Odessa - Das Holz fühlt sich fest und glatt an, obwohl es keine Akazie ist wie in Berlin, sondern Kiefer. „Kiefer ist billiger“, sagt Alexei Jeremiza. „Und wir schweißen keine sechs, sondern acht Millimeter dicke Eisenbeschläge. Weil ein Spielplatz in Odessa mehr Rabauken aushalten muss als in Deutschland.“ Alexei Jeremiza schwärmt von Berlin, wo seine Kinder zweieinhalb Jahre zur Schule gingen, in Wilmersdorf. „Da hab ich die ersten hölzernen Kinderspielplätze gesehen.“ Er plaudert in Hochgeschwindigkeit, die Kommas setzt er mit einem Lächeln. Der Mann ist eine Frohnatur.

Vor fünf Jahren war Alexei Jeremiza, 39, noch Vizegouverneur der ukrainischen Schwarzmeerregion Odessa, zuständig für das Bauwesen. Aber die Maidan-Revolte brodelte schon, am 22. Februar 2014 stürzten prowestliche Aufständische in der Hauptstadt Kiew den Präsidenten Viktor Janukowitsch und sein Regime. Auch Jeremiza wurde abgesetzt.

Damals war er Mitglied von Janukowitschs russlandfreundlicher Partei der Regionen, jetzt sitzt er als Abgeordneter für deren ebenfalls russlandfreundliche Nachfolgepartei Oppositionsblock im Stadtrat von Odessa. Er sagt, er habe während der vier Monate währenden Maidan-Rebellion angesichts von Janukowitschs kriminell-korruptem Regime im Stillen mit den Einheimischen sympathisiert. „Aber das Ergebnis, der Assoziierungsvertrag mit der EU, hat unsere Industrie ruiniert. Und die Korruption ist nicht verschwunden.“

Odessa ist sehr alt und sehr jung

Die Rebellion, die friedlich begann, wurde angesichts immer neuer Übergriffe der Sicherheitskräfte erst gewalttätig, dann blutig. Die Auseinandersetzungen in Kiew eskalierten zwischen dem 18. und dem 20. Februar 2014, es gab Schießereien, mehr als 100 Menschen kamen zu Tode, zum Großteil Rebellen. Und Moskau antwortete auf den prowestlichen Regimewechsel mit der Annexion der Krim, zettelte im Frühjahr in der Ostukraine Aufstände an. Auch in Odessa brachen am 2. Mai 2014 Straßenkämpfe aus. Das Gewerkschaftshaus, in dem sich Anhänger Russlands verschanzt hatten, geriet in Brand, 48 Menschen kamen um. „Die Staatsmacht brauchte diese Opfer“, meint Jeremiza, „um dem Anti-Maidan ein Ende zu machen.“

Der blutige Trennstrich von damals hängt noch immer über der Einmillionen-Stadt. Zugleich haben es Anhänger wie Gegner des Maidans weiter mit altbekannten Phänomenen zu tun: Korruption und Kriminalität.

Odessa ist sehr alt und sehr jung. Ein Großteil der Architektur stammt aus dem 19. Jahrhundert, die Jugendstilfassaden bröckeln oben. Unten aber drängen sich Frühstückscafés. Der Asphalt vieler Nebenstraßen ist bucklig. Auf ihm eilen beturnschuhte junge Leute mit unternehmungslustigen Gesichtern Richtung Stadtzentrum. Maidan-Aktivisten und Politologen verabreden sich zum Interview in Kneipen mit 17 verschiedenen Sorten Craft-Beer. Odessa gilt als lebenslustig, besitzt nach der Annexion der Krim nicht nur den letzten großen Schwarzmeerhafen der Ukraine, sondern auch ihre längsten Urlaubsstrände. Und in der Fußgängerzone auf der Deribasiwska flanieren türkisch sprechende Männergrüppchen, der Sextourismus hat rund ums Jahr Saison.

