Zwei Bäume, eine Hängematte, Lesestoff: Fürs Urlaubsgefühl braucht es gar nicht viel.
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BerlinIm Urlaub wegen der Corona-Pandemie nicht wegfahren zu können, das klingt für manche Menschen erst mal nach Katastrophe. Die Berliner Autorin Harriet Köhler sieht das anders. Sie hält Verreisen für überschätzt und Fliegen für irrsinnig. In ihrem Buch „Gebrauchsanweisung fürs Daheimbleiben“ empfiehlt Köhler stattdessen, die Nachbarschaft zu erkunden oder gar in der so vertraut erscheinenden eigenen Wohnung Neues zu entdecken.

Frau Köhler, als Ihre „Gebrauchsanweisung fürs Daheimbleiben“ 2019 erschien, war von Corona und Reisebeschränkungen noch nicht die Rede. Mal ehrlich: Haben Sie hellseherische Fähigkeiten? Ahnten Sie, dass einige Monate später eine Pandemie die halbe Welt zum Zuhausebleiben zwingen würde?

Nein, natürlich nicht. Das Buch sollte ein Beitrag zum Klimawandel sein, denn der war ja auch der Grund, warum ich aufhörte zu reisen. Weil es ökologisch nicht vertretbar ist, durch die Gegend zu jetten, so wie wir das viele Jahre lang gemacht haben.

Sie gehörten also auch zu den exzessiv Reisenden?

Ja. In der Zeit, als das Fliegen so billig wurde, hat man anfangs gedacht, man wäre ja blöd, wenn man diese Angebote nicht wahrnimmt. Für 99 Euro übers Wochenende wegfliegen, drei Tage Palermo, wenn es hier in Deutschland schon langsam kalt wird – ja, wieso denn nicht? Mein Mann und ich haben, wenn ein langes Wochenende anstand, wie automatisch nach Flügen geguckt, ohne das überhaupt zu hinterfragen. Man hatte zwar gehört, dass es ökologisch problematisch sei, aber wie schlimm es tatsächlich ums Klima bestellt ist, das haben doch viele Leute lange nicht verstanden.

Wann kamen Sie an den Punkt, wo ein Sinneswandel stattfand?

Vor ungefähr fünf Jahren wurde uns klar, wie falsch das ist, was wir da machen. Zu dieser Zeit kam auch unser Sohn zur Welt und veränderte unseren Blick auf die Zukunft. Man will seinen Kindern doch eine Welt hinterlassen, die nicht komplett kaputt ist. Ich will mich auch gar nicht als Heilige hinstellen, weil ich nicht mehr in den Flieger steige. Aber wenn man das Reisen einmal geistig abgehakt hat, ist der Verzicht ganz einfach. Es stellen sich keine Entzugserscheinungen ein. Die Corona-Krise hat uns doch gezeigt, wie gut sich der Mensch arrangieren kann, wie anpassungsfähig er ist. Und wenn man akzeptiert hat, wieviel Schaden man mit einem Interkontinentalflug anrichtet, dann fällt der Verzicht ganz leicht. Man denkt immer, man müsse alles gesehen haben, aber in Wirklichkeit stimmt das natürlich nicht.

Den Kindern die Welt zeigen, sie auf eine Rundreise durch die USA oder Thailand mitnehmen, das ist dann alles nicht möglich.

Nö, aber das ist ja auch nicht schlimm. Die Generationen vor uns haben auch keine Thailand-Trips gemacht. Das ist mir während der Recherche zum Buch klar geworden: Der Tourismus und das Reisen sind eine sehr neue Erfindung. Zwar kam es im 17. Jahrhundert langsam in Mode, aber nur in Adelskreisen. Der heutige Massentourismus ist ein Phänomen des 20. Jahrhunderts. Ich fantasiere manchmal, dass unsere Kinder auf unser Leben zurückschauen und es total verrückt finden, wie wir damals herumgeflogen sind. Dass diese Form des Reisens sich nur als Modeerscheinung entpuppt.

Sie selbst haben aus Ihren Reisen nichts mitgenommen, das einen Flug rechtfertigen würde?

