Es ist Wochenmarkt in Bergholz-Rehbrücke: Bauern verkaufen Rehsalami, Pfifferlinge und Honig. Frauen tragen Kirschkuchen in Bastkörben nach Hause, Männer in Socken und Sandalen holen Kontoauszüge bei der Bank. Nahe eines Stehtisches, dekoriert mit Sonnenblumen und kleinen Windrädern, steht Ursula Nonnemacher, Spitzenkandidatin der Grünen für die Landtagswahl in Brandenburg am 1. September.

Sie trägt einen schwarzen Blazer, eine Bluse in den unterschiedlichsten Rottönen und bequeme Ledersandalen. Derzeit jagt bei ihr ein Termin den anderen. Heute noch mal Straßenwahlkampf im Potsdamer Umland, noch einmal Flyer verteilen, Hände schütteln, sich vielleicht als Spinnerin beschimpfen lassen.

„Ran an die Bürger“, hat Nonnemacher ihren drei Parteikollegen gut gelaunt um 10 Uhr zugerufen, nun steht sie auf dem Bürgersteig und streckt jedem Passanten Flyer entgegen. Doch bei weitem nicht jeder will einen. „Ich bin rot, schon immer“, winkt ein älterer Herr ab. Eine Frau, die zu ihrem Fahrrad will, mault: „Hier kommt man ja gar nicht durch vor lauter Grünen!“ Einige aber bleiben bereitwillig stehen. „Ich war Linkswählerin, ein Leben lang“, sagt eine Mittfünfzigerin mit kurzem, grauen Haar. „Jetzt sind die Grünen für mich zum ersten Mal eine Alternative. Hauptsache, nicht die AfD.“

Jüngste Prognosen sehen Grüne im zweistelligen Bereich

Nonnemacher nickt, sie sieht es ähnlich. „Die Grünen würden sich über Ihre Stimme freuen“, sagt sie. „Aber wir arbeiten auch gern mit den Linken zusammen.“

Nonnemacher bleibt bescheiden. Dabei könnte das, was mit den Grünen gerade in Brandenburg passiert, ein kleines Wunder werden: Jahrzehntelang dümpelten die Zustimmungswerte im einstelligen Bereich, bei der Landtagswahl 2014 schafften sie 6,2 Prozent, 2009 nur 5,7, davor waren sie 15 Jahre lang gar nicht im Landtag vertreten. Die jüngsten Prognosen schwanken stark, sehen die Grünen aber mindestens im zweistelligen Bereich: Infratest dimap prognostiziert ihnen am Donnerstag eine Zustimmung von 12 Prozent. Laut der jüngsten Civey-Umfrage sind es sogar 17,2 Prozent.

Weil keine Partei mit der AfD zusammenarbeiten will, reichen die Mehrheiten nicht für ein Zweierbündis. Und den Grünen kommt damit vermutlich eine besondere Aufgabe zu: Sie können die Königsmacher sein, können mit ihrer Richtungsentscheidung bestimmen, welche Farben die Koalition tragen sollen. Läuft es auch noch etwas besser als die besten Prognosen vorhersagen, könnte ihnen sogar die Rolle zufallen, die Regierung zu führen.

Grüne haben aktuell nur sechs Abgeordneten im Landtag

Die Partei, die derzeit mit nur sechs Abgeordneten im Landtag sitzt, stellt das kurz vor der Wahl vor Herausforderungen in der Kommunikation. Plötzlich wollen viele wissen: Wer könnte Ministerpräsident werden? „Wir leiden etwas unter der Diskussion“, sagt Nonnemacher. „Da sind wir als Partei, die bis vor kurzem noch im einstelligen Bereich war, gar nicht dran gewöhnt.“

Vage Voraussagen und Postengeschacher sind nicht Nonnemachers Sache. Deswegen beschränkt sich die 62-Jährige in der Ministerpräsidenten-Frage auf das, was sie Anfang August auch unter lautem Applaus auf einem Parteitag der Grünen verkündet hat: „Ich stehe bereit.“ Auch Benjamin Raschke, zweiter Spitzenkandidat der Grünen, verweist in dieser Frage auf Nonnemacher.

Mit welchen Parteien sie am liebsten regieren würde? „Wir warten auf den Auftrag der Wähler“, sagt Nonnemacher. Ein frühes Festlegen sei kontraproduktiv, die Regierungsbildung mit voraussichtlich mindestens drei Fraktionen schon so schwierig genug. „Wir reden mit allen Parteien, auch mit der FDP und den Freien Wählern, sollten die es in den Landtag schaffen“, sagt sie.

