Cafés und Restaurants bleiben, wie hier in Stockholm, vorerst geöffnet.
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StockholmDie Covid-19-Pandemie wird in Schweden wesentlich anders gehandhabt als in anderen Ländern. Die Selbstisolierung wird nicht angeordnet, der Bevölkerung das Rausgehen nicht verboten. Und so laufen die öffentlichen Vergnügungen weiter, das gesellige Versammeln, der Betrieb von Gaststätten. Schulen und Sporthallen bleiben in Schweden offen und die Bürger werden vom Staat ermutigt, an die frische Luft zu gehen. Nur vom Besuch im Altersheim wird inzwischen streng abgeraten. Da es keineswegs einen wissenschaftlichen Disput hinsichtlich der Ursachen der Pandemie gibt, stellt sich die Frage, wieso Schweden und andere Länder in ihrer Strategie so erheblich auseinanderklaffen.

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Glaube an Eigenverantwortung

Schweden war nicht immer alleine auf diesem Weg. Die Japaner haben bis vor kurzem ähnlich gehandelt. In den letzten Wochen wuchsen jedoch die Sorgen, und Japan wird sich wohl den mittlerweile gängigen Methoden der Pandemiebekämpfung anschließen. Auch die Niederlande haben anfangs einen eher entspannten Umgang mit dem Virus gepflegt. Doch inzwischen haben die Schweden die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf sich gezogen: als die letzten Verweigerer des allgemeinen staatlichen Willens zum Shutdown.

Aber wieso gibt es diesen schwedischen Sonderweg überhaupt? Die Schweden sind auf Konsens getrimmt, heißt es. Sie vertrauen einander und ihrer Regierung. Sie folgen Regeln, die sie für vernünftig halten, und glauben an Eigenverantwortung. So kommt es, dass nicht drakonische staatliche Maßnahmen die Antwort auf die Ängste der Bevölkerung sind, sondern die Stimme der Experten des öffentlichen Gesundheitssystems die Nation durch die gefährlichen Zeiten der Seuche führt.

Auch heißt es, Schweden pflege eine lange voluntaristische Tradition der Kooperation der Bürgerschaft in Zeiten ansteckender Krankheiten. Göran Eriksson schrieb im Svenska Dagbladet am 28. März, dass Schweden gar eine „nicht-autoritäre Tradition“ pflegt, um die öffentliche Gesundheit zu sichern.

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Entscheiden müssen Politiker

Aber stimmt das? Politiker und Experten im Allgemeinen spielen verschiedene Rollen. Die Virologen bieten Ratschläge an; die Politiker versuchen, konkurrierende Interessen auszugleichen und treffen am Ende Entscheidungen. Denn Politiker müssen Verantwortung übernehmen. Das Schlimmste, was Experten passieren kann, ist, dass sie gefeuert werden. Wenn sie verbeamtet sind, wahrscheinlich nicht mal das. Auch äußern sich Experten selten einstimmig. In Großbritannien haben die Experten angesichts der Corona-Krise auch zuerst die „Herdenimmunität“ oder „Mitigationsstrategie“ empfohlen, die zurzeit nur noch in Schweden umgesetzt wird.

Die britische Regierung vollzog eine Kehrtwende, als eine neue Expertise des Imperial Colleges herangezogen wurde. Das Schreckensszenario stellte auf dramatische Weise dar, wie viele Menschen sterben würden, eh eine solche breite „Herdenimmunität“ gewonnen werden könnte. Hunderttausende Tote aber wären politisch und moralisch inakzeptabel.

Folglich wurden die wirtschaftlichen Verluste, die mit einer Schließung des Handels und Außenhandels einhergingen, als zwar bedauerlich, aber alternativlos angesehen. Dasselbe gilt für die Verluste im Rahmen eines Verbotes der sozialen Kontakte. All das gilt als notwendiger Preis für den Schutz des Lebens. Schwedens Experten empfehlen weiterhin die entspannte Strategie, die nach und nach in fast allen anderen Ländern als untragbar ausgeschlossen wurde.

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Corona und Populisten

In Schwedens Handeln zeigt sich dabei keineswegs der Gegensatz von rationaler Expertise und populistischem Demagogentum. In den Nachbarländern Dänemark und Norwegen haben populistische Politiker das öffentliche Leben heruntergefahren und ihre Nationen nach innen und außen isoliert. (Man muss hier bemerken, dass nach den Statistiken der WHO, Schweden mehr als doppelt so viele Todesfälle verzeichnet wie Dänemark und sieben Mal so viele wie in Norwegen.)

Schwedens Corona-Bilanz

9685 Infektionen mit dem Coronavirus wurden in Schweden laut Johns Hopkins Universität bisher bestätigt.

870 Todesfälle wurden in dem Land mit 10,3 Millionen Einwohnern bisher gemeldet.

205 Menschen haben die Covid-19-Infektion den Angaben zufolge   überstanden.

In Brasilien, Indonesien, auf den Philippinen und gewissermaßen in Boris Johnsons Großbritannien und Donald Trumps USA (zumindest vor ihren Kehrtwendungen), forderten populistische Politiker wiederum genau das Gegenteil: Die Volkswirtschaft lahmzulegen, wird bei den Populisten als schlimmer als die Krankheit selbst angesehen.

Das Wahlvolk des Brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro sind die Millionen, die in der Schattenwirtschaft arbeiten, sie leben von der Hand in den Mund und können unmöglich einen Shutdown überleben. Genauso wie es keine einstimmige Expertenmeinung in der Corona-Krise gibt, gibt es keinen Leitspruch populistischer Anforderungen. Es gibt nur die Wahl zwischen verschiedenen Möglichkeiten, und das ist das Feld der gewählten Politiker, nicht das der Experten.

