Sommertrend 2020: Auch in der Heimat ist es schön – wie hier auf Norderney. 
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BerlinUrlaub wie früher. Ohne den ganzen Vollpensionsluxus, ohne exotische Fernziele, ohne exklusive Edelresorts. Für Hasso Spode hat die Welt des Reisens in Zeiten der Corona-Pandemie mehr als einen Rückwärtsgang eingelegt. Für den Historiker und Soziologen ist es ein Zeitsprung. „Ein Zurück in die 60er- und frühen 70er-Jahre“, sagt er. Urlaub im eigenen Land, maximal Mitteleuropa, am liebsten mit dem Auto und dann gern Camping oder eine Ferienwohnung. Was heißt diese erzwungene Renaissance des Reisens?

Spode muss es wissen. Er ist Leiter des Historischen Archivs zum Tourismus an der Technischen Universität Berlin. Das sei wohl die größte Sammlung zur jüngeren Geschichte des Urlaubs in Deutschland, sagt er. Hier stapeln sich Reiseführer und Prospekte aus dem 19. und 20. Jahrhundert. „Optisch und vor allem grafisch wunderschön“, schwärmt er.  „Im Small Talk ist Urlaub ein Hauptthema. Das hat schon Theodor Fontane um 1900 geschrieben“, berichtet er. „Und das gilt bis heute. Darum sind die Leute jetzt ja auch so entsetzt: Worüber sollen sie inmitten der ganzen Einschränkungen jetzt noch sprechen?“ Urlaub stehe nicht mehr für Freiheit oder Entlastung, sondern für eine Ohnmachtserfahrung.

Im vergangenen Jahr seien 55 Millionen Bundesbürger mindestens fünf Tage lang verreist, sagt Markus Aspetzberger, Sprecher des Deutschen Tourismusverbands, mit Blick auf die jüngste Statistik. Drei Viertel von ihnen machten Urlaub im Ausland. Zum Start der Sommerreisesaison in diesem Jahr rechneten neun von zehn Deutschen nach Umfragen mit einem deutlich minimierten Urlaubsvergnügen: Ein Fünftel plante Urlaub zu Hause, ein gutes Drittel wollte nur in Deutschland verreisen. Für Spode gab es solch ein Zurück im Reiseverhalten seit Jahrzehnten nicht mehr.

Historiker Hasso Spode in seinem Berliner Archiv: „Optisch und vor allem grafisch wunderschön.“
Foto: dpa/Jörg Carstensen

Viele der mehr als 1000 Campingplätze in Deutschland sind gut gebucht. Lieber keine Spontanreisen, warnt deswegen auch der Bundesverband der Campingwirtschaft. Der Deutsche Ferienhausverband spürt ebenfalls den Wandel. „In einer Ferienwohnung fühlen sich die Leute sicherer“, sagt die Leiterin Michelle Schwefel. „Es gibt nach den Lockdown-Erfahrungen auch ein großes Bedürfnis nach Natur.“ Deshalb schaue der Städtetourismus, der Metropolen wie Berlin bereits zur gesetzlichen Eindämmung von Ferienwohnungen zwang, gerade in die Röhre. Ost- und Nordseeküste sowie die Bodenseeregion boomten dagegen noch mehr als sonst.

„Da fahren jetzt viele hin, die eigentlich nach Spanien, Frankreich oder Italien wollten“, sagt Schwefel. Das neue, offenkundig coronabedingte Urlaubsverhalten findet sie aber nicht unbedingt rückwärtsgewandt –  retro. Vielmehr hätten sich die Nutzerprofile bei den Ferienwohnungen stark verbreitert. „Früher waren es vorwiegend Familien. Heute sind es auch Paare, Freunde und Menschen mit Haustier.“ Und auch bei der Ausstattung habe sich viel getan. Statt mit alten Möbelstücken der Besitzer seien viele Unterkünfte heute zeitgemäß ausgestattet.

