Spezialkräfte bei einer Vorführung in Dresden.
Foto: Monika Skolimowska/dpa

BerlinIm April 2017 wurde der Bundeswehroffizier Franco A. festgenommen, weil er sich als syrischer Flüchtling ausgegeben und vermutlich einen Anschlag vorbereitet hatte. Bei ihren Ermittlungen stieß die Bundesanwaltschaft auf ein hochkonspiratives Netzwerk rechtsgesinnter Soldaten, das der Oberleutnant André S. aufgebaut haben soll, ein ehemaliger Angehöriger des Kommandos Spezialkräfte (KSK) der Bundeswehr. Unter dem Decknamen „Hannibal“ administrierte S. eine Telegram-Chatgruppe, deren Mitglieder sich auf einen „Tag X“ vorbereitet und dafür Waffen gehortet haben. Mehrere Zeugen bestätigten in Vernehmungen beim BKA, dass in diesen Chatrunden von sogenannten Safe Houses – sicheren Verstecken für den Ernstfall – und von Waffenlagern die Rede gewesen sei.

Hat sich in Militär und Sicherheitsbehörden hierzulande unbemerkt eine Schattenarmee rechter Offiziere, Polizisten und Verfassungsschützer gebildet, die auf einen Umsturz der demokratischen Ordnung hinarbeiten? Der Verdacht hat sich bislang zwar nicht erhärtet, aber die Ermittlungen gegen „Hannibal“ förderten doch eine Reihe von miteinander vernetzten und mehr oder weniger konspirativ agierenden rechtsgerichteten Männerbünden zutage, die paramilitärisches Training betreiben, Selbstverteidigungskurse organisieren und Waffenlager anlegen.

Einer dieser Männerbünde ist der bereits seit 2010 existierende Verein Uniter, dem hauptsächlich aktive und ehemalige Spezialkämpfer aus Polizei und Bundeswehr sowie Geheimdienstler angehören. André S. alias „Hannibal“ saß bei Uniter im Vorstand, wie auch – bis April 2017 – ein baden-württembergischer Verfassungsschützer. Laut Zeugenaussagen soll André S. Uniter-Mitgliedern Schießübungen mit Waffen aus fliegenden Hubschraubern in Polen und Tschechien angeboten haben. Außerdem sollen in einem „Trainingscenter Retten und Helfen“ im baden-württembergischen Morsbach paramilitärische Übungen organisiert worden sein.

„Ein Mitglied verpflichtet sich, über alle  Angelegenheiten innerhalb des Netzwerkes, die ihm oder ihr anvertraut werden, Verschwiegenheit zu bewahren.“

Aus dem Verhaltenskodex des Vereins Uniter

Die deutschen Sicherheitsbehörden tun sich noch schwer mit einer Bewertung des Vereins. Denn Uniter bewegt sich in einer Grauzone, und das tut er durchaus mit konspirativen Methoden. Darüber kann auch nicht der professionell gestaltete Internetauftritt des Vereins hinwegtäuschen. Dort kann man nachlesen, dass Uniter aus einem Männerbund namens „Bund der Wölfe“ hervorgegangen ist. Den hatten im Jahr 2009 zehn aktive Kommandosoldaten gegründet, um in ihrer Freizeit Trekking- und Abenteuertouren nach Peru, Kambodscha, Vietnam, Schottland, Irland oder Venezuela zu unternehmen. 2010 hätten sich die „Wölfe“ mit zwei weiteren Netzwerken für Kommandoeinheiten der Bundeswehr und Polizei sowie einer Gruppe aus dem europäischen Nato-Kommando Shape zum Verein Uniter e.V. zusammengeschlossen, heißt es auf der Internetseite.

Heute wird die Zahl der Uniter-Mitglieder auf bis zu 1800 geschätzt. Genaue Zahlen erfährt man beim Verein nicht, denn Geheimhaltung ist oberstes Prinzip. Auf der Vereinsseite heißt es lediglich, dass es mittlerweile in 64 Ländern der Erde Uniter-Mitglieder gebe. Angestrebt werde „eine weltweite Vernetzung Gleichgesinnter, die innerhalb ihrer Länder in eigenen Distrikten organisiert sind, aber im Austausch stehen“. Neben Angehörigen von Spezialeinheiten aus Bund, Ländern und der Polizei gehören dem Netzwerk auch Wissenschaftler, Personen aus dem privaten Sicherheitsgewerbe, Ärzte, Anwälte, Handwerker und Sportler an. Auch ein Dozent der Brandenburger Hochschule der Polizei ist Uniter-Mitglied. Er bekleidet einen Posten als Regionalchef, berichtete der Tagesspiegel.

Die Vereinsmitglieder tragen Abzeichen und Krawatten mit dem Uniter-Logo, das ein T, Schwert und Eichenlaub zeigt. Das T stehe Uniter zufolge für „Tugend und Treue“, aber auch für Schultern und Wirbelsäule, die „die Last der Verantwortung für den Schutz unserer Gesellschaft“ tragen; das Schwert soll Stärke und Verteidigung symbolisieren, aber auch die „besseren Argumente“ in der geistigen Auseinandersetzung; das Eichenlaub schließlich halte Tugend, Treue und Schwert zusammen.

Den Vereinsmitglieder schreibt ein „Kodex“ Benimmregeln vor: Respekt und bescheidenes Auftreten gehören ebenso dazu wie Verschwiegenheit über alle Angelegenheiten innerhalb des Netzwerkes und die Identitäten der Vereinskollegen. Wie in Geheimdiensten üblich, besteht die Verpflichtung zur Verschwiegenheit dem Kodex zufolge auch nach der Beendigung der Mitgliedschaft weiter.

Das Ziel von Uniter: Eine Art Blackwater

Was die Aufgabenstellung angeht, bleibt der Verein in seiner Selbstdarstellung vage: Man berate in Sicherheitsfragen, erstelle Sicherheitskonzepte und pflege gute Kontakte zur Sicherheitsbranche, zu Bereichen der Wirtschaft und den Behörden. „Produkttests und Analysen unter realen Bedingungen ermöglichen wertvolle Feedbacks an die Partnerfirmen“, heißt es etwas rätselhaft. Als zentrale Aufgabe hat sich Uniter Aufbau und Ausbildung sogenannter Medical Response Units (MRU) auf die Fahne geschrieben. Diese MRU sind eine Art unbewaffnete Bürgerwehren, die „im taktischen Bewegen im Einsatzgebiet sowie im Erkennen von Gefahrenmomenten“ geschult werden sollen. Angestrebt werde, dass sich die MRU-Kräfte in Deutschland „gegen Messer, Steine, Flaschenwürfe sowie Handgreiflichkeiten zur Wehr setzen, die Verletzten versorgen und bergen, aber auch auf eine sich verändernde Lage reagieren können“.

Perspektivisch sollen auch MRU-Teams für den Auslandseinsatz in Krisengebieten ausgebildet werden. Die Tageszeitung Taz, die umfangreich die Hintergründe von Uniter recherchiert hat, zitiert einen ehemaligen SEK-Polizisten aus dem Umfeld des Vereins mit den Worten, dass Uniter gern eine Art Blackwater bilden würde. Blackwater, das heute Academi heißt, ist eine berüchtigte Söldnerfirma aus den USA, die weltweit in Krisengebieten privates Militär- und Sicherheitspersonal im Einsatz hat.