Das Gerichtsverfahren, das das Blutbad vom 2. Mai 2014 aufklären soll, kommt nicht voran. Vor dem Gewerkschaftshaus versammeln sich jeden Sonntag etwa 40 Leute, um Vergeltung zu fordern. Die meisten haben graue Haare und tragen ärmliche Kleider. Eine greise Frau liest ein Puschkin-Gedicht vor, hier sehnt man sich nach Russland und der untergegangenen Sowjetunion.

Den Alten in Odessa geht es schlecht unter dem neuen ukrainischen Kapitalismus. Jeremizas Eltern, der Vater ein früherer Trolleybusfahrer, die Mutter eine Straßenarbeiterin, bekommen zusammen umgerechnet 104 Euro Rente im Monat. Aber allein Gas, Strom und Wasser kosten sie über 110 Euro.

„Die Ukraine kann nur als Korridor, als Brücke zwischen Europa und Russland, überleben“

Poroschenko und sein Westkurs sind in der Region nicht mehrheitsfähig. Nach Umfragen aus dem vergangenen Jahr sind nur 15 Prozent ihrer Bewohner für einen Beitritt zur Nato, dreimal weniger als in der übrigen Ukraine. Und als auf dem Bahnhof, im Nachtzug nach Kiew, jemand englisch spricht, murrt ein beleibter Herr in Lederjacke mit Pelzkragen laut: „Was, haben wir einen Ami-Scheißer im Abteil?“

Die Lager von 2014 haben sich noch immer nicht aufgelöst. „Damals“, sagt Alexander Sibirzew, Oppositionsjournalist, Historiker und Karate-Trainer, „waren in Odessa 80 Prozent für Russland, 20 Prozent für den Euromaidan.“ Aber diese 20 Prozent seien bedeutend jünger und passionierter gewesen.

Auch der Politologe Witali Ustimenko, 25, ein Schlaks mit dunklem Haar, steht auf der prowestlichen Seite der Barrikaden. Er gehörte zu den Gründern der „Selbstverteidigung“, gut 200 Odessiten, die sich im Frühjahr 2014 mit Helmen, Schildern und Schlagstöcken bewaffneten, um ihre patriotischen Kundgebungen zu schützen. Die kriegerische Romantik von damals ist vorbei, geschäftstüchtige Ex-Kameraden haben die „Selbstverteidigung“ zu einer Wachschutz-Firma umfunktioniert.

Witali Ustimenko ist jetzt als Korruptionsbekämpfer in Odessa aktiv, hat dabei immer wieder mit dem Abgeordneten Jeremiza zu tun. Beide finden die politischen Ansichten des anderen eher entsetzlich. „Das wichtigste Ergebnis des Maidans ist die ukrainische Zivilgesellschaft, die es nie zulassen wird, dass unser europäischer Vektor wieder russisch oder sowjetisch wird“, erklärt Ustimenko. „Die Ukraine kann nur als Korridor, als Brücke zwischen Europa und Russland, überleben“, verkündet dagegen Jeremiza. „Sie muss in beide Richtungen schauen.“

Odessa gilt als Hochburg der ukrainischen Korruption.

Einer Meinung sind die beiden, wenn es um das Thema Korruption geht. Ustimenko schlägt sich seit Jahren mit einem Ex-Staatsanwalt herum, dessen Familie ein Vier-Sterne-Hotel auf den Sandstrand am Meer gebaut hat, keine 50 Meter von der Wasserlinie entfernt. Der Staatsanwalt wurde deshalb entlassen, gerade ist seine Verleumdungsklage gegen Ustimenko gescheitert. Dutzende solcher Immobilien entstehen widerrechtlich in der Hundert-Meter-Schutzzone am Meeresufer. „Die Steilküste ist lehmig“, erklärt Jeremiza dazu, „und die Gefahr, dass die Gebäude zusammen mit ihr ins Meer rutschen, ist groß.“ Seit den Sechzigerjahren habe niemand mehr Geld in die Befestigung der Küste gesteckt.

