Klimahysterie ist das Unwort des Jahres 2019
Foto: dpa/Frank Rumpenhorst

BerlinWas wie ein spielerisches und sich jährlich wiederholendes Element der publizistischen Unterhaltung anmutet, hat einen ernsten politischen Kern. Kaum etwas jedenfalls scheint in Zeiten beschleunigter Informationsverarbeitung wichtiger als ein reflektierter Umgang mit Sprache. 

Ganz in diesem Sinne ist eine unabhängige Darmstädter Jury seit 1991 darum bemüht, besonders problematische Wortschöpfungen ausfindig zu machen, um anhand des jeweils vorgeführten Negativbeispiels für einen sensibleren Sprachgebrauch zu werben. Es gehe, so schreiben die Initiatoren des Unwort des Jahres auf ihrer Webseite, um die Hoffnung auf mehr Verantwortung im sprachlichen Handeln. In diesem Sinne versteht die Jury der sprachkritischen Aktion, der vier Sprachwissenschaftler und ein Journalist angehören, ihre Entscheidung für „Klimahysterie“ als zu brandmarkendes Wort ausdrücklich als politische Intervention. Der Begriff, der gleich von mehreren Vertretern von Politik, Wirtschaft und Medien benutzt worden sei, heißt es in der Begründung, pathologisiere pauschal das zunehmende Engagement für den Klimaschutz als Art „kollektiver Psychose“. Die Wahl zum Unwort des Jahres 2019 wendet sich also explizit gegen einen politischen Kampfbegriff.

Kampfbegriff einer erbittert geführten Debatte

Lässt man einmal außer Acht, dass die begrifflich unscharfe Begründung Anlass für eine weitere sprachkritische Prüfung böte, so verweist sie auf die häufige Verwendung zweier Substantive, die erst durch ihre Zusammensetzung toxische Wirkung erzielen. Wer Klimahysterie sagt, so der kritische Impuls der Jury, sitzt einer ideologischen Agenda auf oder verfolgt sie sogar. Erweckten die Aspekte des Klimawandels lange vor allem das Interesse von Expertenrunden, so zeigt die Wahl des Unwortes 2019, dass diese inzwischen im Zentrum einer erbittert geführten Debatte stehen.

Das waren die Unwörter der vergangenen Jahre

2018: Anti-Abschiebe-Industrie
2017: Alternative Fakten
2016: Volksverräter
2015: Gutmensch
2014: Lügenpresse
2013: Sozialtourismus
2012: Opfer-Abo
2011: Döner Morde
2010: Alternativlos

Das Wort Klimahysterie verdient tatsächlich eine genauere Betrachtung. Die Darlegung klimapolitischer Argumente wird durch eine saloppe Zuspitzung diskreditiert, die aus dem Wortfeld der Psychiatrie stammt. Hysterie bezeichnet eine neurotische (nicht: psychotische) Störung, die, laut Wikipedia „mit oberflächlicher, labiler Affektivität und einem hohen Bedürfnis nach Geltung und Anerkennung einhergeht.“

Lange Inkubationszeit

Die Verwendung des Wortes Klimahysterie, da hat die Darmstädter Jury zweifellos Recht, ist ganz gewiss nicht Ausdruck eines Ringens um die Geltung des besseren Arguments. In der Debatte zu Klimafragen ist sprachliche Abrüstung denn auch dringend geboten. Es gehört zu den überaus irritierenden Zeiterscheinungen, dass in einer auf sozialen Fortschritt und technologische Funktionalität ausgerichteten Gesellschaft, die der Soziologe Andreas Reckwitz als spätmodern bezeichnet, immer mehr Vertreter gesellschaftlicher Gruppierungen die Ergebnisse und Analysen wissenschaftlicher Vernunft in Frage stellen und dies als Ausdruck politischer Relevanz verstehen.

Die Anerkennung des Klimawandels als eine von Menschen verursachte Realität ist ja alles andere als eine apokalyptische Laune des Augenblicks. Welche Folgen menschliches Tun für die Natur und die Atmosphäre bedeutet, hat bereits vor über 200 Jahren Alexander von Humboldt ahnungsvoll verzeichnet, ohne dafür als Psychopath angesehen worden zu sein. Es wäre tatsächlich wünschenswert, Begriffen wie Klimahysterie und Ökodiktatur künftig nicht mehr dem unschuldigen Gebrauch zu überlassen.

Anlässlich der Wahl zum Unwort des Jahres 2019 sollte aber auch nicht übersehen werden, dass die Herkunft des Begriffs keine aktuelle Prägung ist, die direkt aus dem Umwelt jener notorischen Klimaleugner stammt, die mit dem Thema inzwischen auch bei Wahlen punkten. Von Klimahysterie und -diktatur hatte bereits der 2015 gestorbene Ingenieur und Wisschenschaftjournalist Christian Bartsch gesprochen. „Wider die Klimahysterie“ war sein 2007 erschienener Text in der FAZ   überschrieben, in dem dieser davor warnte, einzelne Wetterphänomene zu einer Klimakatastrophe hochzurechnen. Die Wucht der Wörter hat manchmal eine lange Inkubationszeit.