Uni Bonn: Sigmar Gabriel erklärt Studierenden die Welt

Bonn - Es war sein erster Auftritt als Dozent, doch einen gewissen staatsmännischen Habitus konnte Sigmar Gabriel nicht ablegen. Im voll besetzten Hörsaal I der Universität Bonn hielt der frühere Bundesaußenminister seine erste Vorlesung. „Europa in einer unbequemeren Welt“, lautete der Titel. Gabriel wird in Bonn Seminare geben, in denen er den Studenten theoretische und konkrete Politik in einem Paket servieren soll, so wünschte es sich zumindest der Bonner Rektor Michael Hoch.

„Gegen Iran-Sigi – Für Israel“

Doch erstmal ging es um sehr konkrete Fragen: Und die stellten einige junge Studenten in Form eines Protests gegen Gabriels Rolle als Wirtschafts- und Außenminister: Sie entrollten ein Plakat mit dem Schriftzug: „Gegen Iran-Sigi – Für Israel“ und riefen in den Saal: „Stehen Sie weiterhin zu Ihrer Aussage, Israel sei ein Apartheidsstaat?“.

Doch der Protest war eher eine Steilvorlage für den Polit-Profi aus Berlin. Lässig auf seinen linken Unterarm gestützt, lächelte Gabriel und parierte die verbalen Attacken der Studenten wie ein Torhüter die Bälle beim Aufwärmtraining. „Wenn Sie schon in einer Universität sind, müssen Sie den Herangezogenen ausreden lassen“, sagte er und und ergänzte: „Ich möchte Sie in meinem Seminar sehen und das dort mit Ihnen diskutieren.“ Eine Protestierende lud er gar persönlich ein, als diese beklagte, für sein Seminar nicht zugelassen worden zu sein. „Ich hole Sie an der Tür ab“, erklärte er.

Der neue Mann an der philosophischen Fakultät fühlte sich gleich in seinem Element. Beim Nato-Doppelbeschluss habe er selbst als Demonstrant im Bonner Hofgarten gestanden. „Sie haben also noch alle Chancen“, rief er den Protestierenden zu. „Erst demonstrieren Sie, dann werden Sie Außenminister und anschließend Vorleser hier in der Uni.“

Dann ging es in dem einstündigen Vortrag schließlich doch um ernste Politik. Dass Israel ein Apartheidsstaat sei, wollte er selber nicht sagen, sondern bezog sich lieber auf eine Aussage von Bischof Detmond Tutu. Mit Kritik an Israel sparte er aber erneut nicht, auch wenn er dem Land attestierte, eine Demokratie im Nahen Osten zu sein, was die Ermittlungen gegen Netanjahu unterstreichen würden: So etwas hätte es in Südafrika nicht gegeben. Er erzählte das Beispiel von einer Frau aus Hebron, die sich bei den Israelis 48 Stunden vor ihrer Fahrt anmelden müsse, wenn sie mit ihrem behinderten Sohn zum Arzt wolle. Das sei untragbar.

Lehrstunde in praktischer Politik

Was folgte, war eine große Lehrstunde in praktischer Politik. Gewiss, viele Positionen Gabriels waren bekannt. Etwa, dass er eine zunehmende Isolation Russlands ablehnt und lieber auf offene Kanäle nach Moskau setzt. Als Welterklärer zog der einstige SPD-Vorsitzende den ganz großen Bogen: Er sagte, „es besteht die Gefahr eines Kalten Krieges 2.0 und auch eines neuen nuklearen Wettrüstens“. Was den Europäern vor allem fehle, sei eine klare Strategie.

In diesem Sinne kritisierte Gabriel auch Kanzlerin Angela Merkel – ohne sie beim Namen zu nennen – für ihre Zurückhaltung bei den Militärschlägen der USA, Frankreich und Großbritanniens gegen das Regime von Baschar al-Assad. Das sei ein Zeichen und Beispiel für die Zerrissenheit Europas, das andere durchaus auszunutzen wüssten. „Es ist bei internationalen Beobachtern bekannt“, sagte Gabriel, „dass das Assad-Regime bereits 85 Angriffe mit Chemiewaffen getätigt hat“.

Gabriel lobt die backchannels zu Russland

Mit politischen oder wirtschaftlichen Mitteln sei dem Regime aber nicht beizukommen. Er entdeckte bei der britischen Premierministerin Theresa May jene „Realpolitik“, die er sich von Deutschland gewünscht hatte. May habe den Russen klar gemacht, dass es nicht um künftige Ansprüche auf Syrien nach dem Krieg gehe, sondern allein um eine Reaktion auf den Chemiewaffeneinsatz. Überhaupt hätten die „backchannels“ zwischen Russland und dem Westen offenbar gut funktioniert: Hinter den Kulissen habe man sich abgestimmt.

Gabriel warnte vor China als aggressive Macht, das sich mit dem Projekt der Seidenstraße geostrategisch positioniere. Und er warb in Bonn dafür, mit Moskau die Beziehungen zu verbessern. Er drängte auf eine Politik, die bereits im Kalten Krieg funktioniert habe: Stärke und Kalkulierbarkeit. Auch die Türkei dürfe nicht aufgegeben werden. Sie sei bei einer Isolierung einer der Kandidaten, die auf eine nukleare Bewaffnung setzen könnten. Dass Erdogan von Putin ein Raketenabwehrsystem gekauft habe, sei ein alarmierendes Signal.

Die größten Herausforderungen für Europa erkennt er vor allem auf zwei Feldern: der Rückzug der USA aus den liberalen Handelsverträgen in Form einer protektionistischen Wirtschaftspolitik und der Torpedierung des Atomabkommens mit dem Iran. Letzteres könne eine neue nukleare Rüstungsspirale in Gang setzen. Was helfe? Europa müsse endlich lernen, mit Macht umzugehen.