Polen-Experte: „Die Grenzen von heute spiegeln die Konflikte von gestern“

Sind alle Polen Waffenenthusiasten? Ist es an der polnisch-russischen Grenze wirklich so gefährlich? Brauchen wir überhaupt Grenzen? Ein Gespräch mit Stanislaw Strasburger.

Soldaten stehen auf einem Truppenübungsplatz während der Militärübung "NIEDZWIEDZ-22" im Südosten von Polens.
Soldaten stehen auf einem Truppenübungsplatz während der Militärübung "NIEDZWIEDZ-22" im Südosten von Polens.dpa/Darek Delmanowicz

Stanislaw Strasburger ist Reporter und Buchautor, er lebt in Berlin, reist aber sehr oft nach Warschau. Dieses Gespräch über Grenzen und den Frieden in Europa ist in Litauen entstanden.

Herr Stanislaw Strasburger, Polen gilt als ein Land mit hoher Zustimmung für den Krieg der Ukraine gegen Russland. Ist diese Sichtweise berechtigt?

In Polen haben wir ein Sprichwort: Wo sich zwei Polen treffen, gibt es drei Meinungen. Ich persönlich halte solche Verallgemeinerungen, die die Ansichten von knapp 40 Millionen Menschen auf ein paar statistische Werte reduzieren, für hoch problematisch. Aus der Perspektive eines Autors, der seit mehreren Jahren zu EUtopie, einer neuen Vision für Europa, schreibt, fällt mir hier eine gewisse Spannung auf. Einerseits ist die Position der großen Mehrheit der politischen Eliten im Land unmissverständlich. Das Gebot der Stunde ist die Solidarität mit Kiew in seinem Bestreben, den Konflikt mit militärischen Mitteln auszutragen. Diese Haltung wird von beispiellosem bürgerlichen Engagement begleitet, den aus der Ukraine flüchtenden Menschen zu helfen.

Andererseits betreibt Warschau eine bestimmte Erinnerungspolitik, die bei weitem nicht nur auf das Konto der aktuellen PiS-Regierung geht. Bildung, staatlich geförderte Kultur, sogar die Ausgestaltung des öffentlichen Raumes fokussiert nach wie vor die Darstellung der damaligen Bewohner Polens als Opfer zweier Totalitarismen – von Hitler und von Stalin. Mit einer solchen Politik geht ein bestimmter patriotischer Wertekodex einher. Das Leben eines Individuums ist der vermeintlichen Pflicht untergeordnet, das Vaterland zu verteidigen. Gleichzeitig ist die Erinnerung an die Opfer des Zweiten Weltkrieges innerhalb der Familien und im Alltag nach wie vor sehr lebendig.

Der Vater meines Vaters und viele andere Mitglieder meiner Familie wurden von den Nazis ermordet, die materielle Existenzgrundlage der Überlebenden wurde weitgehend zerstört. Das betrifft so gut wie jede Familie im Land. Bis heute wecken solche Erinnerungen tiefe Trauer, aber auch Wut und Zorn.

Die aktuelle polnische Politik gegenüber Kiew wird also von einem Bewusstsein begleitet über den Preis, den die Menschen gegebenenfalls für eine solche Politik bezahlen müssen. Dieses Bewusstsein wird von Medien und Politikern wenig thematisiert. Daher ist es kaum sichtbar. Doch das darf nicht wundern: Über Offensichtlichkeiten redet man schließlich nicht. Das polnische und ein Stück weit das europäische kollektive Bewusstsein bleiben von dem Grundsatz „Nie wieder Krieg“ stark geprägt.

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Foto: Simone Falk
Zum Autor
Stanislaw (Stan) Strasburger ist Schriftsteller, Publizist und Kulturmanager. Seine Schwerpunkte sind Erinnerung und Mobilität, er sucht nach der EUtopie und schätzt die Achtsamkeit. Sein aktueller Roman „Der Geschichtenhändler“ erschien 2018 auf Deutsch (2009 auf Polnisch und 2014 auf Arabisch). Der Autor wurde in Warschau geboren und lebt abwechselnd in Berlin, Warschau und diversen mediterranen Städten. Zudem ist er Ratsmitglied des Vereins Humanismo Solidario.

