Zeichen der Solidarität: Ein Polizist kniet am Times Square in New York, während ein Protestzug vorbeizieht. Passanten fotografieren.
Foto: afp/Bryan R. Smith

New YorkEs ist viertel nach neun am Mittwoch, es ist der dritte Abend der Ausgangssperre in New York, und wenn es nach der Anordnung des Bürgermeisters ginge, dann wären die Straßen seit mehr als einer Stunde leer. Doch auf der Lafayette Street im Shopping-Distrikt SoHo bewegt sich noch immer eine Menge von rund 1000 Demonstranten in Richtung Norden und skandiert „Black Lives Matter“.

Manche von ihnen haben Hämmer dabei, doch als einer der Demonstranten sich anschickt, ein Schaufenster zu zertrümmern, halten die Umstehenden ihn zurück. Am Ende der Straße stehen zwei Polizeiwagen mit Blaulicht. Die Cops machen keine Anstalten, die Menge aufzulösen, solange es keine Ausschreitungen gibt. An diesem Abend will niemand mehr eine Eskalation provozieren.

Bis jetzt war es ein friedlicher Tag in New York, der siebte Tag der Proteste gegen Polizeigewalt in der Stadt. Um 19 Uhr, zu der Uhrzeit also, zu der seit Wochen die New Yorker abendlich ihre Ärzte und Krankenschwestern feiern, haben die Demonstranten am Times Square für fünf Minuten innegehalten, um den Lebensrettern zu danken. Unter ihnen sind rund 100 Leute in Krankenhaus-Kleidung. Es ist ein erhebender Moment der Solidarität und Gemeinsamkeit in einer angespannten Woche in New York.

Dan Efram ist zu Hause geblieben an diesem Dienstag, er war bislang jeden Tag dabei. „Vielleicht ist es ohnehin zu spät“, sagt er, „aber irgendwann muss ich auch einmal an mein Covid-Risiko denken.“

Efram ist ein erfahrener politischer Aktivist. Im Jahr 2016, im Anlauf zur Präsidentschaftswahl, wurde der Fotograf wie viele junge Menschen von den politischen Visionen und Hoffnungen eines Bernie Sanders in die Politik hineingezogen. Und als die Wahl vorbei war, hat er einfach weitergemacht.

Mit Fleiß und Herzblut

Seitdem hat er Hunderte von Märschen mitorganisiert, hat Fleiß und Herzblut investiert. „Das war oft ein irrsinniger Aufwand, 200 Leutchen zusammenzubekommen, um für einen Gesetzesentwurf zur Strafrechtsreform im Staat New York zu demonstrieren.“ Doch diesmal hat er gar nichts tun müssen.

„An diesen Protesten war nichts organisiert“, sagt Efram. Wohl haben die Mitglieder der verschiedenen politischen Netzwerke seit dem Tag, an dem George Floyd in Minneapolis von einem Polizisten getötet wurde, heftig über die Notwendigkeit von Aktionen gesprochen. „Doch letztlich sind die Menschen spontan auf die Straße gegangen. Ich habe in meiner Karriere als politischer Aktivist noch nie so etwas Wunderbares erlebt.“

Es gab nie einen Marsch in New York, einen Treffpunkt oder eine Route. In allen Stadtteilen ist man zu den größeren Plätzen gegangen, hat sich getroffen und ist dann gemeinsam die Boulevards heruntermarschiert. Und überall sind die Menschen mitgelaufen. „Wenn ich an ‚Occupy Wall Street‘ zurückdenke“, sagt Efram, „da war ich nach den Demonstrationen isoliert. Diesmal war es das Gegenteil.“ Die Bewegung hat die Mitte Amerikas erreicht und das nicht nur in New York.

Die erste spontane Demonstration in New York, bei der Zehntausende an den verschiedensten Ecken der Stadt auf die Straße strömten, war am vergangenen Donnerstag. So geht es seither Tag für Tag. Und es ist kein Ende in Sicht.

Natürlich gab es die Eruptionen. Gerade in den ersten Tagen. Am Sonnabend wurden Polizeiwagen zertrümmert und mit Molotowcocktails angezündet. Bilder von triumphal auf dem Dach eines gekaperten Streifenwagens tanzenden Demonstranten machten die Runde.