Nonnemacher: Keine Regierungsbildung mit der AfD

Einzige Ausnahme: die AfD. Nonnemacher stuft den Brandenburger Landesverband, der als weit Rechtsaußen im Bundesvergleich gilt, als Gefahr für die Demokratie ein: „Unter dem Mäntelchen der Bürgerlichkeit blüht der Rechtsextremismus.“

Die Grünen können in ihren Aussagen so vage bleiben, wie sie wollen, wild spekuliert wird trotzdem. Einige Journalisten schreiben, dass nun, da das höchste Amt näher rücke, auch bei der Bundesvorsitzenden und gebürtigen Brandenburgerin Annalena Baerbock Begehrlichkeiten geweckt werden könnten. Baerbock ist wesentlich prominenter. Doch Baerbock hat auch beste Chancen, in der Bundespolitik durchzustarten – Ministerämter und sogar die Kanzlerkandidatur trauen ihr Kommentatoren angesichts der Erfolgswelle der Grünen im Bund zu. Ausdrücklich dementiert hat Baerbock die Spekulationen mit Blick auf Brandenburg aber bisher nicht.

Ob die Bundesvorsitzende als Ministerpräsidentin infrage kommt? Da müsse man Baerbock fragen, sagt Nonnemacher. „Ich habe wahrgenommen, dass sie angekündigt hat, sich wieder für den Parteivorsitz im Bund zu bewerben.“

Nonnemacher wurde 2009 erstmals in den Landtag gewählt. Zuvor war sie Ärztin. 26 Jahre lang hat sie Schichten auf der Intensivstation einer Spandauer Klinik geschoben und ist Einsätze im Rettungswagen gefahren. Das habe sie geerdet, sagte sie einmal der Märkischen Allgemeinen. Ihr ehemaliger Klinikchef lobt noch heute ihre Zuverlässigkeit und ihren Einsatz für Gerechtigkeit, ob es nun um den Umgang mit Patienten oder die Arbeitsbedingungen für Ärzte und Pfleger ging.

Grüne in Berlin sind begeistert von Nonnemacher

Einen exzellenten Ruf hat sie sich auch unter ihren Kollegen im Landtag erarbeitet. Und sie trägt auch einen inoffiziellen Titel: „Redenkönigin“ ist sie bereits mehrere Jahre in Folge. In der nun endenden Legislaturperiode hat Ursula Nonnemacher 392 Reden am Pult des Landtages gehalten. Das sind 136 mehr als Péter Vida von den Freien Wählern auf Platz zwei. Die Frau deckt in der grünen Mini-Fraktion auch die wichtigsten Themen ab: Sie ist zuständig für die Bereiche Innen-, Kommunal-, Sozial-, Pflege-, Gesundheits-, Arbeitsmarkt-, Frauen-, Gleichstellungs-, LGBTI- und Flüchtlingspolitik.

„Ursula ist ein absolutes Arbeitstier“, sagt die grüne Direktkandidatin Alexandra Pichl, die in Rehbrücke an Nonnemachers Seite Flyer verteilt. „Es ist unglaublich, was sie alles leistet und abdeckt.“ Und auch die Grünen in Berlin halten allergrößte Stücke auf Nonnemacher: Sie sei Politikerin mit Herz, Verstand und Leidenschaft, heißt es; sie stemme ein Pensum, für das normalerweise vier Abgeordnete nötig seien.

Mit diesem Arbeitsethos hat die Grünen-Fraktion trotz Oppositionsstatus in den vergangenen Jahren einiges erreicht. Dass Brandenburg als erstes Bundesland ein Paritätsgesetz verabschiedet hat, geht maßgeblich auf das Konto der Grünen und besonders das von Ursula Nonnemacher, die dabei eng mit Klara Geywitz zusammengearbeitet hat, der möglichen Chefin der Bundes-SPD.

