Hoch droben überm Tegernsee, dort, wo sich die Gemeinde Bad Wiessee in den schönsten Wiesen und Wäldern verliert, steht eine stattliche Landhausvilla. Sie dürfte dort eigentlich gar nicht stehen, weil im Sinne des Gemeindefriedens auf einem derart exponierten Grundstück eine Bebauung von privater Hand nicht vorgesehen ist. Aber in Bayern kommt es halt immer auch ein bisschen darauf an: auf das Was, das Wie, vor allem aber auf das Wer.

Die Villa gehört Uli Hoeneß.

Der Präsident des FC Bayern München, 61, hat sich nach der Zustimmung der Gemeindeoberen hier auf der Freihaushöhe zusammen mit seiner Frau Susi einen Rückzugsort geschaffen. Einen Rückzugsort mit privatem Anfahrtsweg, Sicherheitsanlage, Hundewaschanlage, Riesengarten, Rasenroboter, Teich, Landhausküche und einem Faxgerät. Dieses Faxgerät bietet für Journalisten an manchen Tagen die einzige Möglichkeit, mit Hoeneß in Kontakt zu treten. Hoeneß ist eben in gewissen Dingen sehr altmodisch.

Er hält das Internet für Teufelszeug, hat angeblich immer noch keine E-Mail-Adresse. Und Hoeneß ist wählerisch. Nur die ganz, ganz wichtigen Leute in seinem Leben haben seine Mobilfunknummer. So bleibt einem als Sportreporter oft nur der Annäherungsversuch über ein Fax und die damit einhergehende Hoffnung, dass Hoeneß nach dem Frühstück mit einem Telefonat antwortet.

An diesem Sonntag, nachdem bekannt geworden war, dass der Fußballpräsident und Wurstfabrikant eine Selbstanzeige wegen eines bisher geheimen Kontos in der Schweiz gestellt hatte, wurde dieses Glück nur ausgewählten Medien zuteil. Offensichtlich Medien, die in den vergangenen Monaten und Jahren nett über Hoeneß und dessen Fußballklub berichtet hatten, wobei das natürlich eine Definitionssache von Hoeneß ist. Jedenfalls kam der Münchner Merkur zum Zug. Über den ließ Hoeneß die Botschaft ins Land bringen, er werde sich gegen die Exzesse in der Berichterstattung zur Wehr setzen.

Insbesondere gegen eine andere Münchner Zeitung, der er drohte: „Für die wird das richtig teuer.“ Dabei dürfte es sich um die Abendzeitung handeln, die den berühmtesten Münchner unserer Tage am vergangenen Mittwoch mit unangenehmen Fragen bezüglich einer Hausdurchsuchung durch die ermittelnde Staatsanwaltschaft konfrontiert und damit der ganzen Sache den entscheidenden Anstoß gegeben hatte.

Die Vertrauensfrage

Mit von der Partie war nach dem Sonntagsfrühstück natürlich auch die Süddeutsche Zeitung, die Hoeneß ein eher harmloses Zitat („Sie können sich vorstellen, dass mir vieles auf der Zunge liegt, aber ich muss erst mit den Behörden meine Hausaufgaben machen“) und dem Anschein nach noch ein paar nette Details entlocken konnte. Unter anderem, dass sich Hoeneß bei der Bank Vontobel AG in Zürich tatsächlich vor etwas mehr als zehn Jahren ein Konto eingerichtet hat. Nicht mit Schwarzgeld, sondern mit versteuertem Geld, das er, der Zocker, zu Börsen- und Devisenspekulationen im großen Stil einsetzte.

Allerdings habe Hoeneß die Zahlung der anfallenden Kapitalertragssteuer unterlassen, hieß es. Einen Bericht der Bildzeitung, wonach der ehemalige, im Jahr 2009 verstorbene Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfuss ihn dabei mit einem 15-bis-20-Millionen-Euro-Darlehen unterstützt hätte, wurde dabei nicht weiter erörtert. Wohl auch im Sinne des Verdächtigten. Nur so viel: Hoeneß soll im Zuge der Selbstanzeige drei Millionen Euro an Steuern plus Zinsen nachbezahlt haben, was letztlich auf Gewinne von sechs Millionen Euro und ein Vermögen von 18 bis 20 Millionen Euro schließen ließe.

Schließlich erhörte Hoeneß auch noch die Bitte der Sport Bild. Er gedenke nicht, als Aufsichtsratsvorsitzender und Präsident des FC Bayern zurückzutreten, eröffnete er dem Boulevardmagazin. Und: „Gegen Barcelona bin ich auch wieder im Stadion.“

Dieses Spiel am Dienstagabend gegen den spanischen Ausnahmeklub, dieses Halbfinalhinspiel in der Champions League, sollte ja eigentlich eine Fortsetzung der FC-Bayern-Festspielwochen werden. Nach der gewonnenen Meisterschaft auch noch den Titel in der europäischen Eliteliga gewinnen, den DFB-Pokal holen, die perfekte Saison spielen ? und Hoeneß, der Impresario des Erfolgs, mittendrin. Das ist der Traum der Bayern, der Uli-Hoeneß-Traum.

