es gebe auch Daten von Sensoren. Diese Objekte seien etwa von Satelliten aufgenommen worden. Sie hätten Bewegungen vollführt, die sich nur dadurch erklären ließen, dass sie über eine Technologie verfügen, „die wir nicht haben“.

Christopher Mellon, der unter den US-Präsidenten Bill Clinton und George W. Bush stellvertretender Verteidigungsminister für Geheimdienste war, pflichtete Ratcliffe bei. „Was das Pentagon bestätigt, ist, dass es tatsächlich Flugzeuge gibt, die eingeschränkten Luftraum verletzt haben“, sagte Mellon in der bereits erwähnten TV-Sendung „60 Minutes“. „Das ist passiert und passiert weiter und wir wissen nicht, woher sie kommen, wir verstehen die Technologie nicht.“

Avi Loeb, Professor für Astrophysik an der Harvard University und Direktor des Institute for Theory and Computation am Harvard-Smithsonian Center for Astrophysics, hob gegenüber der Deutschen Welle die Bedeutung des UAP-Berichts hervor: „Der neue Report unterscheidet sich von Diskussionen über Ufos oder UAPs in der Vergangenheit, weil ihm Beweismaterial zugrunde liegt, das von militärischem Personal mithilfe von Instrumenten wie Radar, Infrarotkameras und regulären Kameras aufgezeichnet wurde.“ Die Informationen in dem Bericht würden höchstwahrscheinlich auf „die mögliche Existenz von Objekten (hindeuten), die sich auf eine Weise verhalten, die wir mit unseren Technologien nicht erklären können“.

So sieht es auch Luis Elizondo, der das AATIP-Projekt geleitet hatte. Der Washington Post sagte er, dass man es mit einer Technologie zu tun habe, „die mehrere Generationen vor dem liegt, was wir als Technologie der nächsten Generation betrachten“. Was da gefilmt worden sei, sei uns zwischen 50 und 1000 Jahre voraus. 

Dass sich in den vergangenen Jahren die politische Sicht in den USA auf das UAP-Phänomen verändert hat, hängt mit einer spektakulären Enthüllung aus dem Jahre 2017 zusammen. Damals berichteten Medien darüber, dass es am 14. November 2004 einen Ufo-Vorfall mit dem Flugzeugträger „USS Nimitz“ gegeben haben soll. Der Flugzeugträger, der seinerzeit vor der amerikanischen Westküste kreuzte, hatte ein neuartiges Radarsystem erprobt. Plötzlich wurden dadurch mehrere unbekannte Flugobjekte sichtbar, die das Schiff umschwirrten. Über den Vorfall gibt es geheime Dokumente und ein Video, wie das Pentagon 2019 bestätigte.

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Ein weiteres  unidentifizierbares Luftphänomen. 

Videos von Ufo-Sichtungen, die aus Kampfflugzeugen aufgenommen wurden

Bereits nach den Medienberichten von 2017 gab es eine Reihe von geheimen Briefings mit Politikern aus Kongress und Senat. Den Teilnehmern wurden dabei auch die Radaraufnahmen der Flugobjekte gezeigt. Alle Politiker waren sich einig: Wenn diese Dinger in der Nähe unserer sensiblen Militärobjekte herumschwirren, müssen wir das als Bedrohung unserer nationalen Sicherheit werten. Deshalb muss das untersucht werden.

Nach dem Bekanntwerden des „USS Nimitz“-Vorfalls gelangten in den Jahren 2017 und 2018 weitere geleakte Videos von Ufo-Sichtungen, die aus Kampfflugzeugen heraus aufgenommen worden waren, an die Öffentlichkeit. 2019 bestätigte das Pentagon die Echtheit der Aufnahmen. Im April 2020 veröffentlichte das Verteidigungsministerium selbst die drei aus den Jahren 2004 und 2015 stammende Videos und erklärte: „Die Phänomene, die in den Videos zu sehen sind, sind weiterhin als ‚nicht identifiziert‘ eingestuft.“

Im vergangenen Mai schließlich wurde ein Video bekannt, das angeblich ein Ufo zeigen soll, das vor der Küste Kaliforniens ins Meer stürzt. Das Pentagon bestätigte später, dass Angehörige der Navy das Video aufgenommen hätten und es nun von der UAP Task Force untersucht werde.

Ob dieses Video aber bereits in dem jetzt erwarteten Bericht auftauchen wird, ist fraglich. Wie es heißt, haben die Mitglieder der Arbeitsgruppe schon angedeutet, dass ihr in nur gut sechs Monaten Arbeit entstandener Report lediglich als Zwischenbericht angesehen werden kann. Man brauche noch mehr Zeit, um die vielen Daten, Berichte und Informationen gründlich auswerten zu können. Kein Wunder, denn der FBI-Agent Fox Mulder hat es uns schon in der Fernsehserie „Akte X“ verraten: „Die Wahrheit“, sagte Mulder, „ist irgendwo da draußen.“