Eigentlich hatte ich ja angenommen, dass der gewaltsame Tod von Trayvon Martin für Präsident Obama noch unangenehme Folgen haben könnte, weil er das Thema Rassismus verstärkt in die öffentliche Debatte bringt. Doch es sieht so aus, als ob seine zwar knappe, aber einfühlsame Stellungnahme zu dem Vorfall von den meisten Bürgern positiv aufgenommen wurde. Sicher, ein paar konservative Moderatoren auf Fox (O’Reilly!) polemisieren gegen Obamas Satz „wenn ich einen Sohn hätte, sähe er so aus wie Trayvon“, weil er nahelege, die Tat sei rassistisch motiviert. In der Debatte sind solche Stimmen aber klar in der Minderzahl.

Streit über das Thema Rassismus ist nun überraschenderweise im konservativen Lager ausgebrochen. Anlass ist ein Online-Artikel des britisch-amerikanischen Publizisten und National-Review-Kolumnisten John Derbyshire, der gerade vor Ostern im reaktionären Taki’s Magazine erschien. Der Beitrag ist als Liste mit Ratschlägen für seine 16- und 19-Jahre alten Söhne angelegt und klingt im Mittelteil so: „(10a) Vermeidet Ansammlungen von Schwarzen, wenn ihr nicht alle von ihnen kennt. (10b) Haltet euch fern von primär schwarzen Nachbarschaften. (10c) Wenn ihr für ein Rendezvous an den Strand oder in einen Vergnügungspark fahren wollt, klärt vorher, ob dorthin auch haufenweise Schwarze fahren (bei so einem Date bin ich beinahe mal erschossen worden) (10d) Geht nicht zu Veranstaltungen, die viele schwarze Besucher anziehen.“

Diese Kommentare – und der Hinweis, dass Weiße klüger als Schwarze sind – kommen nicht aus heiterem Himmel, denn Derbyshire macht schon lange keinen Hehl aus seinen Vorbehalten gegenüber Schwarzen und auch Schwulen. Schon 2003 sagte er in einem Interview mit Collected Miscellany: „I am a homophobe, though a mild and tolerant one, and a racist, though an even more mild and tolerant one …”. Das ist offenkundig einen von diesen Aussagen, die ironisch klingen sollen – ein milder und toleranter Rassist –, aber eigentlich postironisch sind, sich also nach Klarheit sehnen, ohne Verstellung.

Damals jedoch scheint sich Derbyshire noch nicht so richtig zu trauen und schickt eine E-Mail hinterher an den Interviewer von Collected Miscenally, in der er ergänzt: „Wir alle sollen definitiv erklären, dass wir keinerlei negative Ansichten von anderen Gruppen haben, denn sonst sind wir BÖSE! RASSISTEN! HOMOPHOBE! etc. etc. Nun, Paperlapapp! Mein Vorbild in diesem Fall ist der britische Autor Sir Kingsley Amis. Als ihn ein Interviewer einmal fragte, ob er Antisemit sei, antwortete er: ,Very, very mildly.’” Amis irritierte lediglich, dass in Abspännen nach TV-Sendungen immer wieder so viele Juden auftauchten. Das sei alles gewesen und Antisemitismus auf diesem Niveau genauso normal und keineswegs besorgniserregend wie seine Haltung gegenüber Schwarzen.

Daran können nun aber selbst andere Konservative nicht mehr glauben. Josh Barro von Forbes war schockiert und verlangte von der National Review, ihren bekannten Kolumnisten Derbyshire sofort zu feuern. Zahlreiche Kollegen von der National Review zeigten sich öffentlich ebenfalls entsetzt. Auf die zunehmende Kritik von anderen Journalisten reagierte der Herausgeber Jonah Goldberg schließlich mit einer Twitter-Meldung: „Damit das klar ist: Ich finde das Stück von meinem Kollegen John Derbyshire absolut unverzeihlich und anstößig.“ Mit anderen Worten: Goldberg hat den Kolumnisten via Twitter herausgeworfen – obwohl der Text ja anderenorts veröffentlicht wurde. Willkommen in der Medienwelt 2.0.

Die Debatte allerdings geht weiter vom theatlanticwire bis zum Guardian. Kein Wunder, wird sie doch im Zusammenhang mit dem Tod von Trayvon Martin geführt – und der Frage, ob der Schütze aus rassistischen Gründen gehandelt hat und die Polizei bei den Ermittlungen wenig Ehrgeiz zeigte, weil der Tote ein Schwarzer ist. Diese Frage spaltet die Gesellschaft, wie eine neue Umfrage von Gallup zeigt: 51 Prozent der Afroamerikaner, aber nur 11 Prozent der Nichtschwarzen glauben, dass der Schütze George Zimmerman schuldig ist; 72 Prozent der Afroamerikaner glauben, dass Rassismus eine wesentliche Rolle bei der Tat gespielt hat, aber nur 31 Prozent der Nichtschwarzen; 73 Prozent der Afroamerikaner glauben, Zimmerman wäre sofort verhaftet worden, wenn er einen Weißen erschossen hätte. Von den Nichtschwarzen nehmen das nur 35 Prozent an. Gallup vergleicht diese Ergebnisse, auch wenn die Vorzeichen gegensätzlich sind, mit dem Fall von O.J. Simpson, den 1995 eine überragende Mehrheit der Schwarzen für unschuldig hielt, während die Weißen das mehrheitlich nicht taten.

Hinter diesen Zahlen wird tatsächlich eines deutlich: Die afroamerikanische Bevölkerung hat immer noch wenig Vertrauen in das Rechtssystem (NYT, 06.03.2012) – ein System, in dem Schwarze eher angehalten, kontrolliert, geschlagen und verhaftet werden. Der Fall Trayvon Martin wird daher mehr und mehr zu einem Testfall für die amerikanische Polizei und Justiz. Wenn sie nicht bald überzeugend handelt, wird das Gefühl bleiben, dass dieses System für einen Teil der Bevölkerung keine Gerechtigkeit bringen kann. Und das dürfte auch nicht folgenlos sein für die Wahlentscheidung im Herbst.