Uli Hoeneß Steuerbetrug: Uli Hoeneß - der Absteiger

Es ist noch gar nicht so lange her, da hat der Autor dieser Zeilen Uli Hoeneß in einem Kommentar als selbstherrlich bezeichnet. Was Uli Hoeneß, den Nürnberger Wurstfabrikanten und Präsidenten des FC Bayern München, dazu brachte, sich am nächsten Tag um acht Uhr morgens in der Redaktion zu melden. „Hier ist Hoeneß“, raunzte der 61-Jährige durchs Telefon, ließ ein wütendes „Was erlauben Sie sich eigentlich?“ folgen. Um sich dann auch noch in dieses wirklich unangenehme Einschüchterungsgetöse zu steigern, mit dem er schon anderen Kollegen einen eindeutigen Hinweis auf die herrschenden Machtverhältnisse gegeben hatte. Nämlich auf die zwischen dem erfolgreichsten Fußballmanager aller Zeiten, also ihm, und dem betroffenen Journalisten. Schließlich lieferte er noch eine Einführung in sein Gutmenschentum, er würde ja eigentlich nicht gern darüber reden, aber sein sozialer Einsatz, das gab er schon zu verstehen, sei eigentlich beispielhaft. Und überhaupt: „Sie haben ja gar keine Ahnung! Nicht vom FC Bayern. Und auch nicht von mir!“

Stimmt womöglich, allerdings hatte man als langjähriger Beobachter und zeitweiliger Bayern-Berichterstatter im Laufe der Zeit schon so eine Ahnung bekommen, dass das mit dem Gutmenschen Uli Hoeneß bestimmt nicht ganz falsch, aber auch nicht ganz richtig sein kann. So eine Ahnung, die übers Wochenende durch den gegen Hoeneß aufgekommenen Verdacht der Steuerhinterziehung eine weitere, sehr spannende, weil kriminalistische Facette gewonnen hat.

Hohes Maß an Empathie

Ein Wesenszug des Metzgersohns aus Ulm war schon immer das hohe Maß an Empathie. Immer wieder hat er Notleidenden − nahestehend, aber auch weniger nahestehend − aus der Patsche geholfen. Wie das der Fall war war bei seinem alkoholkranken ehemaligen Teamkollegen Gerd Müller. Er verschaffte ihm zunächst einen fähigen Arzt, dann einen Job als Nachwuchscoach im Klub. Auch finanzielle Unterstützung wurde mal im Stillen, mal mit etwas lauterer Begleitmusik geleistet. So wie im Jahr 2003, als er mit seinen Bayern beim klammen FC St. Pauli zum Benefizspiel in Hamburg auftauchte. Zu diesem Bild des Wohltäters brachte Hoeneß einmal folgende Satzkombination in die Welt: „Wenn du in der Sonne stehst, so wie ich, dann musst du der Gesellschaft etwas zurückgeben. Wenn jemand um Hilfe ruft, muss jemand wie ich, der es sich leisten kann, da sein.“

Darüber hinaus gab Hoeneß auch gern den Anwalt des kleinen Mannes, wetterte gegen die bösen Banker, die sich doch gefälligst wieder mehr um ihre Kunden denn um Boni kümmern sollten. Von Unternehmerkollegen forderte er mehr soziale Verantwortung und giftete gegen aus seiner Sicht unfähige Politiker, die sich doch jeden Morgen die Frage stellen sollten, ob sie ihr Tun und Handeln noch mit ihrem Gewissen vereinbaren könnten. Er selbst, so gab er in diesem Zusammenhang zu verstehen, hege keine politischen Ambitionen, er wisse, was er könne. Und er wisse auch, was er nicht könne.

Mit diesem Mut zum offenen Wort und mit diesem Einsatz für ein besseres Deutschland („… ist ein Paradies, und die Leute wollen es nicht begreifen“), gewann er weiter an Popularität und war er auf einmal die perfekte, von den Jauchs und Illners dieser Welt hofierte Besetzung für Talkshows. Brauchen wir noch mehr von seiner Sorte, fragte die Bildzeitung im vergangenen Jahr ihre Leser. 88 Prozent sagten Ja. Das Magazin Der Spiegel widmete ihm erst neulich ein in aller Ehrfurcht geschriebenes Porträt unter dem Titel „Der Patron“ und kam zu dem Schluss, Hoeneß sei ein mustergültiger Deutscher.

Ein anderer Wesenszug von Uli Hoeneß, daran gibt es seit Sonnabend, als die Nachricht von seiner Selbstanzeige die Runde machte, wohl keine Zweifel mehr, ist die Gier. Die bei ihm offensichtlich so ausgeprägt ist, dass sie von Zeit zu Zeit all das Herzliche in Hoeneß aus dem Feld schlägt. Dann beherrscht den von den Medien zum besseren Menschen überhöhten Hoeneß die Wut, dann ist Hoeneß plötzlich nicht mehr warm und human, sondern kalt und mitleidlos.

Ausgeprägte Form der Doppelmoral

Anzeichen für diese Charakterschwäche, die sich im heftigen Drang zum Eigennutz offenbart, gab es schon vor dem Steuerskandal zuhauf. Zur Jahrtausendwende beispielsweise, als er mit der Solidarität unter den Bundesligaklubs brach und mit TV-Mogul Leo Kirch einen Geheimvertrag schloss. Oder beim Bau der neuen Arena in Fröttmaning, als er bei der Finanzierung der Infrastruktur nach der öffentlichen Hand griff und damit die EU-Kommission in Brüssel wegen wettbewerbswidriger Beihilfen auf den Plan rief. Zuletzt auch im Fall Breno, als Hoeneß bar jeder Vernunft für den brandstiftenden Fußballprofi aus Brasilien ein anderes Strafmaß forderte. Hoeneß schimpfte erstmal auf die Staatsanwaltschaft, die viel zu rücksichtlos gehandelt habe, und durfte, geschützt von der Freiheit, die der vom Volk geliebte Potentat genießt, auch noch Folgendes ohne Konsequenzen sagen: „Ich weiß nicht, ob man hier differenzieren muss zwischen einem Maurer, der seinen Beruf weiterhin ausüben kann, wenn er wieder rauskommt, und einem jungen Fußballspieler – der absolut nichts anderes kann als Fußball spielen.“

Fußball spielen, das konnte Hoeneß, er war Weltmeister, Europameister, mehrmals Europapokalsieger und Deutscher Meister. Fußball machen, auch das konnte und kann Hoeneß, sein Verein zählt zu den erfolgreichsten in Europa. Was er aber nicht beherrscht, ist die hohe Kunst der Reflexion. Die Fähigkeit, vor der Klage gegen andere sein eigenes Wirken auf die allgemein gültigen Ethikregeln gewissenhaft zu überprüfen. Was er darf und was er nicht darf, spielte bei ihm offenbar keine Rolle mehr.

Vor diesem Hintergrund und in Anbetracht der Tatsache, dass der Fall Uli Hoeneß, wie aus Kreisen der bayerischen Staatsregierung zu vernehmen war, von einer „schwerwiegenden Größenordnung“ gekennzeichnet ist, kommt einem eine hypothetische Frage in den Sinn.

Es ist diese: Wie, wenn er frei von Steuerschuld wäre, würde Uli Hoeneß wohl über einen Mann urteilen, der das Vertrauen der Menschen in Deutschland gewonnen hat, dessen Persönlichkeit jedoch von einer ausgeprägten Form der Doppelmoral bestimmt wird? Sein Urteil, so die Ahnung des Autors dieser Zeilen, würde niederschmetternd sein. Mindestens: selbstherrlich.