Wird der Krieg zwischen der Ukraine und Russland als Bedrohung empfunden?

Bedrohung ist ja vor allem ein Gefühl. Da fallen sachliche Analysen weniger ins Gewicht als Bilder und Narrative, die von Medienmachern oder Politikern verbreitet werden. Das zeigt der Fall des sogenannten Suwałki-Korridors. Im Sommer 2022 führte ein Medienforschungsinstitut an der Uni Warschau eine interessante Untersuchung durch. Aus ihr ging hervor, dass die Bewohner der nordöstlichen Woiwodschaft Podlaskie – dort liegt der Korridor – große Zukunftsängste im Hinblick auf den Krieg in der Ukraine haben. Vor dem Ausbruch des Krieges interessierte sich kaum jemand für die Region Suwałki. Die Gegend war bekannt als der polnische Kältepol. Sie galt als Naturparadies, wenn auch als verarmt und vernachlässigt. Die hier ansässigen, exotisch anmutenden Minderheiten, wie etwa die sogenannten Lipka-Tataren, und die hervorragende lokale Küche zogen Touristen an. Der Begriff Suwałki-Korridor stammt aus dem Militär. Erst vor kurzem wurde er durch Medienbeiträge rund um die Nato-Übungen in der Gegend bekannt.

Viele dieser Medienbeiträge erwecken bei mir Unbehagen. Ihre Autoren, mitunter aus dem fernen Ausland angereist, ohne vertiefte Kenntnis der Region, gänzlich auf Übersetzer und sogenannte Fixer angewiesen, schaffen gerne starke Kontraste. So zeichnen sie auf der einen Seite das Bild einfacher Menschen in den hiesigen Dörfern und Städtchen, idyllisch, ein wenig rückständig und pittoresk zugleich. Auf der anderen Seite wird ein Bild des Barbaren Putin evoziert und des leichtsinnigen Westens, der die Bedrohungen am „gefährlichsten Ort der Welt“ (Matthew Karnitschnig/Politico, Anm. d. Red.) verkennt.

Solche Beiträge erinnern mich an orientalisierende Beschreibungen exotischer Länder im Sinne von Edward Said. Wir seien die Fackel des Fortschritts und der Gerechtigkeit, und den Rest der Welt würden entweder naive Naturvölker, triebhafte Wilde oder ideologische Fanatiker bewohnen. Dabei werden eigene Ängste auf die Anderen projiziert und geopolitische Interessen ausgespielt. Journalismus ist das sicher nicht.

Anfang der 1990er-Jahre gab es russische Pläne, eine exterritoriale Autobahn von Belarus nach Kaliningrad über Suwałki und Gołdap zu bauen. Haben wir es hier mit einer Wiederholung der Geschichte zu tun?

Im Jahr 1993 war ich ein Teenager. Damals waren die Balkankriege für mich eine prägende Erfahrung. Der UN-Sonderberichterstatter in diesem Konflikt war der erste polnische Premierminister nach der Wende, Tadeusz Mazowiecki. Seine damalige Erfahrung bleibt für mich auch heute im Kontext des Ukraine-Krieges eine Mahnung. Die internationale Staatengemeinschaft inklusive der sogenannten Großmächte war damals nicht sonderlich bemüht, sich für den Frieden und das Wohlergehen der betroffenen Menschen einzusetzen. Die USA, Russland, Deutschland, Israel und sogar die Ukraine verfolgten in der Region offenbar ganz andere Ziele. So haben zum Beispiel die US-Amerikaner nicht nur der UN-Truppe vor Ort Aufklärungsinformationen verweigert, die womöglich die tragische Fehleinschätzung im Vorfeld des Massakers in Srebrenica hätten verhindern können. Trotz des Embargos ließ das Pentagon Waffen an verfeindete Konfliktparteien (sic!) mithilfe des Irans und der Hisbollah liefern. Hat sich die Welt seitdem wesentlich verändert?

