Sebastian Kurz und Werner Kogler.
Foto: AP/Ronald Zak

Berlin/WienEs wäre leicht, sich an dieser Stelle über Sebastian Kurz lustig zu machen. Nach dem Motto: Hier ist der Mann, der vollkommen schmerzfrei wirklich mit jeder Partei koalieren kann – erst mit der FPÖ, jetzt mit den Grünen. Doch das wäre dem, was gerade im Nachbarland passiert, nicht angemessen.

Es war falsch, dass Kurz gemeinsam mit den Rechtspopulisten von der FPÖ regiert hat. Das hat sich überdeutlich gezeigt, als per Video öffentlich wurde, wie der damalige FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache im Jahr 2017 einer vermeintlichen russischen Oligarchin gegen Wahlkampfhilfe öffentliche Aufträge in Aussicht gestellt hatte. Strache verharmloste das als „besoffene Geschicht’“. Aber sein Vorgehen war kalkuliert. Und genau das war Kurz’ Griff nach der Macht mithilfe der Rechtspopulisten auch.

Jetzt hat Kurz mit den Grünen einen seriösen Koalitionspartner. Das ist eine riesige Chance für die österreichischen Konservativen, sich neu zu erfinden. Die Themen Umwelt und Klimaschutz sind – nicht nur in Deutschland – in der politischen Mitte angekommen.

Wenn das Regierungsbündnis aus Konservativen und Grünen in Österreich erfolgreich ist, kann dies Strahlkraft bis nach Deutschland entwickeln. Dazu werden die Regierungsparteien in Österreich sich gegenseitig Raum zur Profilierung geben müssen. Gelingt es ihnen, sollten CDU, CSU und Grüne genau nach Österreich schauen und vom Nachbarland lernen. Denn die Unterschiede zwischen deutschen Christdemokraten und Grünen werden in der Nach-Merkel-Ära eher zunehmen. Doch wenn die Menschen im Land es wollen, müssen sie gemeinsam Verantwortung übernehmen.