Sie haben das Schweigen gebrochen.
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New YorkDie Prozesswochen waren eine schlimme Zeit für Chiemi Karasawa. Sie konnte kaum schlafen. Wie besessen, erinnert sich die Filmproduzentin, habe sie jeden Medienbericht über das Verfahren gegen Harvey Weinstein aufgesogen. Jeden Tag habe sie auch die kompletten Zeugenaussagen und Kreuzverhöre aus dem New Yorker Gerichtssaal gelesen. Fast fünf Wochen ging das so. Und die Erinnerungen, die Karasawa tief in sich vergraben hatte, waren plötzlich wieder da.

Als dann das Urteil endlich fiel, nachdem die Geschworenen fünf Tage lang hinter verschlossenen Türen beraten hatten, verspürte Karasawa eine tiefe Erleichterung. „Erleichterung, aber nicht Genugtuung.“ Sie betont den Unterschied.

In drei von fünf Punkten schuldig - nur

Wie viele Frauen in den USA, und besonders die Frauen aus der Filmbranche, wurde Karasawa, 51, immer verzweifelter im Verlauf des Prozesses. Denn je mehr es Weinsteins Verteidigerin Donna Rotunno gelang, Zeuginnen einzuschüchtern und zu diskreditieren, desto wahrscheinlicher schien ein Freispruch zu werden.

Weinstein wurde in drei von fünf Anklagepunkte für schuldig befunden. Die Geschworenen glaubten den beiden Frauen, die gegen ihn aussagten, obwohl diese vor und nach der Tat Kontakt mit Weinstein hatten. Das Gericht zeigte ein komplexeres Verständnis für sexuelle Angriffe, als die Verteidigung die gängigen Klischees über Vergewaltigungen genüsslich auswalzte.

Es war aber kein vollständiger Triumph. Dafür mussten die Zeuginnen zu sehr leiden, dafür war das Urteil zu milde. Dafür war es zu schwer gewesen, Weinstein überhaupt vor Gericht zu bringen. Aber es hätte eben auch viel schlimmer kommen können. So denken viele, die den Prozess beobachtet haben.

Jeden Tag seine Hand auf ihrer Hüfte

Als das Warten auf ein Urteil immer länger, immer unerträglicher wurde, kamen die Gedanken und die Bilder aus der Vergangenheit. Seit vielen Jahren hatte Karasawa nicht mehr daran gedacht, wie das ist, wenn man stumm bleiben muss, weil einem niemand glaubt; wie das ist, ein übles Spiel mitzuspielen, weil man sich hilflos fühlt; wie das ist, zu wissen, dass Schweigen besser ist als Sprechen, weil dieses Sprechen alles nur noch schlimmer macht.

Karasawa war Anfang zwanzig, als sie anfing, in der Filmbranche zu arbeiten. Heute ist sie eine etablierte Produzentin, Drehbuchautorin und Regisseurin und, wie sie sagt, „mit fünfzig Jahren sowieso keine Zielscheibe mehr“. Aber damals, als sie dankbar war, als Drehbuchassistentin überhaupt am Set dabei sein zu dürfen, war das anders.

Chiemi Karasawa
Foto: privat

Sie kann sich wieder daran erinnern, wie sich das angefühlt hat, als ein berühmter Regisseur, dessen Namen sie nicht nennen will, sie bat, sich während einer Besprechung auf seinen Schoß zu setzen. Sie kann sich erinnern, wie das war, als derselbe Regisseur jeden Tag seine Hand um ihre Hüfte legte, als sie immer neue Ausreden erfinden musste, um nicht mit ihm ausgehen zu müssen.

Es traf wie so oft eine Branchenanfängerin

Chiemi Karasawa war verwirrt damals, sie fühlte sich geschmeichelt angesichts all der Aufmerksamkeit. Sie war aufgeregt, bei einem Filmdreh dabei sein zu dürfen. Sie hat sich eingeredet, dass das im Filmbusiness einfach dazugehört. Sie hat dann freundlich gelächelt und versucht, „eine Grenze zu ziehen, ohne ihn zornig zu machen“.

Als Branchenanfängerin ist sie still geblieben, schließlich war ja auch nichts „Schlimmes“ passiert. Schließlich war sie nicht, wie Weinsteins Opfer, im engeren Sinne vergewaltigt worden. Als sie beinahe zwanzig Jahre später, als erwachsene Frau, noch einmal ein Regisseur fragte, ob sie nicht auf seinem Schoß sitzen wolle, da habe sie ihn nur noch ausgelacht.

