Bernie Sanders und Joe Biden.
Fotos/Collage: AFP/TIMOTHY A. CLARY; FREDERIC J. BROWN

WashingtonDa steht er auf der nächtlichen Bühne im Blitzlicht-Gewitter und kann es selber kaum glauben. „Wir sind ganz schön lebendig“, ruft Joe Biden seinen Anhängern in Los Angeles zu, die sich an der eben noch für unmöglich gehaltenen politischen Auferstehung des 77-jährigen Kandidaten berauschten. Die Medien und Analysten hätten ihn schon für tot erklärt, sagt der Lazarus der Demokraten und kostet den Triumph aus. Aber nun sähen die Dinge „fürchterlich, fürchterlich gut aus“.

Zu diesem Zeitpunkt lagen die Wahlergebnisse aus Kalifornien noch nicht vor. Aber der ehemalige Vizepräsident hatte bereits acht von 15 Bundesstaaten und US-Territorien für sich entschieden. Darunter Staaten, in denen es vor Wochenfrist nicht einmal sicher schien, dass Biden überhaupt die 15-Prozent-Hürde nehmen könnte, um Delegierte zum Wahlparteitag der Demokraten zu gewinnen.

„Onkel Joe“, wie seine Fans den volkstümlichen Kandidaten liebevoll nennen, deklassierte Bernie Sanders in Virginia und North Carolina, zwei wichtigen Wechselwähler-Staaten bei den Präsidentschaftswahlen. Er profitierte von der Aufteilung der Stimmen zwischen Sanders und Elizabeth Warren im progressiven Lager bei seinen Siegen in Minnesota und Massachusetts. Und er demonstrierte unerwartete Stärke in Texas, dem zweitgrößten Preis am Super-Dienstag.

Wagenburg des Establishments

Es wird noch Tage dauern, ehe feststeht, wer nach der Verteilung von rund einem Drittel der Delegierten für den Wahlparteitag der Demokraten im Juli in Milwaukee die Nase vorn hat. Mit Gewissheit lässt sich schon jetzt sagen, dass der linke Bernie Sanders weit hinter den Erwartungen zurückbleibt.

Der 78-jährige Senator aus Vermont versuchte gute Mine zum bösen Spiel zu machen, als er in seinem Heimatstaat zu Anhängern sprach. Niemand habe gedacht, dass seine Kampagne je so weit kommen werde, sagte Bernie  in Erinnerung an seinen Außenseiterstatus zu Beginn des Rennens um die Nominierung. In Erwartung eines großen Sieges in Kalifornien verbreitete er Zuversicht. „Ich sage Euch mit absoluter Gewissheit, wir werden die Nominierung der Demokraten gewinnen.“

Die Ergebnisse des Super-Dienstag lassen daran zweifeln. Sanders konnte seine Wahlsiege von 2016 gegen Hillary Clinton in Minnesota und Oklahoma nicht wiederholen. Er blieb in Colorado um rund 20 Prozent und selbst in Vermont um 35 Prozent hinter seinem Ergebnis von vier Jahren zurück. Auf die Latino-Wähler, die ihm in Nevada vor zwei Wochen zu einem überzeugenden Sieg verhalfen,   konnte er in Texas nicht zählen. Und auch der von dem demokratischen Sozialisten so oft beschworene Erfolg bei den Jung- und Nichtwählern blieb in den meisten Staaten aus.

Kalifornien ist nicht wie allgemein erwartet der Bundesstaat, in dem Sanders am Super-Dienstag einen nicht einholbaren Delegierten-Vorsprung aufbaute, sondern sein Bollwerk gegen das „Joe-Momentum“. Damit gemeint ist der Rückenwind, den Biden seit seinem unerwartet hohen Sieg vor vier Tagen in South Carolina genießt und der ihn weiter antreibt.

