Berlin - Es gibt in der jüngeren deutschen Geschichte niemanden, mit dessen Namen sich der altmodische Begriff „Held“ so sehr verbindet wie mit Ulrich Wegener. Er ist der Held von Mogadischu, und viele Deutsche wissen noch heute sofort, was es mit diesem Begriff auf sich hat. Unter dem Kommando Wegeners stürmte die Spezialeinheit „GSG 9“ des damaligen Bundesgrenzschutzes am 18. Oktober 1977 die von arabischen Terroristen in die somalische Hauptstadt Mogadischu entführte Lufthansa-Maschine „Landshut“ und befreite alle 86 Geiseln.

Wegener, der die GSG 9 aufgebaut hatte und ihr Kommandeur war, beteiligte sich selber an dem Sturm und soll dabei mindestens einen der Terroristen erschossen haben. Legendär ist der der Aufruf der Elitepolizisten beim Eindringen in die Maschine: „Runter mit den Köpfen, wo sind die Schweine?“. Sieben Minuten später waren die Geiseln befreit, drei der vier Terroristen getötet.

Terrorbekämpfung hat in der GSG 9 ihren Ursprung

Es war die erste erfolgreiche Anti-Terroraktion der bundesdeutschen Behörden nach Jahren von Schmach und Schande im Kampf mit dem damals neuen Phänomen des politischen Terrorismus auf deutschem Boden. Ausgangspunkt war die Geiselnahme israelischer Sportler während der Olympischen Spiele in München im August 1972 durch die palästinensische Terrorgruppe Schwarzer September. Der Versuch der völlig überforderten Polizei, die Geiseln zu befreien, endete in einem Desaster. Die Terroristen ermordeten alle elf Israelis, außerdem kamen fünf Geiselnehmer und ein Polizist ums Leben.

Als Konsequenz beauftragte der damalige Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) bereits im September den Grenzschutz-Offizier Ulrich Wegener mit dem Aufbau einer Spezialtruppe zum Einsatz gegen Terroristen. Alles, was wir heute an Terrorbekämpfung in Deutschland kennen, hat hier seinen Ursprung. Und die GSG 9 bis heute den Ruf einer äußerst schlagkräftigen Elitetruppe.

Personifizierung einer neuen Haltung

Die Aktion von Mogadischu wurde in der deutschen Öffentlichkeit nicht nur als Befreiung der Geiseln gefeiert. Sie wurde auch als (vorläufige) Befreiung von der scheinbar hilflosen Bedrohung des Staates durch die Terroristen der Rote Armee Fraktion (RAF) empfunden, die mit arabischen Gesinnungsgenossen kooperierten. Erstmals schlug der Staat erbarmungslos zurück. Die Nacht von Mogadischu hatte unmittelbare Folgen für die Lage in der Bundesrepublik. Kurz nach der Nachricht vom Scheitern der „Landshut“-Entführung nahmen sich drei führende RAF-Terroristen im Gefängnis Stammheim das Leben, und wenig später ermordeten Gesinnungsgenossen den von ihnen entführten Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer. Damit hatte der „Deutsche Herbst“ seinen Höhepunkt erreicht, aber auch die Erpressbarkeit des Staates.

Mit seinem schneidigen, eloquenten Auftreten war Wegener – neben dem Führungsstärke zeigenden Bundeskanzler Helmut Schmidt - die perfekte Personifizierung der neuen Haltung. Der 1929 in Jüterbog geborene Brandenburger ging 1952 in den Westen und bewarb sich für den Polizeidienst in Baden-Württemberg. 1958 wechselte er zum Bundesgrenzschutz, dem Vorläufer der heutigen Bundespolizei, und machte dort schnell Kariere. Die Führung der GSG 9 gab er 1979 ab und wurde Kommandeur des Grenzschutzkommandos West. Er war einer der führenden polizeilich-militärischen Terrorismusexperten jener Jahre und hat später auch Spezialeinheiten in anderen Ländern aufgebaut, darunter in Saudi-Arabien.

Den Heldenmythos um seine Person schätzte er nicht besonders. Er sprach lieber von Pflichterfüllung, Kameradschaft und Führung als wesentlichen Eigenschaften erfolgreicher Arbeit. „Die GSG lebt eher nach dem Begriff des Vorbildes als dem des Heldentums“, sagte er noch im vergangenen Herbst. Er ist, wie erst am Mittwoch bekannt wurde, am 28. Dezember im Alter von 88 Jahren gestorben.