Der Dollar.
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Frankfurt/MainDie rasante Ausbreitung des Coronavirus rund um den Globus ruft die internationalen Notenbanken auf den Plan. Die Aktienmärkte sind abgestürzt, die Sorgen vor einem Einbruch der Konjunktur sind groß. Einzelne Zentralbanken - darunter auch die US-Notenbank Federal Reserve - haben bereits mit Stützungsaktionen begonnen. Die Europäische Zentralbank (EZB) und die Bank of England beließen es bislang bei verbalen Versicherungen, dass sie notfalls zum Handeln bereit wären. Das Problem: Wegen der massive Ankaufprogramme bei Anleihen und Aktien sowie der Negativ-Zinsen ist die Bazooka für viele Zentralbanken nach Ansicht von Finanz-Analysten schon leer. 

Die US-Notenbank Federal Reserve senkte am Dienstag überraschend den Leitzins. Im asiatischen Raum haben mehrere Notenbanken Maßnahmen ergriffen, um die Finanzmärkte zu stabilisieren. Die Region leidet besonders unter der Krise und dem wirtschaftlichen Stillstand in China. Die japanische Zentralbank versorgt Geschäftsbanken über den übergangsweisen Ankauf von Staatsanleihen im Wert von 500 Milliarden Yen (etwa 4,2 Mrd Euro) mit Zusatzliquidität. Mit Zinssenkungen reagierten die Notenbanken von Indonesien, Malaysia und Australien.

Die EZB versicherte, sie beobachte die wachsende Unsicherheit und steigende Risiken für die Konjunktur genau. «Wir sind bereit, bei Bedarf geeignete und gezielte Maßnahmen zu ergreifen, die den zugrundeliegenden Risiken angemessen sind», erklärte EZB-Präsidentin Christine Lagarde. Auch die Bank of England stellte geldpolitische Hilfen in Aussicht.

Am Dienstag bekundeten zudem die Finanzminister der führenden westlichen Industrieländer (G7) ihren Willen, gegen wirtschaftliche Folgen der Coronavirus-Krise vorzugehen. Die Staaten seien bereit, «alle geeigneten politischen Instrumente» einzusetzen, um ein starkes, nachhaltiges Wachstum und eine Absicherung gegen Abwärtsrisiken zu erreichen.

Die EZB hat mehrere Möglichkeiten. Sie könnte mehr Geld in den Kauf von Anleihen stecken. Eine weitere Option sind Zinssenkungen. Es ist allerdings nicht ausgemacht, dass eine weitere Verringerung der bereits historisch niedrigen Zinsen im Euroraum den Konsum ankurbeln würde. «Ob Sie jetzt öfters ins Restaurant gehen, wenn die Zinsen etwas niedriger sind? Das würde ich bezweifeln», sagte jüngst Bundesbank-Präsident Jens Weidmann. Österreichs Notenbank-Chef Robert Holzmann warnt vor Aktionismus: «Die Geldpolitik sollte (...) nur weiter gelockert werden, wenn es zu einem wirtschaftlichen Einbruch kommt und nicht schon bei einer Abflachung der Wachstumsdynamik», mahnte das EZB-Ratsmitglied kürzlich in der «Börsen-Zeitung».

Tatsächlich ist die Lage eher verfahren. Im Euroraum und in Japan sind die Zinsen nämlich bereits negativ. Den größten Spielraum sehen Ökonomen bei der US-Notenbank, wie die dpa herausgefunden hat. «Die Fed kann mit Zinssenkungen einen größeren Beitrag leisten, die EZB hat hier wenig Spielräume, der Einlagenzins ist ja schon negativ», sagte Ifo-Präsident Clemens Fuest. Für Commerzbank-Ökonom Bernd Weidensteiner ist es nicht überraschend, dass die Fed handelt. «Sie übernimmt damit wieder ihre gewohnte Rolle als Flaggschiff im Geleitzug der globalen Zentralbanken.» Commerzbank-Chefvolkwirt Jörg Krämer rechnet damit, dass die EZB ihre Geldpolitik vermutlich bei ihrer Sitzung in der kommenden Woche (12. März) lockern wird. Die Notenbank könnte ihre monatlichen Anleihekäufe von derzeit 20 Milliarden Euro monatlich vorübergehend erhöhen und ihren Einlagenzins von derzeit minus 0,5 Prozent weiter senken.

Angesichts der Flut an Zentralbankgeld, die es seit Jahren gibt, hätte eine womöglich abgestimmte Aktion der großen Notenbanken vor allem beruhigende Wirkung. Die Zentralbanken würden demonstrieren, dass sie handlungsfähig sind. «Eine Zentralbank darf keine Zweifel daran aufkommen lassen, dass sie entschlossen ist zu handeln und fähig, etwas zu bewirken. Sonst multipliziert sich nur die Unsicherheit im System», sagte der Chef der belgischen Notenbank, Pierre Wunsch, der Börsen-Zeitung.

DIW-Präsident Marcel Fratzscher hält die Einflussmöglichkeiten der Geldpolitik laut dpa für begrenzt: «Anders als in der globalen Finanzkrise werden die Zentralbanken bei der Bekämpfung des wirtschaftlichen Schadens durch das Coronavirus nur wenig helfen können. Denn das größte wirtschaftliche Problem ist ein Zusammenbrechen der globalen Wertschöpfungsketten und das fehlende Vertrauen von Konsumenten.»

Ökonomen halten ein Gegensteuern der Politik für sinnvoll. «Eine größere Stabilisierungswirkung wird erreicht, wenn fiskalpolitische Maßnahmen wie etwa Notkredite und Garantien für direkt von der Krise betroffene Unternehmen dazukommen», argumentiert Ifo-Chef Fuest. Der Chefökonom der ING Deutschland, Carsten Brzeski, bekräftigt: «Das Coronavirus und seine Folgen für die Märkte und Wirtschaft machen einmal mehr deutlich, dass jetzt nur noch die Regierungen mit Fiskalpolitik helfen können.» Die G7-Finanzminister zeigten sich grundsätzlich bereit, fiskalische Maßnahmen zu ergreifen - also beispielsweise höhere Staatsausgaben.

Terror in den USA, Lehman-Pleite, Euro-Schuldenkrise - so verschieden die Anlässe waren, so entschlossen agierten die Zentralbanken. Gemeinsam stemmten sie sich gegen Panik an den Finanzmärkten und einen konjunkturellen Absturz. Wenige Tage nach den Anschlägen in den USA vom 11. September 2001 senkten Fed und EZB abgestimmt ihre Leitzinsen. Nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers pumpten große Zentralbanken zunächst frische Milliarden ins Finanzsystem, weil Banken sich aus Misstrauen untereinander kaum noch Geld liehen und ein Versiegen der Kreditströme drohte. Dann senkten EZB, Fed, Bank of England und weitere Zentralbanken im Krisenherbst 2008 in einer konzertierten Aktion auch noch ihre Leitzinsen. Ende November 2011 schließlich verständigen sich die führenden Notenbanken, Geschäftsbanken leichter, billiger und länger mit US-Dollar zu versorgen, um damit Spannungen an den Märkten abzubauen.