Vor dem Gericht in Christchurch feiern Überlebende des Attentats das Urteil.
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ChristchurchWeiße Rosen als Symbol des Friedens: Die muslimischen Männer und Frauen trugen die Stoffblumen in den Gerichtssaal, in dem Richter Cameron Mander mehr als dreieinhalb Stunden später das Urteil gegen den Moscheen-Attentäter von Christchurch sprach: lebenslänglich ohne Bewährung für den 29-jährigen Australier Brenton Tarrant, der am 15. März vergangenen Jahres in zwei muslimischen Gotteshäusern 51 Menschen erschossen, 40 weitere zum Teil schwer verletzt und einen terroristischen Akt begangen hatte. Es war die höchste Strafe, die jemals in Neuseeland verhängt wurde, und doch fühlte sich der Richter genötigt zu sagen: „Keine Strafe ist hoch genug, um diese abscheulichen, wahnwitzigen Verbrechen zu sühnen.“

Hinterher haben die Frauen und Männer, die Überlebenden und die Angehörigen der Opfer, vor Saal Nummer zwölf im dritten Stock des Hohen Gerichtshofs in Christchurch einander umarmt und geweint. Freudentränen? Später vor dem Gebäude jubelten und feierten sie ihren Sieg über den Terroristen. Aber erst einmal waren es Tränen der Erleichterung darüber, dass der Fall juristisch ausgestanden war, gemischt mit Tränen der Trauer über all die Erinnerungen, die sie quälen, die riesigen Löcher, die Tarrants Gewehrschüsse in das Leben jedes Einzelnen gerissen haben. Den Verlust von Ehefrauen, Ehemännern, Söhnen, Töchtern, Eltern und Großeltern. Sogar einen Dreijährigen, der sich an das Bein seines Vaters geklammert hatte, hat der mit sechs geladenen Sturmgewehren und 7000 Schuss Munition ausgerüstete Massenmörder umgebracht.

Der Attentäter Brenton Tarrant im Gerichtssaal. 
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Der Attentäter richtete die Menschen während des Freitagsgebets in der Al-Nur-Moschee am Hagley Park und im islamischen Zentrum im Stadtteil Linwood so ungerührt hin, wie er die viertägige Anhörung vor der Urteilsverkündigung verfolgte. Auch das Urteil nahm er ohne jegliche Gefühlsregung hin. Er ließ sich abführen, um nach 17 Monaten in Gewahrsam seine offizielle Haft im Hochsicherheitsgefängnis Paremoremo in Auckland anzutreten. Dort sitzt auch William Bell ein, der 2001 für drei Morde, einen Mordversuch und schweren Raub die bislang höchste Strafe in der Geschichte Neuseelands erhalten hatte: 30 Jahre ohne Bewährung.

Tarrant hatte am Donnerstag kein Wort des Bedauerns für die Opfer, er zeigte keine Reue. Als Richter Mander über die Toten und Verletzten sprach, was für rechtschaffene und friedvolle Menschen sie waren, die „alle geliebt wurden“, trommelte der kleine, blasse Tarrant mit seinem rechten Zeigefinger gegen die Tischkante. Seinen Anwalt ließ er sagen, dass er keine Einwände gegen die von Staatsanwalt Mark Zarifeh beantragte lebenslange Haft ohne Bewährung habe. Daraufhin fragte Mander den Terroristen, ob er weitere Eingaben machen wolle. „No, thank you“, sagte Tarrant.

Eine Stunde lang würdigte der Richter die Opfer, die Ingenieure, Ärzte, Banker, Geologen, Buchhalter, Universitätslektoren, Milchbauern, Köche, Ladenbesitzer, Hausfrauen und Schüler waren. Mander zeigte dabei so viel Mitgefühl und zählte so viele liebevolle Details auf, dass die Überlebenden und Angehörigen, die an den drei vorangegangenen Tagen 90 Reden über die verheerenden Auswirkungen der Attentate gehalten und den gnadenlosen Angreifer direkt ins Visier genommen hatten, reihenweise in Tränen ausbrachen und einander trösten mussten.

Viel Mitgefühl für die Opfer und deren Angehörige zeigte Richter Cameron Mander. 
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Die finanziellen Notlagen reichen weit über die Kleinfamilie hinaus. In den Herkunftsländern der Ermordeten und Traumatisierten ist es Tradition, dass der älteste Sohn für die Eltern sorgt. Doch die Verdiener sind entweder tot oder arbeitsunfähig, die Einkommensverluste sind immens, und der Horror verfolgt sie Tag und Nacht. „Es war wie ein Horrorfilm in echt“, sagte einer der Überlebenden. Wie sollen diese Menschen jemals wieder schlafen und nicht nachts durch ihre Häuser geistern? Manche tragen auch ihre körperlichen Traumata lebenslänglich. Die junge Frau im Rollstuhl, der Mann an Krücken, die schmerzgeplagten Menschen, die inoperable Munitionssplitter im Körper als ewige Erinnerung an die Massenmorde in sich tragen.

Und dann sitzt da ein kleiner Mann im Größenwahn, der gegenüber Psychologen und Psychiatern behauptet, er sei weder rassistisch noch fremdenfeindlich und habe kein Problem mit anderen Religionen; seine Taten seien unnötig, abscheulich und irrational gewesen; er habe sie begangen, weil er unter Depressionen leide, sich von der Gesellschaft ausgegrenzt fühlte und sich dafür rächen wollte. Den Experten sprach er die Fähigkeit ab, ihn zu analysieren, dazu sei nur er selbst in der Lage. Über die Gutachten der Psychologen, die weder Scham noch Reue feststellen konnten, und seine Ansichten über die Widersprüche zwischen Tarrants jüngsten Erklärungen und seinem Verhalten sprach Richter Mander in Hinführung auf das Urteil eine weitere Stunde. „Er fühlt sich überlegen und ist von seiner Großartigkeit überzeugt, vielleicht sogar stolz auf seine Taten“, sagte Mander. „Diese Uneinsichtigkeit und Selbstüberschätzung zeigt, dass er nicht rehabilitierbar und auch in Zukunft eine Gefahr für die Gesellschaft ist.“

Tarrant habe seine Taten nicht aus einem Impuls heraus begangen, sondern von langer Hand geplant, allein deshalb sei er 2017 nach Neuseeland gezogen. Er habe schon als Teenager extremistische Ansichten und einen Hass gegen Muslime und sogenannte Invasoren entwickelt, habe seine Gewehre mit Insignien der Kreuzzüge und SS-Runen verziert. Er verfasste ein umfangreiches Manifest gegen „Menschen, die anders sind als er“, das er vor den Moscheen-Attentaten im Internet postete. „Menschen aus ideologischen, rassistischen und religiösen Gründen umzubringen, ist strafverschärfend. Und alles, was er jetzt plötzlich sagt, ist unglaubwürdig“, befand der Richter.