Wenn heute die Nachbarin klingelt und Sie um eine Tasse Öl bittet – geben Sie ihr das Öl ruhig.
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BerlinEin Warnhinweis. Diese Kolumne befasst sich mit Glaubensfragen. Diesbezüglich empfindsame Personen sollten nicht weiterlesen. Wobei zunächst geklärt werden sollte, was Fragen des Glaubens eigentlich sind. Glauben bedeute, nicht zu wissen, sagte man früher.

Aber was heißt schon „wissen“ in einer Zeit, in der es für jede Ansicht wissenschaftliche Belege gibt, für die Wahrscheinlichkeit wie Unwahrscheinlichkeit einer Klimakatastrophe etwa. Und in der Gewusstes keineswegs das Handeln beeinflussen muss.

Wissen ist so unendlich und flüchtig geworden

All die Leute, die am Sonnabend wieder bei Primark an der Kasse standen, wissen natürlich, dass fünf Euro für ein Kleidungsstück kein fairer Preis sein kann. Und kaufen trotzdem, obwohl sie, wenn sie wirklich nicht mehr bezahlen könnten, auch im Secondhand fündig würden. Was also bedeutet „Wissen“? Ist der ein Wissender, der da im Supermarkt Hamsterkäufe tätigt für den Fall, dass er wegen eines Corona-Falles in seiner Stadt lieber nicht mehr so oft nach draußen geht, und auch reichlich Zigaretten aufs Band legt, die Seite mit der Todeswarnung nach oben?

Tatsächlich ist das Wissen so unendlich und so flüchtig geworden wie die Informationen, aus denen es besteht. Wenn es jedoch kein verbindliches Wissen gibt, dann gibt es auch kein verbindliches Nicht-Wissen – woraus aber nicht folgt, dass es keinen Glauben mehr gäbe. Wie der Einzelne die Informationsflut organisiert, die ihn durch seinen Alltag treibt, wovon er sich beunruhigen lässt, was er durchwinkt und wonach er regelrecht sucht, das spiegelt seine Persönlichkeit, seine Hoffnungen, seine Befürchtungen: seinen Glauben.

Der Mensch gefährdet sich ohne Not

Zwar werden keine Scheiterhaufen mehr errichtet, wenn es in der Nachbarschaft Krankheitsfälle gibt, sagen wir: Masern, sondern es wird eine Impfpflicht eingeführt. Aber nur, weil diese wirtschaftlich niemandem schadet, sondern sogar sehr nutzt. Wenn es aber um Umweltschutz geht, der einen Gewinn mindern würde, ertönt aus dem Mund der Lobby das Gebet der Hoffnung.

Die Wahrheit liegt immer im ersehnten Ergebnis, wobei bisher noch jede Sehnsucht mit persönlicher Sicherheit zu tun hatte und die Geschichte lehrt, dass jedes Mehr an Sicherheit für einen Einzelnen ein Weniger an Sicherheit für viele bedeutet. Bei Pferden ist das anders. Denen ist Herdenschutz in der Not das Wichtigste. Der Mensch aber gefährdet seine Art täglich auch ganz ohne Not.

Gegen die Angst hilft das Vertrauen

Höre ich da den Zuruf „Montagspredigt!“? Das ist ein gutes Stichwort, denn selten wurde die Vergeblichkeit des menschlichen Tuns besser gefasst als im Bild von dem Kamel, das eher durch ein Nadelöhr passt als... Sie wissen schon. Das Neue Testament ist voll mit Hinweisen darauf, dass gegen die Angst nicht Hass, sondern Vertrauen hilft, dass sich Dinge vermehren, wenn man sie teilt, und dass man das, was man sich wünscht, anderen zukommen lassen soll, statt Angst zu haben, dass sie es wegnehmen.

Es wäre das perfekte „andere System“, in dem Probleme, die im herrschenden entstanden sind, vielleicht zu lösen wären. Will sagen: Wenn heute die Nachbarin klingelt und Sie um eine Tasse Öl bittet – geben Sie ihr das Öl ruhig, auch wenn dann die von der Bundesregierung empfohlene Vorratsmenge von 357 g Ölen und Fetten pro Person für zehn Tage kurzfristig unterschritten wird in Ihrem Schrank. Niemand weiß, ob es am Ende für alle reichen wird. Aber das ist gut. Denn so kann man daran glauben.