Drakonische Maßnahmen

Grundsätzlich gibt es keineswegs eine schwedische Laissez-faire-Tradition, eine voluntaristische Prophylaxe, wie Göran Eriksson behauptet. Ganz im Gegenteil. Historisch war Schweden konsequent drakonisch im Umgang mit Krankheiten. Als in Schweden im Jahr 1834 zum ersten Mal die Cholera ausbrach, wurden Quarantäne angeordnet, der Handel verboten und die Grenzen geschlossen.

Gegen die Pocken wurde eine obligatorische Impfung angeordnet, Verweigerer wurden ins Gefängnis gesteckt. Wenn es um Geschlechtskrankheiten ging, wurden nicht nur Sexarbeiter von der Polizei überwacht, inspiziert, per Anordnung behandelt oder verhaftet, wenn sie sich weigerten. Auch die Kontakte der Prostituierten wurden von der Polizei aufgespürt. Mehr noch, die gesamte Bevölkerung konnte so behandelt werden, wenn die Polizei es für nötig hielt.

Alle schwedischen Staatsbürger wurden dadurch Opfer eines ultimativ drakonischen Systems der Verhütung. Das Gesetz verbot Infizierten sexuellen Verkehr, bei Zuwiderhandlung drohten strenge Strafen.

Diese Tradition war nicht nur auf das dunkle 19. Jahrhundert beschränkt: Als Aids in Schweden in den 1980er-Jahren auftrat, wurde dieselbe Methode verfolgt. HIV-positive Schweden, die keine Abstinenz versprochen oder sich zu Sex nur mit Präservativen verpflichtet hatten, konnten inhaftiert werden. Es scheint also, als habe Schweden vielmehr eine radikale Wende im Umgang mit infektiösen Krankheiten vollzogen.

Geografischer Vorteil

Es wäre nicht das erste Mal, dass eine Nation auf dramatische Weise seine prophylaktische Taktik geändert hat. Deutschland, abgesehen von Bayern, ging von traditionell sehr drakonischen Methoden gegen Cholera, Pocken und herkömmliche Geschlechtskrankheiten zu einem wesentlich liberaleren Ansatz im Kampf gegen Aids über. Die Kranken wurden behandelt und es wurde ihnen nahegelegt, sexuelle Kontakte zu vermeiden. Doch im Großen und Ganzen ließ man sie in Frieden. Heute geht Schweden mit dem Corona-Virus ähnlich lässig um.

Nun gibt es auch geografische Aspekte im schwedischen Sonderweg. Schweden ist sehr dünn bevölkert und hat bloß eine mittelgroße Metropole. Pandemien haben per Definition erheblich weniger Chancen unter solchen Bedingungen. Dank seiner peripheren Lage liegt Schweden außerdem am äußeren Ende der meisten Handels- und Reiserouten. Das Land ist quasi eine Insel, an zwei Seiten von Wasser begrenzt und mit ansonsten schwer begehbarem Gelände.

Auch besteht die Hälfte aller schwedischen Haushalte aus nur einer Person, das Land hat die höchste Quote an Single-Haushalten weltweit. In Südeuropa ist das ganz anders: In den letzten Wochen haben immer mehr Sozialwissenschaftler in Europa und den USA unabhängig voneinander berichtet, dass sie eine sehr starke Korrelation sehen zwischen Corona-Todesfällen in einem Land und einem hohen Anteil an jungen Menschen, die mit ihren Eltern zusammenwohnen. Nach einer vieldiskutierten Studie von Christian Bayer und Moritz Kuhn von der Universität Bonn, verläuft die Corona-Epidemie besonders schwer, wenn Menschen zwischen 30 und 49 mit ihren Eltern in einem Haushalt leben. Die Schweden befinden sich aber am anderen Ende der Skala.

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Umkehrung zur späten Stunde?

So gesehen waren sie schon vor dem Ausbruch der Pandemie per Gewohnheit selbst-isoliert. Der Geschäftsführer der Deutsch-Schwedischen Handelskammer beschrieb die schwedische Gesellschaft gegenüber der Wirtschaftswoche als eine, in der die Bevölkerung der Großstädte so lebt, „dass die Kinder betreut werden und beide Elternteile in Vollzeit arbeiten können. Es sieht zurzeit noch nicht danach aus, dass es so weit kommen wird und etwa auch Schulen geschlossen und Ausgangssperren verhängt werden. Soziale Kontrolle greift hier tatsächlich noch stärker als staatliche.“

Hat Schweden die richtigen Schlüsse gezogen? Nach jetzigen Erkenntnissen verbreitet sich das Virus sehr schnell. Wieviel wird eine prophylaktische Umkehrung zur späten Stunde noch bringen? Wird sich in diesen Tagen eine schwedische Opposition in dieser Frage aufbauen?

Immerhin hat die rot-grüne Minderheitsregierung bereits ein Gesetz durch den Reichstag gebracht, mit dem sich restriktive Maßnahmen sehr schnell anordnen und durchsetzen lassen. Es kann jedoch sein, dass Schweden bereits seinen Weg in dieser Pandemie gegangen ist.


Der Autor des Artikels, Peter Baldwin, ist Professor für Moderne Europäische Geschichte an der New York University. Er ist Autor mehrerer Bücher über die staatliche Seuchenbekämpfung in Europa und in den Vereinigten Staaten.