Die verbliebenen ukrainischen Truppen in der belagerten Hafenstadt Mariupol haben ein russisches Ultimatum zur Aufgabe verstreichen lassen. Laut Angaben des russischen Verteidigungsministeriums wollen sich die eingekesselten Soldaten nicht ergeben. Die Verteidiger sollen sich vor allem im Stahlwerk Asowstal verschanzt haben, so der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, am Sonntag in Moskau. Das Ultimatum war am Sonntag 12 Uhr mitteleuropäischer Zeit abgelaufen. Welche Stadtteile von Mariupol derzeit noch unter Kontrolle der ukrainischen Streitkräfte stehen, ist unklar.

Erinnerung an die Schlacht von Ilowaisk

Moskau hatte den Verteidigern das Ultimatum gestellt und den Soldaten im Fall einer Kapitulation zugesichert, sie würden am Leben bleiben. Diese hatten zuvor in mehreren Videobotschaften erklärt, bis zum Ende kämpfen zu wollen. Angesichts der russischen Massaker in Butscha und anderen Orten der Region Kiew sehe man, dass Russland keine Gefangenen mache. Das Misstrauen in den ukrainischen Streitkräften gegenüber russischen Zusagen ist schon länger groß. Bereits in der ersten heißen Phase des Krieges im Donbass hatte Russland den ukrainischen Soldaten nach einer Schlacht in Ilowaisk freies Geleit aus dem Kessel garantiert. Als die ukrainischen Truppen im Konvoi abzogen, wurde jedoch der gesamte Konvoi von russischer Artillerie beschossen. Hunderte ukrainische Soldaten starben.

Selenskyj warnt Russland vor Tötung der verbliebenen Soldaten

Derzeit befinden sich laut ukrainischen Angaben noch Tausende ukrainische Soldaten in Mariupol. Der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums schätzt, dass sich etwa 2500 Ukrainer auf dem Gelände des Stahlwerks verschanzt hätten. Die ukrainischen Truppen sind komplett von einer Versorgung von außen abgeschnitten. Die Munition werde langsam knapp, hieß es in Videobotschaften, die Einheiten aus der Stadt sendeten.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte wiederholt erklärt, alles für eine Rettung der strategisch wichtigen Stadt tun zu wollen. Zugleich warnte er Russland davor, im Fall einer Tötung der ukrainischen Kämpfer die Verhandlungen für eine Beendigung des Krieges aufzukündigen. Selenskyj forderte vom Westen wiederholt Panzer und andere schwere Waffen, um den Osten der Ukraine zu verteidigen.

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Bewohner heben in einem Hof ein Grab für getötete Zivilisten aus.

Russland setzt Angriffe auf zerstörte Stadt fort

Mariupol liegt im Gebiet Donezk. Die russische Armee und mit ihr verbundene Einheiten der sogenannten Volksrepubliken in Donezk und Luhansk wollen die Stadt komplett unter ihre Kontrolle bringen. Die russische Armee hat ukrainischen Angaben zufolge Luftangriffe auf die heftig umkämpfte Hafenstadt fortgesetzt. Das teilte der ukrainische Generalstab in seinem Lagebericht am Sonntag mit. Angriffe seien auch im Bereich des Hafens erfolgt, hieß es weiter. Russische Einheiten bereiteten sich zudem „vermutlich“ auf eine Marineoperation zur Landung in Mariupol vor.

Die Lage für die verbliebenen Bewohner indes bleibt katastrophal. So fehlen in weiten Teilen der Stadt nicht nur Wasser, Gas und Strom. Jeder Gang aus den Kellern könne lebensgefährlich sein, wie aus der Stadt geflohene Bewohner berichten. „Wir kamen aus dem Krankenhaus. Es lagen überall Leichen in den Straßen. Es war schrecklich“, berichtet Tetjana Burak in einem Interview mit dem britischen Sender Sky News. „Das waren verschiedene Leute verschiedenen Alters. Manchmal ganze Familien mit Kindern. Eine Bombe oder Granate hatte sie einfach am falschen Ort getroffen.“

Schließung von Fluchtrouten wegen Beschusses

Die einzige Möglichkeit, dieser Hölle zu entkommen, ist eine Flucht. Wegen Beschusses durch die belagernden russischen Truppen und ständigen Bruches vereinbarter Waffenruhen ist das jedoch schwierig. Die ukrainische Regierung hat für Sonntag die Schließung der Fluchtkorridore aus den umkämpften Gebieten im Osten des Landes angekündigt. Es sei nicht gelungen, mit der russischen Armee eine Feuerpause für die Evakuierungsrouten zu vereinbaren, teilte die stellvertretende Regierungschefin Iryna Wereschtschuk am Sonntag auf Telegram mit. „Wir scheuen keine Mühe, damit die humanitären Korridore so schnell wie möglich wieder geöffnet werden können.“ Wereschtschuk forderte zudem die Einrichtung einer Evakuierungsroute für verletzte Soldaten aus der Stadt Mariupol. Am Sonnabend konnten immerhin noch 170 Menschen aus Mariupol evakuiert werden, wie das Büro von Präsident Selenskyj am Sonnabend auf Telegram mitteilte.