US-Präsident Donald Trump.
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Washington/London/PekingIn seltener Übereinstimmung berichten fast alle großen US-Medien über Geheimdienst-Ermittlungen gegen ein Forschungs-Labor in der chinesischen Stadt Wuhan. Dort war das neuartige Corona-Virus erstmals ausgebrochen. Die in der Folge von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ausgerufene Pandemie hat zu einem beispiellosen Zusammenbruch der Weltwirtschaft geführt. US-Präsident Donald Trump hatte schon sehr früh vom „chinesischen Virus“ gesprochen. Die US-Geheimdienste gehen laut CBS Hinweisen nach, dass das Virus versehentlich aus dem Forschungslabor in Wuhan ausgebrochen sein könnte. Laut Fox News führen die Dienste eine vollumfängliche Ermittlung durch. Allerdings haben offenbar die US-Ermittler die Theorie, das Virus könnte künstlich erzeugt worden sein, wieder verworfen. In einem Artikel, der im März in der Wissenschaftszeitschrift „Nature“ erschienen ist, war ein Wissenschaftlerteam zu dem Schluss gekommen, dass das Virus „kein Laborkonstrukt oder ein absichtlich manipuliertes Virus“ ist. Dem scheinen sich die US-Behörden nun angeschlossen zu haben. 

Sollte sich jedoch herausstellen, dass der Ausbruch des Virus durch grobe Fahrlässigkeit möglich wurde, dürfte sich die US-Regierung Strafmaßnahmen gegen China überlegen. Dasselbe gilt, sollten die Amerikaner zur Auffassung gelangen, dass die Führung in Peking die Weltöffentlichkeit nicht rechtzeitig über das Ausmaß der Gefahr informiert haben könnte.

Die Gesundheitsbehörden in China haben die Krankheit erstmals mit einem Fischmarkt in Wuhan, der Hauptstadt der Provinz Hubei, in Verbindung gebracht. Laut einem  Artikel aus dem Januar, der von einer Gruppe chinesischer Forscher in dem führenden medizinischen Fachjournal „Lancet“ veröffentlicht wurde, war der erste bekannte Patient mit dem Virus allerdings nicht direkt dem Fischmarkt ausgesetzt. 13 von 41 Patienten, die in Wuhan eingeliefert wurden, hatten ebenfalls keinen Kontakt zu dem Fischmarkt.

„Soweit wir das heute verstehen, wäre dies eine einmalige Episode, in der ein Tier oder eine Fledermaus einen Menschen infiziert hat und dieser Mensch dann andere infizierte“, sagte der WHO-Berater und Epidemiologe Dr. David Heymann vor einem Monat in einem Interview mit „Face The Nation“: „Außerdem gab es ein Massenereignis in der Stadt Wuhan, bei dem viele, viele verschiedene Menschen gleichzeitig infiziert wurden und Übertragungsketten zwischen ihren Kontakten, die international und auch innerhalb Chinas reisten, enstanden sind."

Der Verdacht hat sich laut CBS seitdem auf mehrere Forschungseinrichtungen für Infektionskrankheiten konzentriert, die sich ebenfalls in Wuhan befinden, darunter die Wuhan-Niederlassung des chinesischen Zentrums für die Kontrolle und Prävention von Krankheiten und das Wuhan Institute of Virology (WIV), das auf höchstem Niveau der biologischen Sicherheit tätig ist. Es ist unter dem Namen BSL-4 bekannt. In diesem Labor sind Forscher seit langer Zeit damit befasst, Fledermaus-Coronaviren zu untersuchen. Die Washington Post und Yahoo News berichteten ebenfalls über die möglichen Verbindungen des Virus zu einem Wuhan-Labor.

Die Washington Post berichtete Anfang dieser Woche auch, dass das Außenministerium im Jahr 2018 mindestens zwei diplomatische Nachrichten erhalten hatte, in denen unzureichende Sicherheitsprotokolle und nicht ordnungsgemäß geschultes Personal am Wuhan Institute of Virology als Probleme angeführt wurden.

Die US-Regierung will in ihren Ermittlungen nun herausfinden, ob China der Vorwurf der Verschleierung gemacht werden könne. Geheimdienst-Offizielle sagten Fox, dass man überzeugt sein, dass die WHO an der Verschleierung entweder aktiv mitgewirkt oder aber einfach „weggesehen“ habe. US-Präsident Trump hatte vor wenigen Tagen verfügt, dass die US-Zahlungen an die WHO eingefroren werden. Außenminister Mike Pompeo, ein bekannter und langjähriger Hardliner in der China-Politik, sagte, das Außenministerium habe „alles gründlich untersucht, um herauszufinden, wie es dazu gekommen ist, dass dieses Virus ausgebrochen ist“.