In Brooklyn fuhr ein umzingeltes Polizeifahrzeug in eine Menge und verletzte Umstehende. Später am Abend verteidigte Bürgermeister Bill de Blasio die Handlung der Beamten damit, dass die Demonstranten sie in eine schwierige Lage gebracht hätten. Später entschuldigte er sich für diese Einschätzung. Auch das zeigt den Balanceakt, den die Stadt derzeit zu leisten versucht.

Und dann gibt es Abend für Abend die Plündereien. So wie am Montagabend, als aus dem Nichts Autos mit Jugendlichen in Midtown auftauchten, gezielt und systematisch in die Läden und Kaufhäuser rannten, den Kofferraum vollluden und wieder verschwanden.

Stephanie Keith, die seit dem ersten Tag die Demonstrationen als Fotojournalistin begleitet, beobachtet, dass die Plünderer immer nach Einbruch der Dunkelheit kommen. „Solange es hell ist, sind friedliche Demonstranten auf der Straße.“ Meist, glaubt Keith, seien es Jugendliche aus der Bronx und aus Harlem, die nichts mit den Protesten zu tun haben.

Trotzdem hat Stephanie Keith für sie ein gewisses Verständnis: „Die Leute sind wirtschaftlich von allen Seiten unter Druck.“ Viele Familien in diesen Gegenden New Yorks haben seit Beginn der Corona-Krise keine Jobs mehr und keine wirtschaftliche Absicherung. In vielen Familien ist jemand krank oder gar gestorben. Keiths Mitgefühl mit den Plünderern wird von vielen Amerikanern geteilt.

Immer wieder werden in diesen Tagen die Worte von Martin Luther King zitiert, der sagte: „Krawall ist die Sprache der Sprachlosen. Man kann sie nicht verurteilen, ohne die unerträglichen Zustände in unserer Gesellschaft zu verurteilen.“

In einem 15 Minuten lang Monolog philosophierte in der vergangenen Woche der schwarze Talkshow-Moderator Trevor Noah darüber, was die sogenannten Plünderer bewegt. „Wenn du das Gefühl hast, dass der Sozialvertrag nicht für dich gilt, dann hast du keinen Grund mehr, dich selbst daran zu halten. Für einen schwarzen Jugendlichen ist es doch egal, ob er plündert oder nicht. Verhaftet und verprügelt oder Schlimmeres wird er ohnehin.“

Es ist eine alte Diskussion in Amerika. Seit den Rassenunruhen in den 60er-Jahren zeigt sich das weiße Bürgertum fassungslos, wenn die frustrierte schwarze Unterschicht plündert und brandschatzt und die eigenen Nachbarschaften zerstört. Der Bürgerrechtler Cornel West beschäftigte sich schon 1992 nach den Unruhen von Los Angeles in einem Aufsatz mit „Schwarzem Nihilismus“. Rechtlosigkeit und Perspektivlosigkeit sowie der Zusammenbruch sozialer Strukturen in der schwarzen Community, argumentierte West damals, führen zu Zerstörung und Selbstzerstörung. Dagegen vorgehen könne man nur, indem man die Ursachen bekämpft.

Donald Trump, Präsident der USA, sieht das freilich anders. In seiner Konferenzschaltung mit den Gouverneuren am Dienstag wies er sie an, „die Straßen zu dominieren“. Sonst, so drohte er, werde er das Militär mobilisieren.

Dafür, dass er geraten hatte, Proteste gegen Polizeigewalt mit Gewalt bekämpfen zu wollen, handelte Trump sich scharfe Kritik ein. Dennoch steht die Drohung im Raum und sorgt in New York für Spannungen zwischen dem Gouverneur und dem Bürgermeister. Nachdem am Wochenende die Plünderungen überhand nahmen, rügte der Gouverneur Andrew Cuomo den Bürgermeister Bill De Blasio, nicht hart genug vorgegangen zu sein, und drohte, die Nationalgarde einzusetzen, die unter seinem Kommando steht. Besser, so die Überlegung, selbst die Nationalgarde einzusetzen, als zu riskieren, dass Trump die Armee schickt.

