Berlin - Der erste Eindruck ist eine Überraschung: So klein wirkt das Weiße Haus, wenn man das erste Mal davor steht. Das soll der Regierungssitz des mächtigsten Landes der Welt sein?

Bei näherem Hinsehen und bei einem Rundgang zeigt sich dann: Es ist doch ganz schön groß. 55.000 Quadratmeter umfasst die Grundfläche, 135 Räume verteilen sich auf das Haupthaus und die beiden Seitenflügel. Das viel massiver erscheinende Kanzleramt in Berlin kommt gerade einmal auf 19.000 Quadratmeter.

Symbol für die Einheit des Landes

Seit über 200 Jahren ist das Weiße Haus das berühmteste Gebäude und das wichtigste Symbol der politischen USA. Es war das erste Haus, mit dessen Bau in der neu gegründeten Hauptstadt der Vereinigten Staaten begonnen wurde, und es ist eines der wenigen Symbole für die Einheit des Landes. Hier wie sonst nur noch auf dem Capitol Hill, dem Sitz des Parlaments am anderen Ende der Pennsylvania Avenue, und an den Nationaldenkmälern auf der dazwischen liegenden Mall können die US-Amerikaner die Einheit ihrer aus 50 Staaten gebildeten Nation spüren.

Es gehört schon seit Jahrzehnten zu den merkwürdigen Ritualen amerikanischer Wahlkämpfe, „Washington“ als Inbegriff politischer Verkommenheit zu beschreiben und dennoch alles daran zu setzen, dorthin zu kommen. Das gilt vor allem für das Weiße Haus, diesen Inbegriff  politischer Macht und amerikanischer Geschichte, ein Mythos, der in zahllosen Filmen und Fernsehserien immer wieder auf‘s Neue seine Wirkkraft  bestätigt. In der legendären Serie „West Wing“ spielte das Weiße Haus sogar in gewisser Weise die Hauptrolle, und auch in „House of Cards“ gibt es letztlich nur ein Ziel: Das Weiße Haus.

Clinton machte Amerikaner vertrauter mit dem Weißen Haus

Manche Räume sind den US-Bürgern so vertraut wie nur wenige außerhalb ihrer eigenen vier Wände. Aus dem Oval Office wendet sich der Präsident seit Generationen bei wichtigen Anlässen mit Fernsehansprachen an das Volk. Der East Room ist ähnlich bekannt, es ist der größte Saal, in dem der Präsident bei Pressekonferenzen auftritt und Staatsgäste empfängt. Der Magie dieses Hauses haben weder Skandale wie jener um Bill Clintons Affäre mit der Praktikantin Monica Lewinsky – die sich im Wesentlichen ja genau hier abgespielt hat – noch die Abgründe des (aktuellen) Wahlkampfes etwas anhaben können.

Es ist ein ironischer Zufall, dass ausgerechnet Hillary Clinton, die sich nun als erste anschickt(e), zum zweiten Mal hier einzuziehen, besonders viel getan hat, um das Weiße Haus den Amerikanern noch vertrauter zu machen. Sie veröffentlichte 1998 als First Lady einen echten Bestseller mit dem Titel „Dear Socks, dear Buddy“. Der liebevoll gestaltete Band enthielt Kinderbriefe an die beiden Haustiere der Präsidentenfamilie, Socks, den Kater, und Buddy, den Hund. Es sei, als würde sie Balsam auf die vom Skandal um Sex und Lügen wundgescheuerten Seelen vieler Amerikaner streichen, hieß es damals in einer Rezension.

Nicht nur ein politischer, sondern auch ein privater Ort

Das Buch präsentierte nicht nur rührende Kinderbriefe, sondern auch zahlreiche Fotos und Geschichten über die Haustiere früherer Präsidenten. So erfuhr der Leser, dass die sechs Kinder Theodore Roosevelts unter anderem eine Schlange, einen einbeinigen Hahn und einen Braunbären im Garten des Weißen Hauses hielten, dass Woodrow Wilson während des Ersten Weltkrieges eine Schafherde auf dem heiligen Südrasen grasen ließ und dass John F. Kennedy an guten Tagen das Pony Macaroni seiner Tochter schon einmal ins Oval Office vorließ. Erstaunlich ist auch die Anekdote, dass Präsident John Adams im East Room über mehrere Monate einen Alligator beherbergte. Der Marquis de Lafayette hatte ihn in Pflege gegeben. Zwei Jahre später brachte Hillary  Clinton noch einen prächtigen Bildband über das politische und private Leben in dem damals gerade aufwändig und historisch achtsam renovierten Gebäude heraus – „zu Hause mit der Geschichte“.

Beide Bücher machen deutlich, dass das Weiße Haus eben nicht nur ein politischer, sondern auch ein privater Ort ist. Alle Präsidenten außer dem Gründungsvater George Washington haben hier in der zweiten und dritten Etage gewohnt, was nicht nur Vorteile hat, insbesondere für Präsidentenkinder. Es gibt zwar einen Swimmingpool, ein eigenes Kino, Spielgeräte, einen Tennisplatz, eine Bowlingbahn und seit Obamas Einzug ein Basketballfeld, dazu Personal, das manche Wünsche erfüllt. Aber von Präsident Roosevelt stammt das Zitat, die Kinder eines Präsidenten führten hier ein schreckliches Leben. Auch von den beiden Obama-Töchtern Malia und Sasha sind manche Klagen bekannt, nicht zuletzt über „die geheimen Männer“ mit den Sonnenbrillen und dem Knopf im Ohr, die immer und fast überall in diesem Haus dabei sind.

Im Jahr 1800 zog John Adams als erster Präsident ein

Es ist eben auch ein streng bewachter Regierungssitz und es soll zugleich ein öffentliches Haus bleiben, zu dem die Bürger Zugang haben, um einen hautnahen Eindruck gewinnen zu können - von diesem Symbol einer lebendigen Demokratie, das zugleich ein zentraler Ort der Nationalgeschichte und der aktuellen Weltpolitik ist. Wenn die Touristen vom Osteingang her durch Souterrain und Erdgeschoss streifen, ist ein unbemerktes Kommen und Gehen für die First Family nicht möglich. Es gibt keinen abgeschirmten Privatzugang zu den Wohnräumen, in den Garten oder zum Swimming Pool.

Das Haus ist während der Amtszeit George Washingtons gebaut worden, der persönlich den Bauplatz ausgesucht hatte. Im Jahr 1800 zog John Adams als erster Präsident ein. Einhundert Jahre später ließ Theodore Roosevelt den West Wing anbauen, er brauchte Platz für seine sechs Kinder. Anfang der 1950er Jahre folgte eine Grundsanierung und Entkernung, während dieser Zeit regierte Dwight D. Eisenhower vom nebenan gelegenen Old Executive Building aus. Die cremig weiße Farbe, mit dem seit Jahrzehnten die Fassade gestrichen wird, stammt übrigens von einem traditionsreichen Hersteller aus der Nähe von Augsburg.