US-Präsident Donald Trump in typischer Pose.
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Washington/Peking - Chimerica – so ist viele Jahre lang ein imaginäres Land genannt worden, in dem die Großmächte Amerika und China friedlich miteinander auskamen. Die Geschichte dieses Landes begann vor gut vier Jahrzehnten. 1972 reisten zwei amerikanische Politiker in die chinesische Hauptstadt Peking, um erste Avancen zu machen: Es waren der damalige US-Präsident Richard Nixon und Henry Kissinger, seines Zeichens Nationaler Sicherheitsberater. Sie wollten eine lange Feindschaft beenden. Auf Annäherung hofften sie und in der Folge auf mehr Macht für beide Seiten durch Kooperation. Noch im November vergangenen Jahres mahnte Henry Kissinger, heute 96, den Willen zur friedlichen Koexistenz mit China an. Dann kam das Coronavirus.

Chimerica gibt es seit der vergangenen Woche definitiv nicht mehr. Die Meldungen aus Nordamerika und Asien über die Entfremdung zwischen Washington und Peking häufen sich. Chimerica ist abgebrannt.

In den USA warnt das FBI derzeit alle, die an einer Impfung gegen das Coronavirus arbeiten, vor chinesischen Hackern, die Informationen zu stehlen versuchen. US-Professoren, die ihre chinesischen Sponsoren nicht angemessen offengelegt haben, sind verhaftet und angeklagt worden, etwa in Arkansas und Georgia. Amerikas Wirtschaft wird mit drakonischen Maßnahmen überzogen, um den Export von US-Technologie nach China zu verhindern. Und Donald Trump, der Präsident, hat empfohlen, öffentliche Rentenfonds sollten nicht mehr in chinesische Aktien investieren. Dieser Schwenk ist mehr als nur Wahlkampftaktik.

Längst hat man in China auf die Attacken mit denselben Waffen geantwortet. So wurden US-Unternehmen von der Kommunistischen Partei als unzuverlässige Zulieferer klassifiziert. Und in Wuhan beispielswiese wird der einheimische Autobauer Dongfeng jetzt kräftig unterstützt. Chinas Zulieferer aus Drittländern werden sich bald entscheiden müssen, wo und mit wem sie lieber Geschäfte machen, mit China oder mit den USA.

Nixon und Kissinger hatten es sich einst so gedacht: Amerika sollte reicher werden und China demokratischer. Für China dagegen war die Ebenbürtigkeit mit den USA das vorrangige Ziel, eine Koexistenz auf Augenhöhe. Solche Träume entpuppen sich jetzt als Illusionen. Die Corona-Krise belastet die Beziehungen zwischen Amerika und China schwer – und das wenige Monate vor der Wahl in den USA. Was eine besondere Dramatik erzeugt.

Experten aus aller Welt weisen oft darauf hin, dass Asiaten in der Öffentlichkeit niemals das „Gesicht verlieren“ dürften. Weitaus weniger Gedanken werden darauf verschwendet, was für eine immense Demütigung Amerika in dieser Pandemiezeit widerfährt. Ein Land wie China, das von oben nach unten regiert wird, tut sich leichter im Umgang mit der Pandemie als die USA. In China etwa konnte die Zentralregierung Ärzte und Krankenschwestern dahin schicken, wo sie am meisten gebraucht wurden. In den von der Pandemie ebenfalls schwer getroffenen USA ist Derartiges nicht möglich.

Die Trump-Regierung hat China in den vergangenen Wochen vorgeworfen, die Herkunft des Virus mit Absicht zu verdunkeln. Seit einigen Tagen gibt es einen weiteren gravierenden Vorwurf: Trumps Handelskommissar Peter Navarro hat behauptet, dass China es geschafft habe, die amerikanische Wirtschaft in 60 Tagen zu ruinieren. Trumps Anhänger glauben eher unkritisch daran, dass die niedrige Arbeitslosigkeit, die große Energieproduktion und die hohen Aktienpreise der vergangenen Jahre eine glänzende Konjunktur bewiesen. Bräche die US-Wirtschaft infolge der Krise wirklich zusammen, dann hätte Navarro die Dolchstoßlegende schon vorbereitet.

In der Trump-Regierung gibt es plötzlich keine China-Befürworter mehr, obwohl auch Trump durchaus seinen eigenen Chimerica-Traum geträumt hat, als er Xi Jinping in sein luxuriöses Florida-Anwesen Mar-a-Lago einlud. Heute empfiehlt sein Schwiegersohn Jared Kushner, einst ausgelagerte Industrie und alle damit verbundenen Lieferketten wieder in die USA zu holen. Somit ist der republikanische Wahlkampf auf eine Anti-China-Politik geeicht. China wird für die immensen Schäden, die die Corona-Krise der Wirtschaft und dem Renommee der USA zufügt, verantwortlich gemacht werden, sollte Trumps Wahlsieg im November ausbleiben.

