Berlin - Seit dem Überfall auf die Ukraine fließen Rekordmengen von russischem Gas durch die Ukraine nach Westeuropa. Am vergangenen Sonnabend lag die Auslastung der Pipelines bei 108 Millionen Kubikmeter Gas, 109 Millionen beträgt das Maximum. Russland überweist die Transitgebühren nach Kiew. Von dort kam noch keine Drohung, die Durchleitung zu schließen, damit der Westen nicht mehr Putins Kriegskassen füllen kann. Merke: Russisches Geld finanziert den ukrainischen Widerstand, deutsches den russischen Aggressor. Die Wirtschaften sind verflochten, entsprechend verzwickt ist die Lage.

Andrej Melnyk, hyperaktiver Botschafter der Ukraine in Berlin, belastet sich nicht mit Komplexität. Er muss Waffen beschaffen. Dies sei sein Auftrag, sagte er jetzt dem Tagesspiegel. Das ist verständlich, und man sah dem Mann aus dem überfallenen, wehrhaften Land die Maßlosigkeit in Auftritt und Argumentation nach. Nun aber greift er den Bundespräsidenten in unakzeptabler Weise an. Melnyks Worte strotzen von Unterstellungen, Beleidigungen, absichtsvollen Verzerrungen.

Steinmeier habe ein „Spinnennetz der Kontakte“ zu Russland geknüpft, das jetzt in der Regierung wirke; er unterstellt ihm gedankliche Nähe zu Putin (!) sowie mangelndes „Feingefühl“ hinsichtlich der Ukraine. Melnyk raunt, Steinmeier sehe im Verhältnis zu Russland etwas „Heiliges“. Glücklicherweise gelten solche Kategorien in der deutschen Politik seit langem nichts mehr. Deutschland handelt solidarisch und rational.

Steinmeier hat am Tag nach dem Überfall eine Rede gehalten, die nur wenige überhörten, darunter offenbar Melnyk. Will dieser Sympathien verspielen, soll er weiter so reden in den ihm zugänglichen Talkshows. Aber auch das Auswärtige Amt sollte ihn informieren, wo die rote Linie für einen Botschafter verläuft. Melnyk hat sie überschritten.