Vor dem Gipfel zwischen US-Präsident Joe Biden und Russlands Präsident Wladimir Putin herrscht angespannte Nervosität bei der Nato, in Washington und bei den Verbündeten der USA. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg hat deutlich gemacht, dass Russland in Richtung der ukrainischen Grenze „große und ungewöhnliche Konzentrationen russischer Streitkräfte“ vorgenommen habe. Die Truppen sollen laut Politico bei  Jelnja in der Nähe von Smolensk beobachtet worden sein. Stoltenberg führte aus, dass zu den Truppen „schweres Gerät wie Panzer, Artillerie, gepanzerte Einheiten, Drohnen und elektronische Kriegsführungssysteme“ gehören. Stoltenberg betonte, dass „es keine Gewissheit über die Absichten Russlands gibt, aber wir wissen, dass sie schon früher militärische Gewalt gegen die Ukraine angewendet haben“. Ein Sprecher der Nato sagte der Berliner Zeitung, dass in der Allianz große Einigkeit über das weitere Vorgehen herrsche: „Das Treffen der NATO-Außenminister in der vergangenen Woche betonte, dass jede zukünftige russische Aggression einen hohen Preis und schwerwiegende politische und wirtschaftliche Folgen für Russland haben würde.“

Politico berichtet Berufung auf Jane's am Montag, „dass Ausrüstung der russischen 4. Panzerdivision in Gebiete um Brjansk und Kursk nahe der Nordgrenze der Ukraine verlegt wurde“. Die Einheiten seien mit T-80U Kampfpanzern und selbstfahrender Artillerie ausgestattet.

Wie die Financial Times (FT) berichtet, ist es Washington gelungen, die anfangs zögerlichen Verbündeten auf eine harte Linie einzuschwören – und zwar auch so, dass Konsequenzen folgen könnten. Die Unterweisung der Europäer in bisher geheime Details startete bereits Anfang November vor einem Treffen der Nato-Minister in der vergangenen Woche, in dem es schließlich vorrangig um die Ukraine ging. Die Geheimdienst-Informationen halfen laut FT dabei, die Europäer und hier insbesondere Deutschland von ihrem ursprünglich zurückhaltenden Kurs abzubringen. „Viele Verbündete waren nicht davon überzeugt, dass die Lage ernst ist“, sagte ein anonymer Beamter der FT: „Wir waren überrascht über diese Informationslücke – wie und warum die USA Dinge sahen, die wir nicht sahen.“ Die Stimmung habe sich deutlich in Richtung der US-Lesart gewandelt.

Ein weiterer anonymer Informant sagte der FT, es sei den Amerikanern gelungen, die Europäer von Putins wahren Absichten zu überzeugen. Welche Informationen den Europäern von welchen Geheimdiensten vorgelegt wurden, ist nicht bekannt. Laut US-Informationen hat Russland etwa 100 Einheiten in Bataillonsstärke und etwa 175.000 Soldaten sowie 100.000 Reservisten an der ukrainischen Grenze in Stellung gebracht.

Nach der Unterweisung durch die Amerikaner sieht nun auch die Bundesregierung in den Truppenbewegungen Russlands an der Grenze zur Ukraine einen Anlass zu ernster Sorge. „Aus unserer Sicht ist es jetzt sehr wichtig, dass Russland zur Deeskalation und zur Transparenz bezüglich seiner Militäraktivitäten beiträgt“, sagte eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes am Montag in Berlin. Regierungssprecher Steffen Seibert betonte, Provokationen sollten vermieden werden, auch wenn Staaten das Recht hätten, Truppen auf dem eigenen Gebiet zu bewegen. „Was wir jetzt von russischer Seite sehen, ist eben ein Mangel an Transparenz. Wir sehen auch eine zunehmend aggressive russische Rhetorik“, sagte er.

Russland hat mehrfach betont, keine Invasion in die Ukraine zu planen. Moskau hält jedoch die massive Präsenz US-amerikanischer Truppen und von Einheiten der Nato sowie die westlichen Aktivitäten im Schwarzen Meer für eine unmittelbare Bedrohung und verlangt vom Westen die vertragliche Zusicherung, dass die Nato nicht bis an die russische Grenze vorrücken werde. Bisher haben die Nato und der Westen dies abgelehnt.

In US-Geheimdienstkreisen herrscht die Sorge, dass Russland der Auffassung sei, die Bevölkerung der Ukraine könnte einen Einmarsch der Russen sogar als „Befreiung“ empfinden. In einem Beitrag für das Magazin Foreign Policy schreibt Natalia Antonova, dass dies eine falsche Erwartung sei, und zitiert eine Meinungsumfrage, wonach 64 Prozent der Ukrainer heute für einen Nato-Beitritt ihres Landes seien. Allerdings muss sich die Biden-Mannschaft erst selbst sortieren, weshalb auch noch teilweise peinliche Fehler passieren. So sagte der neue US-Verteidigungsminister Lloyd Austin dieser Tage auf einer Reise in Südkorea versehentlich und zum Erschrecken der altgedienten amerikanischen Diplomaten, dass die USA alles tun würden, um nicht „eine Invasion der Sowjetunion in der Ukraine“ erleben zu müssen.