Trump hat China am Samstag erstmals mit „Konsequenzen“ gedroht, sollte das Land „wissentlich verantwortlich“ für die weltweite Ausbreitung des neuartigen Coronavirus sein.  „Es hätte in China gestoppt werden können bevor es begann, und das wurde es nicht“, sagte Trump bei seiner täglichen Corona-Pressekonferenz im Weißen Haus. „Und jetzt leidet die ganze Welt deswegen.“ Sollte die Pandemie lediglich die Folge versehentlicher „Fehler“ sein, könne man nichts daran ändern. „Aber wenn sie wissentlich verantwortlich wären, ja, dann sollte es Konsequenzen geben“, sagte der US-Präsident und fragte: „War es ein Fehler, der außer Kontrolle geriet, oder wurde es absichtlich getan? Da gibt es einen großen Unterschied.“

Der Sprecher des chinesischen Außenministeriums, Zhao Lijian, bestritt am Donnerstag, dass das Virus aus einem Labor stammte oder von einem Labor übertragen wurde und zitierte die WHO und nicht genannte medizinische Experten, denen zufolge es „keinen wissenschaftlichen Beweis“ für diese Theorie gäbe.

Die US-Geheimdienste haben laut CBS die politischen Entscheidungsträger monatelang gewarnt, dass chinesische Beamte die Zahl der Fälle und Todesfälle durch inländische Viren erheblich geschönt oder auf andere Weise verschleiert hätten.

Fox News berichtet, dass die US-Regierung und Präsident Trump die Ergebnisse der Ermittlungen zur Grundlage ihrer Entscheidung machen werde, ob China wegen der Pandemie „zur Verantwortung gezogen“ werden müsse.

Die Konsequenzen könnten erheblich sein: So könnten die USA Sanktionen gegen China verhängen. Damit würde unter Umständen eines der wichtigsten chinesischen Projekte empfindlich getroffen: Mit der „Neuen Seidenstraße“ möchte China einen Handelsweg nach Europa etablieren, um seine Produktionsüberschüsse auf den europäischen Markt zu werfen. Die New York Times berichtet, dass China nach der Corona-Krise bereits erhebliche Probleme habe, seine Waren nach Europa zu bringen. Dies sei wegen des Shutdowns, der unterbrochenen Logistik und wegen des wirtschaftlichen Abschwungs in Europa ein fundamentales Problem für China.

Während sich in Europa die Kritik an China noch in Grenzen hält und Bundeskanzlerin Angela Merkel die WHO ausdrücklich gegen die Kritik der Amerikaner in Schutz nahm, haben sich die Briten den US-Ermittlungen angeschlossen. Wie Sky News berichtet, haben sich die britischen Geheimdienste mit den US-Kollegen zusammengetan, weil diese eine „steigende Zuversicht“ in ihre Erkenntnisse zeigten. Demnach verdichte sich der Verdacht gegen das Wuhan Institute of Virology (WIV).

Auf chinesischer Seite scheint man die US-Aktivitäten durchaus ernst zu nehmen: In einem Schlag gegen Regierungskritiker in Hongkong hat die Polizei der chinesischen Sonderverwaltungsregion 14 führende Mitglieder der Demokratiebewegung vorübergehend festgenommen. Unter ihnen sind laut übereinstimmenden Berichten westlicher Medien der Gründer der Hongkonger Zeitung „Apple Daily“, Jimmy Lai, der bekannte Anwalt Martin Lee sowie frühere Abgeordnete wie Albert Ho, Lee Cheuk Yan und Yeung Sum, wie Politiker und Aktivisten berichteten. Im Laufe des Samstags wurden die Festgenommenen gegen Kaution wieder auf freien Fuß gesetzt; sie warten jetzt auf ihre Gerichtstermine.

Ihnen wird vorgeworfen, bei den Demonstrationen im vergangenen Jahr in Hongkong illegale Versammlungen organisiert und daran teilgenommen zu haben. Die Proteste hatte die Polizei zum Teil als „Aufruhr“ eingestuft.

China wiederum wirft den USA vor, die Unruhen in Hongkong zu schüren, um die Lage zu destabilisieren.