BerlinDie Berliner Zeitung verändert sich. Nach der Übernahme wurde in einem ersten Schritt die legale und organisatorische Unabhängigkeit hergestellt. Nachfolgend wurde mit viel Engagement die technische Basis modernisiert, sodass die Redaktion auf modernisierten Systemen in zeitgemäßen Prozessen arbeitet. Ungeplanterweise pünktlich zum Ausbruch der Covid-19-Pandemie war die IT-Infrastruktur umgestellt, sodass alle Mitarbeiter des Verlages im Homeoffice sicher weiterarbeiten konnten. Seitdem agiert der Berliner Verlag in modernen, agilen Strukturen, die langjährig diskutiert, doch nur zögerlich und nie vollständig umgesetzt worden waren. Und das war nicht die einzige Veränderung.

Geändert hat sich mit der Umstellung der IT-Systeme auch die Möglichkeit, auf Daten zuzugreifen. Erstmalig haben wir die Chance, zielgerichtet zu ergründen, wer unsere Leserinnen und Leser sind, was sie interessiert. Wir sehen ebenso, wie divers sich unsere Leserschaft darstellt. Beispielhaft: 28 Prozent unserer Leser der gedruckten Zeitung sind älter als 80 Jahre, mehr als 75 Prozent unserer Leser der gedruckten Zeitung sind älter als 60 Jahre. Eine Situation, die sich bei vielen, auch den größten, Zeitungen Deutschlands zeigen dürfte. Gleichzeitig sehen wir, dass die wachsende Zahl unserer Online-Leser zu 50 Prozent jünger als 40 Jahre ist und sogar 25 Prozent jünger als 25 sind. Erkennbar ist ebenso, wann unsere Leser sich für unsere Informationen interessieren. All diese Daten geben uns Hinweise, was sich in unserer Arbeit verändern muss.

Die zukünftig mehr in den Fokus der Redaktionsarbeit rückenden Dimensionen sind Relevanz und Qualität der durch uns bereitgestellten Informationen. Wir kommen nicht umhin festzustellen, dass die Presse seit geraumer Zeit einem Glaubwürdigkeitsproblem unterliegt. Damit werden wir uns selbstkritisch auseinanderzusetzen haben. Das zeigen uns eigene Daten. Unsere persönlichen Einschätzungen, Meinungen und Haltungen sind daran zu spiegeln. Daher stehen wir im nächsten Schritt vor noch größeren Herausforderungen: Wir wollen das wachsende Glaubwürdigkeitsproblem angehen, wir wollen irrelevante von relevanten Themen unterscheiden lernen und wir wollen verloren gegangene Zielgruppen zurückgewinnen beziehungsweise neue Zielgruppen ansprechen.

Zudem haben wir verstanden, dass der bisher eingeschlagene Weg einer immer stärker personalisierten Werbung im Zeitungsgeschäft keine Zukunft hat. Er verstößt nicht erst seit der Einführung der Europäischen Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) gegen das in der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland verankerte Recht der informationellen Selbstbestimmung. Auch hier fällt die Situation nicht vom Himmel. Es ist ein hausgemachtes Problem eines Teils deutscher Medien, die in der Vergangenheit Rechtsräume aktiv zu ihren Gunsten und zu Lasten ihrer Leser interpretativ ausgeweitet haben.

Mit den Einnahmen aus Werbung und der immer energischeren Verfolgung der Leser auf ihren Datenspuren wurde die Lösung struktureller Finanzierungsdefizite des Journalismus verschleppt, die Problematik dieses Vorgehens wurde über die Zeit hin größer, nicht kleiner. Datenschützer haben dies erkannt und gehen dagegen vor – zu Recht! Wir dürfen daher zeigen, wie reformfähig wir sind, an uns selbst beweisen, was wir selbstverständlich von anderen in Politik, Industrie und Gesellschaft fordern. Daher spielen wir keine personalisierte Werbung aus, wir wollen personalisierten Journalismus anbieten. Und diesen Anspruch müssen wir in Einklang mit unserem Geschäftsmodell bringen, um unsere Unabhängigkeit zu erhalten.

Das ist keine Aufgabe, die die Berliner Zeitung alleine lösen kann. Doch es bedarf im ersten Schritt der Schärfung unseres Problembewusstseins. Ein Text oder eine Information ist relevant, wenn sie von Menschen gelesen und als wertvoll für die eigene freie Meinungsbildung eingeordnet wird. Und zum Problembewusstsein gehört, dass wieder stärker die Leser, nicht Journalisten als Zielgruppe angenommen werden.

Daher starten wir heute unsere dritte Welle der Transformation. Neben den inhaltlich orientierten Projekten wird ein weiterer Transformationsschritt die Öffnung der redaktionellen Strukturen sein. Wir akzeptieren unsere Grenzen als Redaktion, auch als Journalisten in einer sich immer weiter vernetzenden Welt. Wir haben verstanden, dass keine noch so große Redaktion die überbordende Komplexität dieser Welt greifen und einordnen kann. Daher orientieren wir uns an erfolgreichen Konzepten der Informationstechnologie und öffnen uns.

Wir laden ein, Journalismus als Open-Source-Projekt zu verstehen. Vielfalt der Meinung auf der Grundlage des Grundgesetzes, kuratiert von erfahrenen Journalistinnen und Journalisten, zugänglich über smarte Technologien. Ofelia Maghakyan als Projektleiterin und Petra Kohse als Chefin der Kuratur verantworten dieses innovative Projekt. Wir laden alle am offenen, fairen und undogmatischen Diskurs Interessierten ein. Die Berliner Zeitung bietet ab heute die Infrastruktur für erweiterten Journalismus, der sich abhebt und den Wettbewerb um die bessere Idee stimuliert, hierarchiefrei und offen für Konstruktivität.