„Dinge laufen eben so“

Auch das hatte Karasawa verdrängt, als die ersten Presseberichte über Weinstein 2017 an die Öffentlichkeit kamen und als immer mehr Frauen begannen, ihre Geschichten zu erzählen. Die zwei Jahre seitdem, die sich unter dem Hashtag #metoo im allgemeinen Bewusstsein festgesetzt haben, haben jedoch all das wieder aufgewühlt.

„Wir haben das einfach immer irgendwie akzeptiert, dass die Dinge eben so laufen“, sagt sie heute. „Ich hatte das auch von Harvey gehört, ich kannte Frauen, die mit ihm zu tun hatten.“ Erst die Enthüllungsgeschichten im New Yorker und in der New York Times, erst der Mut der neunzig Frauen, die ihr Schweigen brachen, habe bei ihr die Erkenntnis geweckt, dass die Dinge so nicht sein müssen. Deswegen konnte Chiemi Karasawa kaum schlafen, als es während des Prozesses so aussah, als würde Weinstein womöglich nicht zur Rechenschaft gezogen.

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Es kann nur ein Anfang sein

Sie stellte sich Fragen: War es möglich, dass die Rechtsprechung noch nicht so weit ist, dass das Strafrecht hinter dem gesellschaftlichen Wandel herhinkt? War es möglich, dass veraltete Gesetze vielleicht all das Erreichte wieder rückgängig machen, weil sich die Täter am Ende doch wieder sicher fühlen können? Auch nach dem Schuldspruch bleiben die Antworten uneindeutig. Erleichterung ist die richtige Beschreibung für das Empfinden vieler Frauen in den USA.

Die Geschworenen konnten offenbar die Lage richtig einschätzen, in denen sich die Opfer befanden. Und sie haben akzeptiert, dass Vergewaltigung nicht nur etwas ist, das in finsteren Gassen stattfindet und von finsteren Gestalten begangen wird, sondern auch im Zusammenhang ganz alltäglicher beruflicher und privater Beziehungen. Das ist ein enormer Fortschritt. Aber es ist eben nur ein Anfang.

Bewohnt zurzeit die Gefängnisinsel Rikers Island: Harvey Weinstein.
Foto: AFP/Johannes Eisele

Was Frauen wie Chiemi Karasawa an diesem Prozess störte, war die Art und Weise, wie Zeuginnen in die Zange genommen wurden. Als Jessica Mann, eine der beiden Hauptklägerinnen, von Weinsteins Verteidigerin so unter Druck gesetzt wurde, dass sie im Zeugenstand zusammenbrach, wollte Karasawa auch vor Wut heulen. Es war jedenfalls kein Prozess, der Frauen dazu ermutigen wird, gegen übergriffige Männer auszusagen. Die alte Taktik, Anklägerinnen in Fällen sexuellen Missbrauchs zu beschämen, ist wohlauf und lebendig.

Wie Gerechtigkeit fühlt sich das nicht an

Und dann ist da das Urteil selbst. Weinstein wurde des schwersten Anklagepunktes, des „räuberischen sexuellen Angriffs“, freigesprochen. Der Schuldspruch hätte ihm mit Sicherheit lebenslängliche Haft eingebracht. Jetzt muss er mit einer Strafe von fünf bis höchstens 29 Jahren rechnen.

Der im Deutschen mit „räuberisch“ seltsam anmutende Straftatbestand beschreibt ein systematisches Verhalten, einen gezielten sexuellen Missbrauch. Es bezeichnet eine bewusste Opferjagd durch einen mächtigen Mann.

Jeder, der die Weinstein-Saga verfolgt hat, weiß, dass dies auf ihn zutraf. Doch er konnte nur in zwei Fällen angeklagt werden, viele andere Fälle waren verjährt. Die eine Frau, die Weinstein eines solchen Vergehens beschuldigte, Annabella Sciorra, konnte vor Gericht diskreditiert werden.

