„Ich verstehe die Ungeduld", sagt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Und mahnt dennoch zur Vorsicht.
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BerlinDie guten Nachrichten verkündete Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) psychologisch wirksam zu Beginn: Das Corona-Infektionsniveau in Deutschland bewege sich auf niedrigem Niveau, die Zahl der Todesfälle sinke. Die Gesundheitsämter seien in der Lage, lokale Virus-Ausbrüche nachzuvollziehen, die Krankenhäuser gut vorbereitet, und Tests gebe es auch genügend.

Alles in Ordnung also? Nicht ganz. „Wir sollten uns nicht in falscher Sicherheit wiegen. Diese Pandemie ist noch nicht vorbei“, sagte Spahn am Montag in Berlin.

Die Zahlen einer Umfrage belegen, dass die Pandemie zumindest aus den Köpfen der Deutschen ohnehin noch längst nicht verschwunden ist. Teilergebnisse der großangelegten „Corona-BUND-Studie“ des Bundesgesundheitsministeriums zeigen, dass sich noch im Juni, also zu einer Zeit, als die Anti-Corona-Maßnahmen der Bundesregierung schon längere Zeit gelockert waren, 73 Prozent der Befragten häufig oder fast immer mit Corona beschäftigten. Die Älteren treibt das Thema mehr um als die Jüngeren, den Westen mehr als den Osten und Frauen mehr als Männer – so die Erkenntnisse der Studie, die die Meinungsforscher von Forsa gemeinsam mit dem Ifo Institut für Wirtschaftsforschung durchgeführt haben. Demnach haben mehr als 80 Prozent der 60- bis 80-Jährigen oft oder andauernd über Corona gesprochen oder nachgedacht. Bei den unter 35-Jährigen waren es immerhin noch rund 60 Prozent.

Grafik: BLZ/Galanty; Quelle: Forsa

Auch in diesem Umstand sehen Minister Spahn und der Präsident des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, die die Studie am Montag gemeinsam mit Forsa-Chef Manfred Güllner vorstellten, einen Hinweis auf die verhältnismäßig große Umsicht, mit der die Bevölkerung in Deutschland immer noch mit der Virusbedrohung umgeht – auch wenn Partyvideos aus Mallorca vom Wochenende vorübergehend einen anderen Eindruck entstehen ließen: Vor Clubs und Bars am Ballermann und an anderen mallorquinischen Partymeilen hatten am Wochenende Hunderte deutsche und britische Touristen ausgelassen gefeiert – ohne die Abstandsregeln einzuhalten oder eine Maske zu tragen.

Anlässlich der Ferienzeit mahnte der Gesundheitsminister erneut, die sogenannten AHA-Regeln – Abstand halten, Hygiene beachten, Atemschutzmaske tragen – zu beachten, auch und gerade im Urlaub. Die Bilder aus Mallorca hätten auch ihn besorgt. „Ich verstehe die Ungeduld, viele Menschen wollen endlich wieder feiern“, sagte Spahn. „Aber jetzt ist nicht die Zeit dafür.“ Es gehe auch darum, das bisher Erreichte zu sichern. Dafür sei es im Zweifel besser, einmal zu viel vorsichtig zu sein, als einmal zu wenig. „Die Gefahr einer zweiten Welle ist real.“

Grafik: BLZ/Galanty; Quelle: Forsa

Tatsächlich vermittelt das vergleichsweise moderate Virusgeschehen in Deutschland ein verzerrtes Bild der globalen Lage: Weltweit gebe es mit mehr als zwölf Millionen Corona-Infektionen mehr Fälle als jemals zuvor, sagte Lothar Wieler am Montag. Allein in einer Woche sei die Zahl um eine Million gestiegen. Besonders in Ländern, die trotz steigender Fälle Lockerungen beschlössen, entwickele sich die Lage zum Teil dramatisch. Auch Wieler warnt, dass die Pandemie nicht vorbei sei. „Dieses Virus ist ein Organismus, der sich ausbreitet, wenn wir ihm die Chance dazu geben.“

Glaubt man den Zahlen, dann haben die Menschen in Deutschland diese Gefahr sehr wohl erkannt. Nur 21 Prozent glauben, dass eine zweite Infektionswelle unwahrscheinlich ist. 40 Prozent halten sie für wahrscheinlich, und immerhin 37 Prozent glauben, dass eine 50-zu-50-Chance für eine zweite Welle besteht. Im Westen ist die Angst mit 41 Prozent etwas größer als im Osten (36 Prozent), und auch zwischen den Bundesländern gibt es Unterschiede: Am meisten fürchten sich die Bremer vor einer zweiten Viruswelle, am wenigsten Sorgen machen sich die Sachsen-Anhalter.

Grafik: BLZ/Galanty; Quelle: Forsa

Dass es im Herbst oder Winter zu einer weiteren Corona-Welle kommt, gilt als wahrscheinlich, aber nicht als unabwendbar. Auch hier käme es vor allem auf die Einhaltung der grundlegenden Abstands- und Hygiene-Regeln an, sagte Spahn. Auch das war durchaus als Mahnung gedacht. Zeigt doch die Umfrage, dass bereits ein Drittel der Bundesbürger keinerlei Befürchtungen mehr hat, sich mit dem Coronavirus anzustecken. 

Mehr als um die eigene Gesundheit fürchten die Menschen in Deutschland  um ihre Angehörigen und Freunde: So waren im Juni 79 Prozent sehr oder zumindest etwas besorgt, dass sich eine nahestehende Person mit dem Coronavirus infizieren könnte.

Ohnehin ist die gesundheitliche Bedrohung nur ein Teil des Problems. Wirtschaftliche Folgen der Corona-Krise zeigten sich bisher vor allem bei den Selbstständigen. Während mit 78 Prozent die große Mehrheit der Arbeiter, Angestellten und Beamten bis zum Juni ununterbrochen weiterarbeiten konnten, galt das nur für 39 Prozent der Selbstständigen. Von den selbstständig tätigen Frauen konnten sogar nur 32 Prozent in der Corona-Zeit arbeiten wie zuvor, bei den Männern waren es immerhin 45 Prozent. Am härtesten traf es alleinerziehende Frauen unter den Selbstständigen: Hier gaben nur 15 Prozent an, ihren Job während der Krise unverändert fortgeführt zu haben.

Grafik: BLZ/Galanty; Quelle: Forsa

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