Washington - Der Mann liebt die Kontroverse. Wenn Demonstranten bei seinen Wahlveranstaltungen auftauchen, läuft Rick Santorum zur Höchstform auf. An einem kalten Wintertag etwa in Manchester im US-Bundesstaat New Hampshire. Kurzentschlossen verlegt der ehemalige konservative Senator seine Rede aus dem gut beheizten italienischen Belmont Hall-Restaurant auf den eisigen Parkplatz, damit ihn auch seine Gegner hören können.

„Herr Santorum, warum hassen Sie Homosexuelle“, ruft ihm einer aus dem Publikum zu. Ein anderer, haucht in seine Flüstertüte „Willst Du mich heiraten, Rick?“. Santorum bleibt ungerührt. Er lacht. Nicht verlegen, wie das stets gequälte Lächeln seines Mitbewerbers um die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner, Mitt Romney, sondern echt. Wie einer, der sich auf eine gute Auseinandersetzung freut, und dann mit heiterer Miene unglaubliche Dinge sagt.

Attacken von rechts

Kaum jemand hatte dem erzkonservativen Republikaner Santorum eine ernsthafte Chance eingeräumt. Doch seit er Anfang Februar bei den Vorwahlen in Minnesota, Missouri und Colorado siegte und in der Vorwoche erstmals in den landesweiten Umfragen auch den Favoriten Mitt Romney überflügelte, rückt er in den Mittelpunkt. Am Dienstag sind Vorwahlen im Romneys Geburtsstaat Michigan, die haben zwar nur empfehlenden Charakter, doch kann sich der Favorit dort keine Niederlage erlauben.

Santorum, 53, attackiert Romney von rechts. Standhaft lehnt er die Homo-Ehe ab, er wettert gegen Abtreibung – selbst bei Vergewaltigung. Frauen weist er die Rolle im Haus und am Herd zu. Ganz so wie seine Karen, die ihre Karriere als Juristin aufgab, um sieben Kinder nicht nur großzuziehen, sondern auch selbst zu unterrichten.

Den Amtsinhaber Barack Obama greift Santorum an der religiösen Flanke an. Bei einer Veranstaltung der erzkonservativen Tea-Party-Bewegung in Cleveland/Ohio sagte Santorum laut US-Medienberichten vom Sonntag, die Politik des Weißen Hauses sei von einer „etwas anderen Theologie“ geleitet. Obamas Agenda folge „einem falschen Ideal, einer falschen Theologie“, die nicht auf der Bibel basiere.

Santorum, aufgewachsen in einer italienischen Einwandererfamilie in Virginia, versteht sich als Gotteskrieger in einem neuen Kulturkampf. Ein erzkatholischer Haudegen, der die Veränderungen der 68er-Generation rückgängig machen möchte. Er ist nicht so bigott wie Newt Gingrich, dessen persönliche Lebensführung nicht so recht zu dessen moralschweren Schwadronieren passt. Anders als Romney spricht er die Anhänger der Tea-Party-Bewegung an. Sie machen ein Drittel der Republikaner-Wähler aus. Seine Aufholjagd in den Umfragen ist unvergleichlich.

„Mitt Romney hat seine wichtigstes Argument verloren“, resümiert Kolumnist E. J. Dionne den Kampf um die Kandidatenkür, bei dem sich die Republikaner wie beim Speed-Dating immer in einen neuen Liebling verlieben. Einer, den die Konservativen nicht lieben, aber als der aussichtsreichste Bewerber galt, den verhassten Amtsinhaber zu schlagen. „Dass er immer noch die beste Chance hat, gilt nun nicht mehr als gesetzt.“

Tea- statt Cocktail-Party

Am Dienstag wird im Industriestaat Michigan gewählt. Santorum profitiert in der Heimat von General Motors nicht nur von der starken Fundi-Basis, sondern auch von dem Klassenkampf, der innerhalb der Republikaner zwischen Tea- und Cocktail-Party ausgebrochen ist. Die konservative Arbeiterschaft, die mit dem millionenschweren Manager Romney nichts anfangen kann, findet in Santorum jemanden, der aus kleinen Verhältnissen stammt.

Anders als Romney hat der 53-jährige Jurist weder die Blaupause für Obamas Gesundheitsreform geliefert noch jemals den Klimaschutz unterstützt. „Das ist eine erfundene Geschichte“, wettert der leidenschaftliche Advokat für die heimischen Kohle. Mit seinem Versprechen, die Nuklearanlagen in Iran zu bombardieren, macht er sich auch bei den Neokonservativen beliebt. Romneys Dilemma: Er kann Santorum schlecht als rechten Gotteskrieger brandmarken. Das ließe ihn nur als moderat erscheinen.