Wir hatten tolle Urlaube, und ich würde auch nie sagen, dass Erfahrungen in der Fremde wertlos sind. Es liegt mir fern, anderen Menschen das Reisen zu verderben, ich rede auch im Freundeskreis niemandem rein. Touristen sind oft neugierige Menschen, die bereichert wiederkommen, aber wenn man den Schaden ignoriert, den man mit seinen Reisen anrichtet, dann ist man vielleicht nicht so kultiviert wie man denkt, sondern eher ein Barbar.

dpa/Urban Zintel
Zur Person

Harriet Köhler wurde 1977 in München geboren, studierte Kunstgeschichte, besuchte die Deutsche Journalistenschule und arbeitete danach als freie Autorin. 2007 erschien ihr erster Roman „Ostersonntag“, der in einer Dramenfassung im gleichen Jahr am Staatsschauspiel Dresden uraufgeführt wurde. 2010 folgte der Roman „Und dann diese Stille“ über den Schrecken und den Trost, den Familie bedeuten kann. Die „Gebrauchsanweisung fürs Daheimbleiben“ erschien 2019 im Piper-Verlag (208 Seiten, 15 Euro). Köhler lebt mit ihrer Familie in Berlin-Schöneberg.

Nach den Corona-Beschränkungen und etlichen Wochen zu Hause freuen sich viele Menschen auf Urlaub. Gilt Ihr Plädoyer fürs Daheimbleiben dennoch, zum Beispiel in den nun startenden Sommerferien?

Ja, natürlich. Man kann ja seine Wohnung verlassen, Berlin und sein Umland oder Orte in Deutschland entdecken. Wir fahren zum Beispiel mit den Kindern nach Rügen und in unsere Gartenlaube in Brandenburg. Aber auch, wenn man nichts mehr buchen konnte oder finanziell kein Urlaub drin ist, kann man versuchen, das Daheimbleiben als Gewinn zu betrachten.

Darauf könnte man entgegnen: Ich war jetzt drei Monate lang daheim, ich habe alles gesehen.

Dann würde ich zunächst einmal hoffen, dass diese Zeit nicht nur als Verlust wahrgenommen wurde. Man darf doch jetzt wieder fast alles machen, ins Museum gehen, ins Café. Gleichzeitig ist Berlin noch relativ leer, nicht von Touristen überlaufen. Wir haben neulich unseren Kindern das Brandenburger Tor gezeigt, das macht man ja eigentlich auch nicht als Berliner, aber es war fantastisch. In der Ferne sind wir oft so aufgeschlossen und neugierig, aber zu Hause rennen wir durch die Straßen, den Blick aufs Smartphone geheftet, kennen die Nachbarn kaum. Dabei haben auch der Mann im Späti oder die Putzfrau interessante Geschichten zu erzählen. Es ist eine Sache des Perspektivwechsels: Mit den Augen eines Touristen nehmen wir die eigene Stadt anders wahr.

Im Buch plädieren Sie dafür, auch in der eigenen Wohnung die Brille des Fremden aufzusetzen. Wie geht das?

Das bezieht sich auf das literarische Genre der Zimmerreisen, das Ende des 17. Jahrhunderts aufkam. Es geht zurück auf den französischen Schriftsteller Xavier de Maistre, der zu einem 42-tägigen Hausarrest verdonnert wurde und die Zeit nutzte, um seine Zimmer zu bereisen, seine eigenen Alltagsgegenstände zum Ausgangspunkt für Reflexionen und Erinnerungen machte. Der Roman „Reise um mein Zimmer“ war unglaublich erfolgreich und fand etliche Nachahmer, die Reisen durch die Hosentasche oder über den Schreibtisch unternahmen. Allen gemein ist der Reiz, das Fremde im vermeintlich Vertrauten zu entdecken. Warum also nicht mal die Schubladen zu Hause durchkramen, alte Briefe lesen und sich über den Menschen wundern, der man war, als man sie geschrieben hat. Vielleicht entdeckt man am Ende mehr als bei einer Thailand-Rundreise.

Für alle, die sich auf Heimurlaub einlassen, haben Sie einen 14-Tage-Plan entwickelt. Welches sind die wichtigsten Punkte darin?

Zunächst einmal gibt es da die schnellste Abkürzung ins Urlaubsgefühl: Man verabredet sich mit dem nettesten und lustigsten Menschen, den man kennt, zum Mittagessen in einem schicken Restaurant. Drei Gänge, ein Glas Wein – da stellt sich bei mir sofort Entspannung ein. Was ich auch toll finde, sind Stadtführungen durch den eigenen Kiez. Dabei kann man so viel lernen, gerade in einer stark vom Krieg gezeichneten Stadt wie Berlin, wo so viele Orte zerstört und verschwunden sind, aber immer noch nachhallen. Oder man nimmt sich ein Hotelzimmer in der eigenen Stadt – ohne lange Anreise, Flug oder Passkontrolle. Man checkt in sein Zimmer ein, ist plötzlich ganz woanders und kann nochmal einen ganz neuen Eingang in die Stadt finden. Ein tolles Gefühl!