So überrascht es kaum, dass auch in China jetzt häufiger von einem „Neuen Kalten Krieg“ gesprochen wird. Die ultranationalistischen Stimmen werden lauter angesichts Chinas allzu friedfertigem Aufstieg weltweit. Der Frust dieser Ultranationalisten hat sich, so schreibt die Londoner Financial Times, seit Jahren angestaut, sie sind ungeduldig. Und behaupten, China gewinne im internationalen Diskurs kaum Boden. Immerzu dominierten die amerikanischen Sichtweisen. In den westlichen Medien fehle die chinesische Perspektive komplett. Im 19. Jahrhundert klagten die Chinesen über die berüchtigten „Ungleichen Verträge“ mit den Engländern, heute gilt die Empörung dem ungleichen Diskurs.

Die Amerikaner wiederum fühlen sich um die Offenheit ihrer Wissenschaftskultur betrogen. Jahrzehntelang herrschte reger Austausch zwischen den Wissenschafts-Establishments. Doch spätestens mit den Verhaftungen von Professoren an US-Universitäten hat sich das geändert. Anfang des Jahres wurde Harvards Spitzenwissenschaftler Charles M. Lieber, der im Nanotechnologie-Bereich arbeitet, wegen mangelnder Transparenz in seinen Geschäften mit China verhaftet. Der Verdacht der Wirtschaftsspionage schwebt über den Betroffenen. So will der erzkonservative Senator Tom Cotton etwa Fächer wie AI (Künstliche Intelligenz) für chinesische Studenten ganz sperren.

Trotz allem hält das offizielle Amerika am Selbstbild des Welthegemons fest. Statt die eigenen Schwächen in der Corona-Krise zu problematisieren, wird jede Kritik als Defätismus abgetan. Vordenker wie der Geopolitik-Experte Walter Russell Mead oder US-Außenminister Mike Pompeo gehen schon im Vorfeld zum Angriff über. Reflexhaft werden die Schwächen Chinas breitgetreten. Der Gestus ist stets derselbe: Eine angeblich morsche Führung eines angeblich morschen Staates wird an die Kandare genommen. Sollten die Spannungen sich danach weiter verstärken, ist der geistige Boden für einen „Präventivschlag“ bereits vorbereitet.

US-Nationalisten machen es sich in dieser Krisenzeit leicht. Sollten zu viele Produkte für die Eindämmung der Pandemie in China produziert werden, dann müsse die Fertigung in die USA verlegt werden, verlangte Peter Navarro gerade in der New York Times. Gleichzeitig schließen laut Wall Street Journal gerade viele Fabriken in den USA – und zwar für immer. Die Gewinne bei heimischer Produktion sind einfach zu gering. Reicht der Wille eines Donald Trump, all dies im Hauruckverfahren zu ändern?

Während Präsident Trump mehr für den „cri de coeur“ zuständig ist, für den Aufschrei der Empörung darüber, dass die USA derart auf dem falschen Fuß erwischt worden sind, kümmert sich sein Außenminister Mike Pompeo um das Machtkalkül. Denn auch in Washington kann man rechnen. Egal, wie das Kräfteverhältnis zwischen den USA und China gerade aussieht: Für die Amerikaner stehen die Chancen jetzt besser als in fünf oder gar zehn Jahren. Zuletzt sinnierten die chinesischen Ultranationalisten über den besten Zeitpunkt, eine Konfrontation zu wagen, jetzt sind es eher die USA, die kalkulieren. Und es sind eher die Chinesen, die Versöhnung signalisieren: Sie haben 79 ihrer Produkte benannt, die in Zukunft verstärkt von den USA angekauft werden sollen, um die Verhandlungen mit Trump am Laufen zu halten.

Interessant ist in diesem Zusammenhang die Meldung über die Verhaftung des Dissidenten Zhang Xuezhong. Vor einigen Tagen hatte der Jurist in den sozialen Medien einen Brandbrief veröffentlicht – eine Kritik an der Corona-Krisenbewältigung und eine Aufforderung an die Kommunistische Partei, ihre Rolle radikal neu zu gestalten. Erwartungsgemäß wurde er verhaftet, in seiner Wohnung in Schanghai. 24 Stunden später jedoch wurde er – wider alle Erwartungen – zurückgebracht. Zhang war erschüttert, aber heil.

Chinas Regierende scheinen leiser treten zu wollen. Denn auch so kann man den Diskurs mitgestalten.