Kiew/Moskau - Meldungen über erneute Truppenbewegungen an der russisch-ukrainischen Grenze haben am Freitag Befürchtungen über ein Aufflammen der Kämpfe in der Ostukraine geschürt. Dutzende Panzer und Militärfahrzeuge drangen nach Angaben aus Kiew von Russland aus in die Ukraine ein. Es habe trotz offizieller Waffenruhe fünf Tote und 31 Verletzte gegeben. Russland weist die Vorwürfe zurück.

Laut dem ukrainischen Armeesprecher Andrej Lyssenko drang eine Kolonne von 32 Panzern von Russland aus in die Ukraine ein. Sie habe zusammen mit 30 Lastwagen voller Kämpfer, 16 Haubitzen sowie weiterem Militärgerät die Grenze zu der von prorussischen Separatisten kontrollierten Region Lugansk überquert. Die Kolonne bewegte sich demnach auf die Stadt Krasny Lutsch zu.

In einem Gespräch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel beklagte sich der ukrainische Präsident Poroschenko darüber, dass Russland ohne Absprache Lastwagenkolonnen voller Hilfsgüter schicke. Dagegen würden die Separatisten keine ukrainischen Hilfsgüter in die Unruheregionen durchlassen.

Großmanöver auch in Osteuropa vorstellbar

Der Nervenkrieg zwischen der Nato und Russland geht offenbar in eine neue Phase. Als erster hochrangiger Vertreter des Bündnisses brachte der deutsche Vier-Sterne-General Hans-Lothar Domröse Übungen großer Truppenverbände in der Nähe der russischen Grenze ins Gespräch. „Wir haben bisher Großmanöver von 25 000 bis 40 000 Mann nur in den westlichen Nato-Länder durchgeführt“, sagte der Oberbefehlshaber für Nord- und Osteuropa der „Welt“, „ich kann mir gut vorstellen, dass wir das in Zukunft auch in Osteuropa und im Baltikum machen.“ Die dortigen Bündnismitglieder hatten sogar die ständige Stationierung größerer Truppenverbände gefordert. Die Nato habe gesehen, „dass die russischen Truppen verdammt schnell sind“.

Auf ihrem jüngsten Gipfel hatte die Nato bereits eine neue „Speerspitze“ beschlossen. Die schnelle Eingreiftruppe von 5000 bis 7000 Soldaten soll im Krisenfall innerhalb von zwei bis fünf Tagen an jedem möglichen Einsatzgebiet zur Verteidigung des Bündnisterritoriums sein. Ihren Probelauf soll die neue Truppe im kommenden September bei einem Manöver in Südeuropa absolvieren.

Die Bereitstellung der Speerspitze bedeutet eine gewaltige logistische Aufgabe. Denn die zugeordneten Truppen bleiben zunächst an ihren Heimatstandorten. Im Krisenfall müssen sie über „eine „riesige Luftflotte verfügen, damit sie schnell am Einsatzort sein können“, hob Domröse hervor. Das sei „eine der größten Herausforderungen für die Nato-Länder“. Erst kürzlich hatte sich gezeigt, dass nicht nur die Bundeswehr, sondern auch die Armeen anderer Bündnispartner große Probleme haben, genügend einsatzfähige Flugzeuge bereitzustellen.