Ob getrennt oder nicht: Müll bleibt Müll.
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BerlinIm Nachhinein werden die Wochen des relativen Stillstands in der ersten Jahreshälfte gern als Phase der Besinnung umgedeutet. Als Möglichkeit, das eigene Konsumverhalten zu überdenken. Produktionen wurden eingestellt, Geschäfte blieben geschlossen und wir merkten: Eigentlich wäre auch weniger möglich, weniger einkaufen, weniger Verbrauch generell.

Inzwischen ist klar, dass es mit dem Weniger doch nicht so weit her war: In den ersten Monaten der Corona-Pandemie produzierten die Deutschen zehn Prozent mehr Kunststoffabfälle als zuvor, Lieferdienste hatten Hochkonjunktur, wo Shoppen vor Ort nicht möglich war, wurde eben im Internet bestellt.

Laut einer Umfrage des Umweltbundesamt haben Umwelt- und Klimaschutz für 68 Prozent der Menschen in Deutschland eine sehr hohe Bedeutung. Gleichzeitig hat sich die Pro-Kopf-Müllmenge seit den 80er-Jahren so gut wie nicht verändert. Wir verteilen den Müll nur besser. Und ja, es wird auch recycelt. Beim Kunststoff gilt das etwa für 50 Prozent der gesammelten Menge. Der Rest landet weiterhin in der Müllverbrennungsanlage, oder, im schlechtesten Fall, in der Natur.

Wir sind – Corona hin oder her – nicht besonders gut im Verzicht. Gut sind wir darin, Müll zu trennen. Es verleiht ein Gefühl von Kontrolle und Verantwortungsbewusstsein. Und man muss dafür ja nur den Joghurtbecher leer schaben und in die gelbe Tonne schmeißen. Für den Rest ist die Politik zuständig. Auf einmal rufen wir wieder nach dem Staat.

Tatsächlich ist es Sache der Politik, für eine flächendeckende Versorgung mit Biotonnen zu sorgen und dafür, dass, was im Sammelcontainer landet, auch wirklich recycelt wird. Nur bedeutet das nicht, sich als Verbraucher zurücklehnen zu können in der Hoffnung, dass sich da oben alles schon zum Besten regelt.

Der Mensch ist ein ambivalentes Wesen. Wir trennen den Abfall wie verrückt, wollen Bio-Fleisch und Plastik, das von selbst verschwindet – aber bitte ohne Mehrkosten und vor allem ohne großen Aufwand. Unverpackt-Läden und Wochenmärkte liegen im Trend, die meisten kaufen ihre Lebensmittel aber doch im Supermarkt, sei es aus Bequemlichkeit oder aus Kostengründen. Wir erwarten, dass der Staat sich um nachhaltig produziertes Gemüse und biologisch abbaubares Waschmittel kümmert – aber wehe, eine Partei stellt das tägliche Schnitzel infrage.

Die, die sich gegen die staatliche Einflussnahme besonders wehren und über Verbotsparteien schimpfen, sind dabei gleichzeitig diejenigen, die sich am wenigsten Gedanken über ihr eigenes Handeln machen. Und die Einmischung des Staates nur dann akzeptieren, wenn es lästig wird, sich selbst zu kümmern. So funktioniert es nicht. Man kann nicht allein gelassen werden wollen und gleichzeitig verlangen, dass sich die Regierenden um alles kümmern.

Der aktive Einsatz für den Umweltschutz wird von der Masse offenbar immer noch als ein Nischenthema wahrgenommen. Daran hat auch das verbreitete Umweltbewusstsein in der Bevölkerung nichts geändert. Denn das diffuse Bewusstsein, dass es ein Problem gibt, führt zu wenig und lässt sich zu einfach fortschieben. Ein gutes Gewissen haben zu wollen, kann nicht bedeuten, die Verantwortung für sich selbst völlig aufzugeben. Dabei sind oft die, die am lautesten poltern, sie wollten vom Staat nicht bevormundet und wie Kinder behandelt werden, am wenigsten bereit, Verantwortung für ihr eigenes Handeln zu übernehmen – als sei das nicht einer der Hauptaspekte des Erwachsenseins.

Es ist eine schöne Ironie, dass ausgerechnet die angeblich so lethargische und unpolitische Jugend diese Verantwortung erkannt hat, dass es einer 16-Jährigen gelungen ist, Millionen von Menschen zu bewegen und Regierungen zum Umdenken zu zwingen.

Nein, natürlich machen auch Menschen unter 25 nicht alles richtig. Auch sie fahren Auto oder kaufen T-Shirts für wenige Euro und Kosmetik in Plastikverpackungen. Doch das Argument „Ich mache gar nichts, weil es andere Menschen gibt, die nicht alles richtig machen“ folgt einer verdrehten Logik, aus der die faulste aller Ausreden entsteht. Denn man hat nicht nur die Wahl, entweder alles richtig zu machen oder es gleich ganz bleiben zu lassen.

Insofern schadet es nicht, sich tatsächlich zwischendurch auch mal schlecht zu fühlen, anzuerkennen, dass es mit dem Joghurt-Becher-Wurf in den gelben Sack nicht getan ist. Dass man längst mehr tun könnte und müsste. Es ist nicht die Aufgabe des Staates, uns über den Kopf zu streicheln und zu versichern, dass alles gut ist. Werden wir endlich erwachsen.