Zweihundert hungrige Buntbarsche drängeln an die Wasseroberfläche und recken ihre Mäuler nach oben. Christian Echternacht von „Efficient City Farming“ streut Futter ins Becken und lacht: „Die haben immer Hunger und wachsen schnell.“ Was da nach Essbarem schnappt, sind Tilapias, robuste Speisefische, sonst eher auf der südlichen Erdhalbkugel zu Hause als mitten in Berlin. Auch den Tomaten ein Stockwerk höher geht es gut. Sie tragen knallrote Früchte, ihre Wurzeln liegen zwischen Steinwolle in Wasserwannen.

Fische und Pflanzen leben in einem umgebauten Industriecontainer. Sein Inneres beherbergt ein 1000-Liter-Aquarium, Bottiche, Rohre und Pumpen. Auf seinem Dach glänzt ein Gewächshaus. Diese „Containerfarm“ steht auf dem Hof einer ehemaligen Malzfabrik mitten in Berlin. Früher wurde hier Schultheiss-Bier gebraut.

„Wir arbeiten mit einem System, das Stoffwechselvorgänge der Natur nachahmt“, erklärt Echternacht. Was die Barsche ausscheiden, wird von Bakterien in Nitrat verwandelt und ernährt die Tomaten. Das Aquaponik genannte Verfahren ermöglicht eine wassersparende, CO2-neutrale Fisch- und Gemüse-Produktion auf engsten Raum. Das hat Zukunft, immerhin lebt seit 2008 mehr als die Hälfte der Menschheit in Städten. Wasser, Öl und auch Platz werden knapper, die CO2-Bilanz eines Produkts immer wichtiger. Was liegt da näher, als die Nahrung dort zu produzieren, wo die Verbraucher sind? Echternacht zeigt auf die Tomaten: „Die Leute haben es satt, dass ihr Essen von weither angefahren wird – in der eigenen Stadt können sie sehen, wie es wächst.“

Gemüse vom Dach

Dieser Trend lässt Nachbarschafts- und Schrebergärten boomen, Großstädter gärtnern auf Dächern, Brachen, Balkonen und Baumscheiben. Während die meisten das aus Spaß und Idealismus tun, gründen andere landwirtschaftliche Unternehmen, zum Beispiel in New York: Die Brooklyn-Grange-Farm produziert dort auf einer 37.000 Quadratmeter großen Dach-Anbaufläche Gemüse. Das Unternehmen Gotham Greens erntet in einem Dachgewächshaus Kräuter und Salat. In Deutschland entwickelt das Fraunhofer-Institut „In-Farming“-Konzepte und plant einen Dachgewächshaus-Prototyp in Duisburg.

Auch Echternacht, Nicolas B. Leschke und Karoline vom Böckel wollen die urbane Landwirtschaft professionalisieren. Ihre im März gegründete „Efficient City Farming“ GmbH (ECF) konzipiert und plant Aquaponik-Anlagen, sobald ein Auftraggeber es wünscht, baut sie die auch.

Die junge Firma arbeitet eng mit dem Leibnitz Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei zusammen. Deren patentiertes System ASTAFPRO, eine besonders effiziente Variante der Aquaponik, ist das Herzstück jeder ihrer City-Farmen. Das System kommt ohne Antibiotika aus, belastet die Umwelt nicht mit Abwässern, sondern düngt damit – ganz biologisch – das Gemüse. Biozertifiziert ist es noch nicht, weil die Pflanzen in Wasser statt in Erde wachsen, so Echternacht.

Für die Fischzucht in einem Aquaponik-System existiert derzeit noch kein Siegel, allerdings laufen Gespräche mit dem Naturland-Verband. Was die relativ hohe Besatzdichte von 200 Fischen in 1000 Litern betrifft, so liegt sie über der Bio-Norm. Allerdings versichert Karoline vom Böckel von ECF, dass Messungen des Stresshormons Cortisol zeigen, dass die Tilapias bester Dinge seien.

Die 16-Quadratmeter-Containerfarm dient allein Probe- und Vorführzwecken, sie zeigt im Kleinen, was im Großen möglich ist. Die hier geernteten Tomaten werden verschenkt. An Besucher, Journalisten, Freunde oder Leute, die auf dem Malzfabrik-Gelände arbeiten. Als Nena und ihre „Popstars“ dort drehten, bekamen sie auch welche ab. Im nächsten Jahr baut das ECF-Team eine 1 000-Quadratmeter-Farm auf einer Brache nebenan.

Ein Quadratmeter wirft laut ECF-Schätzungen pro Jahr ungefähr 35 Kilogramm Tomaten ab, die Farm also entsprechend 35 Tonnen. Über die Abnahme solcher Mengen macht sich das Team keine Sorgen. „Wir sind im Gespräch mit Vertretern großer Einzelhandelsketten.“

Schlafende Riesen gesucht

Die von ECF konzipierten City-Farmen können auf Stelzen über Parkplätzen stehen, auf ungenutzten Flächen, in alten Industriegebäuden. Die sind oft für hohe Traglasten gebaut, ideal für die tonnenschweren Wasserbehälter. „Es gibt so viele schlafende Riesen, etwa im Ruhrgebiet oder auch hier in Berlin“, schwärmt Echternacht. Zum Beispiel die Alte Mälzerei der Malzfabrik, ein riesiges Backsteingebäude schräg vor dem Fisch-Tomaten-Container. Die Bottiche im dritten Stock, in denen man einst Gerste einweichte, wären ein ideales Zuhause für die Fische. Aufs Dach käme ein 4 000-Quadratmeter-Gewächshaus.

Was in deutschen Ohren vielleicht ein bisschen fantastisch klingt, ist anderswo schon Realität: In Milwaukee etwa hat die Firma „Sweet Water Organics“ in einer stillgelegten Kranfabrik eine große Aquaponik-Anlage errichtet – darüber berichtete das Wall Street Journal.

Die Berliner Container-Fische werden am 3. Oktober geschlachtet und bei einem „Barsch-Barbecue“ verspeist – von ihren Paten, die mit 20 Euro pro Fisch das Projekt unterstützen. Unter ihnen sind die Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz Ilse Aigner, Starkoch Tim Mälzer, aber auch normale Familien. Bei Leuten mit Kindern ist der milde Tilapia besonders beliebt. Und wenn sie statt Importfischen erst mal Berliner, Münchner oder Frankfurter Buntbarsche im Laden finden, kaufen sie die bestimmt noch viel lieber.