Die passende Alternative in Corona-Zeiten: Abstandhalten auf dem Campingplatz.
Foto: dpa/Ralf Hirschberger

Aus der Perspektive des Historikers sind das allerdings keine modernen Phänomene. Mit dem weiten Blick in die Geschichte des Tourismus entdeckt Hasso Spode hier ganz andere Retro-Phänomene. Schließlich habe es Ferienwohnungen schon um 3000 vor Christus bei den Minoern auf Kreta gegeben. Natürlich hießen die noch nicht so. „Aber den Wunsch nach einem Sommersitz oder einer Sommerfrische gab es in allen komplexen, städtebildenden Gesellschaften. Seit der Antike wissen wir davon.“ Es sei ein Muster, sobald es einigermaßen Wohlstand gebe.

Und apropos Corona-Pandemie: Für Spode zeigt ein Blick in die Literatur, dass der Rückzug aufs umliegende Land als Reaktion auf gesundheitliche Bedrohung auch keine wirklich neue Sache ist. Giovanni Boccaccios Novellensammlung „Dekameron“ erzähle schon im 14. Jahrhundert von Menschen, die sich aus Furcht vor der Pest – den „schwarzen Tod“ in Florenz auf ein Landhaus in den Hügeln zurückziehen.

Und wer noch weiter zurückgehe, so Spode, der werde im antiken Rom fündig. Hier fanden die Menschen für das Phänomen der Sommerfrische schon früher die passenden Worte: „Villa urbana“ wurde das Haus in der Stadt genannt. „Villa rustica“ hieß hingegen der Landsitz in den Bergen oder am Meer, am Golf von Neapel und auf Capri. „Das waren damals schon richtige Freizeitorte“, weiß Spode.

Eine Ausweitung dieser Idee beginne aber erst in der Moderne. In der Literaturzeitschrift „Der Teutsche Merkur“ heißt es 1802: „Neu ist die Sitte der Städter, den Sommer über sich in Bauernhäuser einzumieten.“ Da hätten also die Mittelschichten die adlige Sitte einer Sommerfrische kopiert, erläutert Spode. „Und wenn sie es selbst zu Wohlstand gebracht haben, mieten sie nicht länger, dann kaufen sie.“ Das sei bis heute so. Nur, dass sich der gehobene Mittelstand nun eine Zweitwohnung an der Algarve leiste. „Früher waren das Bad Freienwalde oder Heiligendamm.“

Ab den 60er-Jahren entdeckten die Deutschen in Massen die große, weite Welt.
Foto: dpa/Historisches Archiv zum Tourismus der TU Berlin

Urlaub ist dabei ein junges Phänomen. „Das kommt vom Wort ,Erlaubnis‘. Soldaten mussten dafür zum Regimentschef gehen“, berichtet Spode. Kollektiv habe sich Urlaub erst im Deutschen Kaiserreich durchgesetzt, zuerst für Beamte, dann für Angestellte in Spitzenpositionen. „Das waren damals schon bis zu sechs Wochen.“ Insgesamt blieb es eine viel kleinere Schicht als heute. „Urlaub, das war lange eine bürgerliche Institution“, sagt der Soziologe.

Die Professionalisierung des Gastgewerbes setzte sich in Deutschland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schrittweise in den Feriengebieten durch. Zuerst gab es oft Privatquartiere, dann Hotels. Die Demokratisierung der Sommerfrische bis in die unteren Schichten hinein begann in Deutschland erst Anfang des 20. Jahrhunderts – mit dem Schrebergarten- und Datschenwesen.

„Urlaub auf Balkonien, das war bis in die 50er-Jahre aber für viele völlig normal“, ergänzt Spode. „Und zuletzt war es eben normal, ständig durch die Welt zu fliegen.“ Der Pandemie kann der Historiker zumindest eines abgewinnen: die Erkenntnis, wie schön Deutschland sein könne.