Das Thema exterritoriale Korridore hat das kollektive Bewusstsein zahlreicher Polen stark geprägt. Bis heute lernen wir in den Schulen über Hitler, der eine exterritoriale Verbindung durch das polnische Gebiet nach Ostpreußen verlangte. Aus heutiger Sicht besteht kaum ein Zweifel, dass unabhängig davon, wie die Entscheidung Warschaus ausgefallen wäre, Polen angegriffen worden wäre. Es heißt, die Geschichte wiederhole sich. Einerseits sind aber seit 1993 dreißig Jahre vergangen und in der Suwałki-Region blieb es friedlich. Andererseits lassen zahlreiche geschichtliche Analogien vermuten, dass Staaten, deren Territorium aufgeteilt und durch Grenzen voneinander abgetrennt wurde, das nicht lange hinnehmen. Das wirft die Frage nach dem Verlauf der Staatsgrenzen in Europa auf. Der Grundsatz der Unantastbarkeit der Grenzen, die auf dem Kontinent nach dem Zweiten Weltkrieg gezeichnet worden sind, steht in klarem Widerspruch zu der Tatsache, dass diese Grenzen über die Köpfe der Menschen hinweg gezogen worden sind. Das Grauen des Weltkrieges war noch gar nicht vorbei, als weitere ethnische Säuberungen flächendeckend stattfanden. Zusammengewachsene Regionen wurden durch Staatsgrenzen geteilt, es wurde systematisch gestohlen und enteignet, regionale Nachbarschaftsnetzwerke, die den Krieg überdauert hatten, wurden zerstört. Ich glaube nicht, dass wir auf einen dauerhaften Frieden auf dem Kontinent hoffen können, ohne dass wir uns dem Erbe der ungerechten Grenzen in Europa stellen.

Letzten Sommer waren Sie selbst in der Grenzregion zwischen Polen und Litauen für eine journalistische Recherche unterwegs. Welche Eindrücke sind bis heute geblieben?

Auffallend fand ich den Kontrast zwischen dem Alltag der dortigen Menschen und dem Narrativ der globalen Politik. Auf der einen Seite die Bedrohung durch einen möglichen überregionalen Krieg. Auf der anderen Seite das alltägliche Leben, das von der Angst vor der nahen Zukunft geprägt ist, etwa im Kontext der steigenden Energie- und Lebensmittelpreise, der winterlichen Kälte – Kältepol! – oder der Unterbrechung der Lieferketten. Nach zweieinhalb Jahren Covid-19, als man meinte, das Schlimmste hinter sich gebracht zu haben, fühlten sich viele Menschen stark verunsichert. Und sie stellten auch konkrete Fragen: Ist eine Erhöhung des Butterpreises um circa 100 Prozent im Vergleich zu vor drei Jahren wirklich auf die Pandemie und den Krieg in der Ukraine zurückzuführen? Oder vielmehr auf ein Totalversagen unserer Agrarpolitik, auf spekulative Lebensmittelgeschäfte und darauf, dass unsere Staaten unwillig und/oder unfähig sind, sich dem entgegenzusetzen? Die Mitglieder der Lokalverwaltung in der Suwałki-Region haben viel davon erzählt, dass die Bedürfnisse der Bürger, die fernab von den großen Machtzentren leben, kaum wahrgenommen werden. Eine dysfunktionale Bürokratie, dem digitalen und mobilen Zeitalter völlig unangepasste Modelle der demokratischen Partizipation, die gescheiterte Umverteilung finanzieller Mittel, die Mobilität und die Entvölkerung zahlreicher Regionen wegen massiver infrastruktureller Mängel stellen enorme Herausforderungen dar. Hinzu kommt das Altern der Bevölkerung, das marode Bildungs- und Gesundheitswesen.