Harvey Weinstein hört zu, während die Vorwürfe gegen ihn verlesen werden.
Foto: AP/Elizabeth Williams

Und dann gab es ja auch noch die außergerichtliche Einigung, die Weinstein bereits im Dezember mit Dutzenden Frauen getroffen hatte, von denen jede nicht mehr als 500.000 Dollar bekam. Die Schadenssumme hatte Weinsteins Versicherung komplett übernommen. Wie Gerechtigkeit fühlt sich das nicht an.

Betriebsunfall oder nachhaltiger Wandel?

Nun blickt man bange nach Los Angeles, wo in den nächsten Wochen das zweite Verfahren gegen Weinstein eröffnet wird. Wird es wieder eine solche Zitterpartie, werden wieder Zeuginnen eingeschüchtert? Und steht am Ende dort zumindest ein Urteil, das sich wirklich gerecht anfühlt?

Es hängt viel ab von dem Verfahren in L.A., auch, wenn Weinstein schon im Gefängnis sitzt. Im besten Fall wird es den Wandel in der Rechtsprechung, der in New York stattgefunden hat, bestätigen. Im besten Fall wird man wieder Frauen mit komplizierten Geschichten glauben. Im schlimmsten Fall wird das nicht passieren. Dann stünde das New Yorker Urteil erst einmal als Ausnahme da. Als Betriebsunfall der Justiz.

Heute trifft es einen anderen Typ Frau

Rebecca Cohen sieht wie Chiemi Karasawa dem zweiten Verfahren eher nervös entgegen. Sie arbeitet als PR-Beraterin im juristischen Sektor und hat in ihrer Karriere die Vermischung des Sexuellen und des Professionellen hinreichend erlebt. „Ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern, wie oft ich gelächelt und mitgespielt habe, wenn das von mir erwartet wurde. So getan habe, als fände ich das amüsant.“ Mehr als einmal reagierte sie wie so viele Frauen freundlich auf direkte Aufdringlichkeiten, um nicht ihre Stellung und ihre Zukunft zu gefährden.

Cohen sorgt sich nicht so sehr um Frauen ihres eigenen Stands. „Ich glaube, dass in gut bezahlten Branchen, in den Büros von Manhattan und Los Angeles, die Dinge tatsächlich besser geworden sind.“ Längst gibt es in den Firmen eine gesteigerte Aufmerksamkeit für das Thema, Frauen müssen meistens keine Angst mehr haben, sich zu wehren.

Die wirkliche Krise, so Cohen, bestehe heute nicht mehr unbedingt in jenen Arbeitssituationen, in denen die Angestellten gut verdienen und ein hohes Bildungsniveau haben. Das weitaus größere Problem liege bei Frauen, die in Fabriken oder als Kassiererinnen oder als Putzhilfen arbeiten. „Die sind weiterhin völlig macht- und wehrlos.“ Diesen Frauen habe das Urteil gar nichts gebracht. „Bei Weinstein hat sich die ganze Branche aufgelehnt und die gesamte Öffentlichkeit. Und trotzdem hat es nur einen sehr begrenzten Schuldspruch gegeben.“

Die meisten Klagen werden abgewiesen

Die Zahlen sprechen für Cohens Befürchtung. Die überwiegende Mehrzahl der Klagen, die vor die staatliche „Kommission für Gleichberechtigung“ gebracht werden, wird bis heute im Sinne der Arbeitgeber und nicht im Sinne der Klägerinnen entschieden.

Wenn ein Fall tatsächlich im Sinne der Klägerin beschieden wird, bekommen diese gewöhnlich eine Abfindung von 30.000 Dollar. Ihren Job sind sie jedoch meistens los, die Einbußen gehen oft an die Existenz. „Um hier wirkliche Veränderung herbeizuführen“, sagt Cohen, „braucht es noch viel mehr Urteile wie das Weinstein-Urteil.“

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Es bröckelt

Chiemi Karasawas Hoffnungen für einen tiefgreifenden Wandel in der Unterhaltungsbranche sind ebenfalls begrenzt. „Ich bin mir sicher, dass junge Frauen, die in Hollywood weiterkommen wollen, sich nach wie vor mit Männern wie Weinstein herumschlagen müssen.“ Und die Hemmungen, sich zu wehren seien noch immer groß.

Eines immerhin glaubt Chiemi Karasawa mit Sicherheit. „Weinstein könnte das heute nicht mehr so offen über so viele Jahre treiben.“ Das Netzwerk, das ihn gedeckt und gestützt hat, bröckelt. Es ist ein Anfang.