Rom - Er habe instinktiv gebremst, erzählte ein Autofahrer, den Helfer am späten Montagabend zitternd am Rand einer Landstraße nahe Olbia gefunden hatten, „denn ich habe nur noch eine Wand aus Wasser vor der Windschutzscheibe gesehen“. Er riss die Autotür auf und rannte. Sein Instinkt rettete dem 50-jährigen Sarden das Leben, wie die Zeitung Corriere della Sera berichtete. Die drei Autos, die vor ihm fuhren, wurden unter den Trümmern einer Brücke begraben, die durch heranflutende Wassermassen einstürzte. Drei der Insassen starben.

Mindestens 18 Menschen kamen durch die Unwetterfront „Cleopatra“ ums Leben, die am Montagabend und in der Nacht zu Dienstag auf Sardinien mit extremen Regenfällen, Sturmböen und Springfluten wütete. Zwei Kleinkinder und mehrere ältere Menschen starben durch Überschwemmungen, darunter eine 90-jährige Rollstuhlfahrerin, die hilflos in ihrer Wohnung eingeschlossen war. In der Kleinstadt Arzachena wurde eine vierköpfige Familie im Souterrain von den meterhohen Fluten überrascht. Vater, Mutter, die 16-jährige Tochter und der 20-jährige Sohn ertranken.

Am schlimmsten traf es die Region im Umkreis der Hafenstadt Olbia im Nordosten Sardiniens. Flüsse schwollen zu reißenden Strömen an, Städte und Dörfer wurden überschwemmt, viele Bewohner mussten die Nacht auf Dächern und Bäumen verbringen, wie der Zivilschutz berichtete. Das Ausmaß der Schäden war noch nicht absehbar, viele Straßen unpassierbar. Die italienische Regierung rief den Notstand auf der Insel aus und stellte 20 Millionen Euro bereit.

„Innerhalb von 24 Stunden hat es in einigen Gegenden Sardiniens so viel geregnet wie sonst in sechs Monaten“, erklärte Zivilschutzchef Franco Gabrielli. Der Bürgermeister von Olbia, Gianni Giovannelli, sprach von einer „Wasserbombe“. Vorwürfe, die Bevölkerung sei nicht alarmiert worden, wiesen die Verantwortlichen zurück. Umweltminister Andrea Orlando sagte, es habe eine Unwetterwarnung gegeben und Rettungskräfte hätten bereit gestanden. „Aber eine so unvorstellbare Naturgewalt war einfach nicht zu bewältigen“, erklärte der Bürgermeister von Olbia.

Der Umweltminister machte Klimaveränderungen für das außergewöhnlich heftige Unwetter verantwortlich. Auch italienische Klimaforscher erklärten, die Zahl tropenähnlicher Zyklone habe im Mittelmeerraum in den vergangenen zwanzig Jahren dramatisch zugenommen. Ursache sei die Erwärmung der Ozeane. Geologen verwiesen allerdings darauf, dass die Begradigung und Eindämmung von Flüssen und die Versiegelung der Böden in Italien die Gefahr von Überschwemmungen erhöht.

Die Schlechtwetterfront zog am Dienstag weiter Richtung Osten und richtete auch in Kalabrien große Schäden an.