Bill de Blasio erwiderte, dass das Letzte, was die Stadt jetzt brauche, das Militär sei. Seit seinem Amtsantritt 2012 versucht de Blasio, das komplizierte Verhältnis der New Yorker Polizei zur Bevölkerung zu verbessern, nachdem sich unter seinem Vorgänger die Klagen über Polizeigewalt und die umstrittene Praxis gemehrt hatten, Verdächtige grundlos anzuhalten und zu filzen. Jetzt die Nationalgarde zu holen, so de Blasio, würde die ganze mühsame Arbeit der Vertrauensbildung wieder zerstören.

So versucht die New Yorker Polizei nun, Nacht für Nacht erfolgreich auf einem schmalen Grat zu wandern: einerseits für Ordnung zu sorgen, andererseits aber nicht noch mehr Öl in die Flammen zu gießen. Manchmal gelingt es. Manchmal nicht.

So ließ die Polizei am Dienstagabend Demonstranten, die erst um zehn Uhr abends über die Manhattan Bridge nach Brooklyn marschierten, ziehen. In der Bronx hingegen, dem ärmsten Stadtteil New Yorks, ging die Polizei martialisch gegen alle Menschen vor, die um halb neun noch nicht zu Hause waren. Schlagstöcke kamen zum Einsatz, auch Pfefferspray. Wieder maß die Staatsgewalt mit zweierlei Maß.

Trotzdem bekommt man den Eindruck, dass die New Yorker Cops die Lage den Umständen entsprechend gut meistern und dass sie friedliche Demonstrationen sowie das Recht auf Versammlungsfreiheit zu schützen versuchen. Anders als der Präsident, der in Washington eine friedliche Demonstration von der Militärpolizei auflösen ließ, um sich vor einer Kirche fotografieren zu lassen.

Vertrauen in das New Yorker Polizeicorps, das, wie die meisten Polizeitruppen der Nation, eine lange Tradition exzessiver Gewalt hat, hat Dan Efram trotzdem nicht. Gerade einmal sechs Jahre ist es her, dass auf den Straßen New Yorks Eric Garner im Würgegriff der Polizei mit denselben Worten starb wie George Floyd: „I can’t breathe.“

Wirklich gelernt habe die New Yorker Polizei daraus nicht. Noch immer, sagt Dan Efram, sei alles an der Polizei militärisch und martialisch. Die Ausrüstung. Der Habitus. Und vor allem die Mentalität, eine Mentalität, die über Generationen gewachsen ist. Es ist eine Mentalität der Konfrontation. Und der Dominanz wie jener, die Donald Trump fordert. Und tief sitzender Annahmen über Minderheiten, auch wenn diese stark im New Yorker Polizeicorps vertreten sind. „Das dauert Jahrzehnte, bis das sich ändert“, prophezeit Efram.

Zeichen der Hoffnung

Immerhin gab es in diesen Tagen auch Szenen wie diese. Im Stadtteil Queens legten Polizisten ihre Ausrüstung ab und knieten sich im Andenken an die Opfer von Polizeigewalt gemeinsam mit den Demonstranten nieder. Symbol der Hoffnung. Trotzdem: Die Dinge bleiben angespannt in den Straßen von New York. Und jeder fragt sich, wie lange das beide Seiten noch durchhalten.

Wenn es nach Dan Efram geht, dann geht es so weiter. „Wir müssen so lange Druck machen, bis sich wirklich etwas ändert“, sagt er. „Im Grunde ist es schon zu spät, das hätte alles vom ersten Tag der Trump-Regierung an passieren müssen.“

Der Tod von George Floyd war nicht nur für Aktivisten wie Efram ein Schock, er hat viele Menschen in Amerika aufgerüttelt. Nicht nur, was die Polizeigewalt angeht, sondern auch den Zustand, in dem das ganze Land sich befindet. Der Rassismus. Die extreme soziale Ungleichheit. Die Korruption.

Die Menschen in Amerika haben genug. Sie sind müde und angewidert, nicht nur von Rassismus und Polizeigewalt, sondern auch von Trump und dem ganzen kaputten System. Sie wollen gehört werden. Und sie wollen nicht mehr warten.