Zahlreiche Teilnehmer einer Demonstration gegen Antisemitismus stehen auf dem Bebelplatz. Veranstalter ist die Initiative "Unteilbar".
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BerlinGegen Antisemitismus und rechte Gewalt: Tausende Menschen sind am Sonntag in Berlin auf die Straße gegangen, um nach dem Terroranschlag von Halle Zeichen zu setzen. Die Polizei schätzte die Zahl der Teilnehmer am Ende auf 8.000, die Organisatoren der Initiative „Unteilbar“ sprachen von 16.000.

Ein schwerbewaffneter Rechtsextremist hatte am Mittwoch versucht, in die Synagoge in Halle einzudringen. Nachdem der Versuch scheiterte, hatte er vor der Synagoge und in einem Döner-Imbiss zwei Menschen erschossen. Der 27-Jährige sitzt in Untersuchungshaft. Er bestätigte antisemitische und rechtsextremistische Motive.

Am Sonntag zur Mittagszeit dauerte es zunächst eine Weile, bis sich die Dinge und Menschen sortiert hatten. Waren zunächst vor allem Touristen auf dem Bebelplatz in Mitte unterwegs, dominierten schließlich die Demonstranten.

Die Teilnehmer trugen Banner mit Aufschriften wie „Rechter Terror bedroht unsere Gesellschaft“ oder „Antisemitismus tötet. Rassismus tötet“. Es gab Transparente von „Omas gegen Rechts“ oder auch „Kinder gegen Rechts.“ Mehrere Menschen hatten sich in israelische Fahnen gehüllt.

Auf Demonstration: Berliner Bischof Markus Dröge fordert härtere Maßnahmen gegen Rechts

Per Lautsprecher wurden die Namen von Opfern rechter Gewalt verlesen, einige Demonstranten hatten weiße Rosen dabei, die sie später vor der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße, dem Demonstrationsziel, ablegten. Viele Familien waren gekommen und ältere Menschen. Auch die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli und der Berliner Bischof Markus Dröge liefen mit.

Dröge fordert nach dem Terroranschlag in Halle härtere Maßnahmen gegen Rechts. Es reiche nicht mehr, „nie wieder“ zu rufen. „Der Verfassungsschutz und die Sicherheitskräfte müssen wesentlich konsequenter gegen rechte Netzwerke und rechtspopulistische Funktionäre vorgehen, die erwiesenermaßen verfassungsfeindliche Thesen verbreiten.“

Auf der Kundgebung gab Lala Süsskind vom Jüdischen Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus (JFDA) den Ton vor. Sie berichtete von ihren Gefühlen, als sie am Mittwoch – gleichzeitig Jom Kippur, der jüdischen Versöhnungstag – von dem Attentat von Halle hörte.

„Ich werde diesen Jom Kippur und die folgenden nie vergessen, als dieser Unmensch zwei Menschen getötet hat.“ Sie sei kein „sehr religiöser Mensch“, sagte die ehemalige Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, „aber ich glaube, dass Gott die Betenden in der Synagoge beschützt hat.“

Süsskind spannte den Bogen von Halle nach Berlin. Sie sprach vom Hess-Gedenkmarsch, der in Berlin stattfinde, während er andernorts verboten sei, und vom israelfeindlichen Al-Quds-Marsch. „Das dürfen wir nicht zulassen“, sagte Süsskind. „Mein Maß ist voll.“

Ferat Kocak, kurdisch-stämmiger Linke-Politiker aus Neukölln, berichtete von einem Telefonat, das er am Sonntagmorgen mit dem ebenfalls kurdischstämmigen Gastronomen in Halle geführt habe, in dessen Imbiss ein junger Mann erschossen wurde. „Der Imbissbesitzer trauert mit den Angehörigen, und auch mit denen der toten Frau, die nur wenige hundert Meter vom Imbiss entfernt ermordet wurde“, sagte Kocak.

Volker Beck kritisiert Aussagen von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer

Mehrere Redner erinnerten an das teils dubiose Vorgehen von Ermittlungsbehörden und Verfassungsschutz bei der Mordserie der rechtsextremen Terrorgruppe NSU. Reinhard Borgmann vom Jüdischen Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus. Borgmann sagte, in Halle sei „ein fürchterlicher Preis für die Bräsigkeit der Polizei“ bezahlt worden.

Mit Blick auf den ehemaligen Präsidenten des Verfassungsschutzes Hans-Georg Maaßen, sagte Borgmann: „Dieser Mann ist eine Schande für das Land. Menschen wie er sorgen dafür, dass immer weniger Vertrauen in die staatlichen Institutionen gesetzt wird.“

Der frühere Bundestagsabgeordnete Volker Beck sagte der Berliner Zeitung von einem „Zeichen“, dass „die Politik endlich aufwachen“ müsse. Er kritisierte Äußerungen von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer. Steinmeier hatte gesagt, dass man solch eine Tat wie in Halle zuvor „nicht für möglich“ gehalten habe.

Dabei habe es, so Beck, zuvor schon schlimme antisemitische Vorfälle gegeben – sei es aus dem rechten oder linken Lager, sei es aus dem christlichen oder dem muslimischen Kulturkreis. Auch Kramp-Karrenbauers Äußerung, das Attentat von Halle sei „ein Alarmzeichen“, bezeichnete Beck als „Katastrophe“. Als am Ende Konzertpianist Igor Levit von einem Lastwagen herunter ein Stück aus Johann Sebastian Bachs Goldbergvariationen spielte, war die Menge ganz still.