Joe Biden stellt alle Regeln amerikanischer Wahlkämpfe auf den Kopf

Aus Angst, dass der linke Sanders am Super-Dienstag mit der Nominierung davonlaufen könnte, hatten sich die Gemäßigten in der Demokratischen Partei hinter dem Kandidaten geschart, der ein Zurück zur Normalität verspricht: hinter Biden. Pete Buttigieg und Amy Klobuchar stiegen aus dem Rennen aus und stellten sich hinter ebenfalls hinter ihn. Und das breite Netzwerk aus Abgeordneten, Senatoren, Funktionären und lokalen Größen der Demokraten bildete in den Vorwahl-Staaten sozusagen die Wagenburg des Establishments.

„Das ist ein politisches Wunder, für das es in der Geschichte amerikanischer Wahlkämpfe kein Vorbild gibt“, sagte Bob Shrum, ein demokratische Stratege und Veteran mehrerer Präsidentschaftswahlkämpfe über den überraschenden Erfolg dieser Rettungsmission.

Tatsächlich stellt Joe Biden alle Regeln amerikanischer Wahlkämpfe auf den Kopf. Noch nie hat bei den Demokraten jemand die Nominierung gewonnen, der bei den ersten Vorwahlen in Iowa und New Hampshire nicht auf einem der vorderen drei Plätze landete. Ohne Geld und Organisation vor Ort trat der bis dahin notorisch schwache Wahlkämpfer gegen den bestorganisierten Kandidaten an und hatte zudem Konkurrenz vom Milliardär Michael Bloomberg, der mit schier unbegrenzten Ressourcen um dieselben Wähler der Mitte konkurrierte.

Grafik: BLZ/Galanty
Quelle: Realclearpolitics.com

Herbe Enttäuschung für Bloomberg

Für Bloomberg, der die ersten vier Vorwahlen ausgelassen hatte und eine halbe Milliarde Dollar ausgab, geriet der Super-Dienstag zu einer herben Enttäuschung. Bis auf seinem Sieg in dem wenig bedeutsamen Territorium von Samoa hatte er Mühe oder scheiterte an der 15-Prozent-Hürde.

Vor Anhängern in Miami tat er zunächst so, als habe er etwas ganz Bedeutsames erreicht. Doch es dauerte keine 24 Stunden, ehe der nüchterne Analyst die politischen Realitäten anerkannte. „Ich verlasse das Rennen aus demselben Grund, warum ich angetreten bin“, erklärte Bloomberg: „Um Donald Trump zu schlagen.“ Bleibe er weiter im Rennen, werde dieses Ziel schwieriger. Es sei am Super-Dienstag klar geworden, „dass der Kandidat mein Freund und großartige Amerikaner Joe Biden ist“.

Im Unterschied zu Bloomberg bleibt Elizabeth Warren im Rennen. Sie macht Sanders im progressiven Lager Konkurrenz und kostet ihn Delegierten-Stimmen.

Elizabeth Warrens Kalkül

Warrens Kalkül besteht darin, als Kompromiss-Kandidatin auf dem Parteitag bereitzustehen, falls weder Biden noch Sanders mit einer Mehrheit von 1991 Delegierten dort ankommen. Wie so vieles in diesem Wahlkampf, kann auch das anders kommen. Denn der weitere Vorwahl-Kalender stellt die tatsächliche Stärke des linken Anti-Establishment-Kandidaten Sanders auf die Probe. Schon gibt es Analysten die glauben, dass der Weg für Biden mit dem Ausstieg Bloombergs nun frei ist.

In den Nachwahl-Umfragen zeichnet sich ab, dass mit Biden auch die Wählerkoalition wieder erstarkt ist, die Barack Obama 2008 zum Sieg über Clinton verholfen hatte. Diese bestand aus gebildeteren und wohlhabenderen Weißen aus den Vororten, urbanen Wählern sowie Afro-Amerikanern. Vor allem sehen die Demokraten in Biden den Kandidaten, der am ehesten Donald Trump schlagen kann.

Der könne bald seine Sachen packen, versprach Biden auf der Siegesfeier unter dem nächtlichen Sternenhimmel von Los Angeles und lud seine Anhänger zum Träumen ein. „Wir können zusammen großartige Dinge tun“, versprach er.