Er und Ustimenko erzählen ähnliche Geschichten aus dem Bauwesen. Von Strandprojekten, die als Bootsstation genehmigt und als Delfinarium gebaut wurden. Von Haushaltsmitteln für die Renovierung historischer Baudenkmäler, die nur in Immobilien gesteckt werden, welche Beamten, Parlamentariern oder ihren Spezis gehören.

Odessa gilt als Hochburg der ukrainischen Korruption. Seit Jahren schreiben die Zeitungen über die kriminellen Kontakte des Bürgermeisters Gennadi Truchanow, seit Monaten läuft ein Korruptionsverfahren gegen ihn, aber auch dieser Gerichtsprozess kommt nicht voran. Eine juristische Schwebe, die nach Einschätzung örtlicher Politologen vor allem Präsident Petro Poroschenko nutzt. Er erwartet vom Bürgermeister tatkräftige Hilfe bei den Präsidentschaftswahlen Ende März. Wie der ansonsten in seiner Stadt wirtschaftet, ist weniger wichtig. Und auch eine Etage weiter unten in der politischen Hierarchie von Odessa gilt es als eiserne Regel, dass man der Obrigkeit keinen Ärger macht. Wer sich nicht daran hält, bekommt selbst Probleme.

„Wir leben wie US-Gewerkschaftler Anfang des 20. Jahrhunderts“

Der streitbare Abgeordnete Alexei Jeremiza wurde im Oktober 2016 in seinem Auto vor einer roten Ampel von Unbekannten mit Pfefferspray und Fußtritten angegriffen. Ein Einschüchterungsversuch, sagt er. Von den Tätern fehlt jede Spur. „Der Grund war wohl meine Tätigkeit als Abgeordneter, die den städtischen Behörden kaum gefallen hat.“

Witali Ustimenko wiederum wird im Internet als „schwuler Bandera-Jude“ angefeindet. Und gerade hat die Polizei die beiden Personenschützer abgezogen, die ihn begleiteten, nachdem ihn im vergangenen Juni zwei Totschläger mit angespitzten Schraubenziehern attackiert hatten. Die Täter wurden inzwischen gefasst, ihre Hintermänner bleiben im Dunkeln. „Wir leben wie US-Gewerkschaftler Anfang des 20. Jahrhunderts“, sagt ein Mitstreiter von Ustimenko, der Seemann Igor Kalmykow. „Ein Menschenleben zählt nichts.“ Kalmykow und seine Freunde versuchen, Witali Ustimenko so wenig wie möglich alleinzulassen.

Spielplätze wie in Wilmersdorf

Alexei Jeremiza steht in seiner neuen Schreinerei, die er in den Wirtschaftsgebäuden der ehemaligen Synagoge an der Welika Arnautska eingerichtet hat, mit sechs Mitarbeitern und mit Sägebänken aus Österreich.

Fünf Holzspielplätze nach Berliner Vorbild haben sie schon gebaut. Jeremiza erzählt, inzwischen gebe es 40 Aufträge für weitere Kinderspielplätze, von Kommunalfirmen, Wohnungsgenossenschaften, aber auch anderen Abgeordneten. In Odessa verfüge jeder Stadtparlamentarier über einen Sozialetat von umgerechnet 49 000 Euro. Und er schlage den Kollegen vor, seine deutschen Kinderspielplätze zu kaufen.

Bei postsowjetischen Politikern gelten gut sichtbare Investitionen, ob neue Parkbänke oder reparierte Krankenhausdächer, als die besten Argumente für die Wiederwahl. Ein schöner Holzspielplatz ist kaum zu toppen.

Ist das auch eine Art Vorteilsnahme? Sicher, gesteht Jeremiza, er sei selbst der Lobbyist seiner Geschäftsidee. Aber er zahle niemandem Schmiergeld für einen überteuerten Auftrag. „Inklusive Montage kosten meine Holzgeräte nicht mehr als chinesische Plastikspielplätze.“ Er lächelt wieder. „Ich bin ehrlich und fühle mich wohl dabei.“

Auch Odessa macht kleine Schritte in Richtung Europa, zumindest in Richtung Wilmersdorf.