Ursula Nonnemacher ist eine Art Anti-Kalbitz

Ab der nächsten Wahl soll das Gesetz dafür sorgen, dass ebenso viele Frauen wie Männer im Landtag sitzen. Hat eine Partei zu wenig Frauen auf der Liste, muss sie Männer streichen. Das Gesetz fußt auf einem Entwurf der Grünen, den die derzeitigen Regierungsparteien SPD und Linke nur ein wenig abgeändert haben. Ein rechtlich heftig umstrittener Ansatz, gegen den NPD und Piratenpartei vor das Landesverfassungsgericht zogen. Ein Ansatz aber auch, der gerade wegen seiner Radikalität grüne und linke Bündnisse in anderen Ländern vor Neid erblassen lässt. Die Grünen in Berlin, die anders als die Brandenburger in Regierungsverantwortung sind, wären gern die ersten mit einem Paritätsgesetz gewesen. Stattdessen beginnen in der Hauptstadt nun erst die ernsthaften Diskussionen – und die rot-rot-grüne Koalition lässt sich dabei von Brandenburg inspirieren.

Mit ihrer sachlichen, von Grund auf unpopulistischen Art ist Nonnemacher auch eine Art Anti-Kalbitz für Brandenburg. Der AfD-Spitzenkandidat, der aus dem Westen stammt, adressiert klar das Gefühl von Abgehängtheit im Osten, wettert gegen Flüchtlinge und lässt Slogans wie „Hol dir dein Land zurück – vollende die Wende!“ plakatieren.

Ursula Nonnemacher: „Dem Osten geht es nicht schlechter als früher.“

Ähnliche Saiten schlägt die Linkspartei an, die in ihrem Wahlkampf einen Fokus darauf setzt, Benachteiligungen für Menschen im Osten zu beseitigen. „Ost – Respekt, Würde, Anerkennung“ steht auf Plakaten.

Nonnemacher, die ebenfalls im Westen – genauer in Hessen – geboren wurde, verweigert sich dieser Strategie komplett. Keinesfalls will sie das Früher-war-alles-besser-Narrativ bedienen, ob von links oder rechts. „Dem Osten geht es nicht schlechter als früher. Das weiß ich selbst aus der Kommunalpolitik, das sagen mir alle Kollegen“, sagt sie beim Mittagessen. Natürlich gebe es lokale Probleme, insgesamt aber gehe es den Leuten besser. „Die Stimmung ist nur wesentlich schlechter als die Lage.“ Manchmal habe sie den Eindruck, als würden die Menschen nun erst, nach 30 Jahren, wirklich über die Wende reflektieren, sagt sie. „Als bräche das alles jetzt erst heraus.“

Mit solchen Sätzen läuft Nonnemacher Gefahr, von einigen Brandenburgern als arrogante, grüne Wessi-Frau abgehakt zu werden. Sie kennt die Gefahr. Sie weiß auch, dass sie im aufgeheizten Brandenburger Wahlkampf, in dem nicht nur die AfD mit emotionalen Slogans und steilen Forderungen auftritt, einen entscheidenden Nachteil hat: Mit Seriosität und Zurückhaltung fängt man nur schwer Wählerstimmen. Doch Nonnemacher kann nicht anders. Polterei und Unterkomplexität sind ihr nicht zuwider, das wäre zu stark ausgedrückt – sie liegen nur einfach nicht in ihrer Natur.

Erfolg der Grünen

Die Suche nach Kompromissen und Konsens in der Politik werde zunehmend komplizierter, sagt sie. Bei Wählern herrsche dafür zum Teil ein großes Unverständnis. Viele wünschten sich stattdessen den starken Mann, der mal auf den Tisch haut. „Ein autoritärer Wunsch“, sagt Nonnemacher. „In dieser Gemengelage dringen oftmals nur noch die ganz einfachen Parolen durch.“

In dieser Lage ist Nonnemacher ganz Realistin. Den Erfolg der Grünen in Brandenburg führt sie nicht primär auf die Schufterei ihrer Fraktion zurück. Ein ganzes Bündel an Gründen gebe den Ausschlag dafür, sagt sie: der Hitzesommer 2018 zum Beispiel, die „Fridays for Future“-Bewegung, der Erfolg der Grünen im Bund mit dem Spitzenduo Baerbock-Habeck. Erst als letzten Punkt nennt sie: „Und natürlich unsere gute Arbeit im Landtag.“

All diese Faktoren und der Aufwind werden diese nüchterne Frau wahrscheinlich in die Regierung bringen – und vielleicht sogar ins höchste Amt katapultieren.

Erst mal aber verteilt sie weiter Flyer in Rehbrücke und posiert für ein Gruppenfoto am Wahlkampfstand. Ein Parteikollege fragt, ob er das Foto auf Facebook hochladen dürfe? „Das brauchst du mich nicht mehr zu fragen“, sagt sie und lacht. „Ich bin jetzt eine Person des öffentlichen Lebens.“