In den von mir bereisten Regionen begegnete ich einem hohen Bewusstsein für diese Zustände. Damit ging ein Gefühl völliger Machtlosigkeit gegenüber diesen Problemen einher, die auf lokaler Ebene gar nicht lösbar sind. Angst vor dem Krieg und vor einem globalen Kollaps ist kein guter politischer Berater. Einfach den einen oder anderen Brand zu löschen und sich dann auf die faule Haut zu legen, reicht heute nicht mehr aus. Wir brauchen einen Wandel. Von einem kurzsichtigen Angstmanagement hin zu einem visionären Umbau der maroden Welt, in der wir heute leben. Wir brauchen eine EUtopie.

Ist das Europa, in dem wir heute leben, wirklich so marode und unsicher?

Militärbündnisse, seien sie auch noch so „erweitert“ und prächtig, geben keine Garantie für den Frieden. Das Engagement der USA in Vietnam und Laos oder das sowjetische in Afghanistan zeigen, zu welchen Katastrophen „gerechte“ Kriege führen, ohne auch nur den Hauch einer tragbaren Lösung anzubieten. Sie zeigen auch, dass jedes Militärengagement plötzlich aufgegeben werden kann. Den Preis zahlen die Menschen vor Ort. Die Jahrzehnte des relativen Friedens in Europa sind meiner Meinung nach nicht auf die Stabilität unserer Nationalstaaten mit ihren aktuellen Grenzen und politischen Ordnungen zurückzuführen. Vielmehr war die bipolare Welt des Kalten Krieges eine besondere Machtkonstellation, deren Interessen dieser Frieden diente.

Und wenn es darauf ankam, wurde er mithilfe durchaus undemokratischer Mittel gewahrt. Ab 1989 war das nicht mehr aktuell. Und plötzlich kam zum Vorschein, dass unsere Staaten an und für sich nicht unbedingt dafür gemacht sind, gute Nachbarschaften zu pflegen und den Frieden zu fördern. Die Balkankriege, die regionalen Spannungen in Spanien oder in Italien, die Wahlerfolge der Populisten, die Konflikte in Georgien oder in der Ukraine sind nur ein paar Beispiele von vielen, von der Levante und Nordafrika ganz zu schweigen. Indem wir versuchen, krampfhaft an der genannten Ordnung festzuhalten, machen wir uns etwas vor. Wir kämpfen nämlich nicht für Gerechtigkeit und Frieden. Vielmehr hängen wir an einer maroden geopolitischen Ordnung fest, die sich letztlich nach der machtpolitischen Konstellation des Kalten Krieges sehnt.

Weder ist diese Ordnung den Herausforderungen der globalen Welt von heute gewachsen, noch fördert sie das Wohlergehen der Bürger. Vielmehr bringt sie Unheil. Wir mutieren zu vergreisten Verwaltern einer angeschlagenen Erbschaft, die für eine Welt zugeschnitten war, die es nicht mehr gibt. Wenn wir den Kalten Krieg nicht einfach nur mit denselben oder auch mit anderen Akteuren reproduzieren wollen – China steht ja in den Startlöchern –, brauchen wir dringend einen Neustart. EUtopie bedeutet auf Griechisch „ein guter Ort“. EUtopie fängt mit Grundsatzfragen an. Zum Beispiel nach dem Sinn der heutigen Grenzen in Europa. EUtopie ist ein Aufruf, Europa neu zu verhandeln, mit allen Beteiligten und partizipatorisch. Und es ist auch ein Appell an die Politiker: Sollen sie endlich aufhören, nur Brände zu löschen, sondern den Mut haben, eine bessere Welt zu schaffen, im Hinblick auf das Wohlergehen ihrer Bürger.

Dieses Gespräch wurde in seiner litauischen Fassung in der Zeitung „Suvalkietis“ veröffentlicht, das Gespräch führte Algis Vaškevičius.

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