Für den Moment allerdings gibt es für diesen Dienstagabend nur eine Frage, eine Frage, die über den Sport hinausgeht und auf den Verlauf der öffentlichen Diskussion im Fall Hoeneß entscheidenden Einfluss haben dürfte. Sie lautet: Werden die Anhänger des FC Bayern in der Arena draußen vor den Toren der Stadt dem Übervater ihres Vereins mit einem kräftigen Applaus, vielleicht sogar mit stehenden Ovationen die Absolution erteilen? Oder anders formuliert: Mit seiner bloßen Anwesenheit wird Uli Hoeneß die Vertrauensfrage stellen.

Die wichtigen Leute in seinem Leben, also die mit seiner Mobilfunknummer, werden ihm dabei, wenn möglich, auf der Haupttribüne zur Seite stehen. Männer, die er als Aufsichtsratsmitglieder der FC Bayern AG mit in die Verantwortung genommen hat. Männer, die für Hoeneß im Laufe seiner vergangenen 34 Managerjahre mindestens zu Geschäftspartnern, wenn nicht gar zu Freunden geworden sind. Männer, die ihm geholfen haben, den FC Bayern zumindest neben dem Feld zur unschlagbaren Marke zu machen. Männer für alle Fälle. Das ist seine Clique, das ist der Machtzirkel der Bayern-Welt.

Stoiber im Einsatz

Dazu zählen zweifellos Helmut Markwort, der ehemalige Chefredakteur und aktuelle Herausgeber des Nachrichtenmagazins Focus, und Edmund Stoiber, der ehemalige bayerische Ministerpräsident, der seine leidenschaftliche Verbundenheit zum deutschen Rekordmeister bei jedweder Gelegenheit zum Ausdruck bringt. Aber nicht nur das, im Auftrag von Hoeneß, das erzählte die Anti-Korruptionskämpferin Sylvia Schenk am Wochenende der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, habe sich Stoiber, 71, im vergangenen Jahr bei der Politik und der Europäischen Union dafür eingesetzt, dass die gesetzliche Betrachtung von VIP-Einladungen im Fußball an Firmenvertreter unter Korruptions-Gesichtspunkten doch bitte ein wenig gelockert werde.

Der 76-jährige Markwort wiederum, davon darf ausgegangen werden, steuert in diesen Tagen mit seiner Erfahrung die mediale Verteidigung von Hoeneß. Kein Wunder, dass Hoeneß nicht die in Ungnade gefallene Abendzeitung, sondern den Focus zum Minigeständnis nutzte. Helmut Markwort sitzt auf der Haupttribüne immer vor Uli Hoeneß. Erst vor zwei Wochen widmete Markworts Magazin dem FC Bayern eine feine Titelstory, „FC Supermacht, der gesündeste Verein der Welt“.

Fürchten muss Hoeneß in diesen Tagen aus dem Kreis seiner Vertrauten eigentlich nur Herbert Hainer, 58, und Rupert Stadler, 50. Auch sie sind Mitglieder des neunköpfigen obersten Kontrollgremiums im Klub. Im Unterschied zu Leuten wie Timotheus Höttges (Vorstand Deutsche Telekom AG), Dieter Rampl (Vorsitzender des Verwaltungsrates der UniCredit Group), Karl Hopfner (1. Vizepräsident des FC Bayern München e. V.), Martin Winterkorn (Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG) oder eben Markwort und Stoiber sind ihre Interessen am FC Bayern allerdings auch wirtschaftlicher Natur.

Hainer ist Vorstandsvorsitzender der Adidas AG, Rupert Vorstandsvorsitzender der Audi AG. Beide halten mit ihren Unternehmen nach einem kräftigen Kapitaleinsatz jeweils 9,09 Prozent an der Bayern AG. Beide werden ganz genau beobachten, ob der Sturz von Uli Hoeneß und der dadurch provozierte Imageverlust des FC Bayern nicht auch ihre Marken beschädigt.

Wie am Montag bekannt wurde, kann Hoeneß im Kampf um seine Reputation auf die Unterstützung der Menschen im Tegernseer Tal setzen. Im Oberbayerischen Volksblatt kommt ein Mann namens Michael Herrmann zu Wort. Herrmann geht davon aus, dass der prominente Nachbar nicht bewusst betrogen habe. Zitat: „So wie ich ihn kennengelernt habe, kann ich mir das nicht vorstellen.“ Michael Herrmann ist Geschäftsführer im Rathaus der Gemeinde Bad Wiessee.

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