Minneapolis: Natasha Cloutier schreit während einer Demonstration für George Floyd.
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Die landesweite Auflehnung der „Black Lives Matter“-Bewegung nach dem brutalen Vorgehen der Polizei gegen George Floyd sollte niemanden überraschen. Seit jeher gibt es eine Art des strukturellen Rassismus in den USA, der sich an den wirtschaftlichen Fakten ablesen lässt: Der Haushalt einer afroamerikanischen Familie verfügt über nur etwa ein Zehntel des Vermögens einer typischen weißen Familie. Diese Familien haben höheres Wohnungseigentum und höheres Vermögen durch Erbschaften. Die Ungleichheit ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. 

Das Durchschnittseinkommen der schwarzen Haushalte beträgt etwas weniger als 60 Prozent des Einkommens der weißen Haushalte. Den Zahlen des Economic Policy Institute zufolge ist das Lohngefälle zwischen Schwarzen und Weißen seit dem Jahr 2000 größer geworden. Zwanzig Prozent der Schwarzen leben in Armut – mehr als doppelt so viele als Weiße.

Damit sind afroamerikanische Familien in einer Krise finanziell viel verletzlicher als weiße Familien: Wer keine Reserven erwirtschaftet, kann sich keine ordentliche Krankenversicherung leisten. Wer keine Rücklagen hat, kann eine plötzliche Arbeitslosigkeit nicht durchstehen.

Nur in einem Punkt hat sich die Lage geändert: Jahrzehntelang war die Arbeitslosenquote bei Schwarzen in der Regel mehr als doppelt so hoch wie bei Weißen. Nun haben sich die Werte angenähert. Das gilt in Boom-Zeiten so - und seit neuestem auch in der Krise: Anders als bei früheren Rezessionen steigen die Werte für schwarze und für weiße Arbeitslose. Im April stieg die Arbeitslosenquote für schwarze Arbeitnehmer auf 16,7 Prozent. Für weiße Arbeitnehmer wurde ein Rekordwert von 14,2 erhoben, so die Erhebungen des US-Arbeitsministeriums. 

Diese Entwicklung ist die Folge einer grundsätzlichen wirtschaftlichen Spaltung in den USA: Die reichsten Familien werden immer reicher – in Boom-Zeiten wie in der Krise. Das Vermögen der Milliardäre in den USA stieg nach dem Börsen-Crash im März 2020 um 430 Milliarden Dollar – ein Zuwachs von 15 Prozent in einer Zeit, in der die meisten Amerikaner in Panik in ihren Wohnungen verharrten.

Die Kluft zwischen Arm und Reich wird beständig größer. Die USA haben keine echte Mittelschicht. Laut dem Pew-Center haben in den vergangenen 50 Jahren die am besten verdienenden 20 Prozent der US-Haushalte ihren Anteil am Gesamteinkommen des Landes deutlich ausgebaut. Die Einkommensungleichheit in den USA ist nach Angaben der OSZE die höchste aller G7-Staaten. Die Wohlstandslücke zwischen den reichsten und ärmeren Familien Amerikas hat sich von 1989 bis 2016 mehr als verdoppelt. Die reichsten Familien sind die einzigen, deren Vermögen in den vergangenen hundert Jahren zugenommen haben.

Der Grund ist die Struktur des Finanzsystems: Weil die Zentralbanken immer neue astronomische Summen in die Märkte pumpen, können Leute mit ausreichend Cash alles haben, was sie wollen: Sie machen Gewinne mit Aktien und können aus den Gewinnen reale Werte kaufen, die wegen der Wirtschaftskrise und wegen der sozialen Unruhen immer billiger werden. Daher steigen die Börsen im Moment auch im Rekordtempo. Auch die „Rettungsprogramme“ der Regierungen kommen nicht den Arbeitnehmern zugute, sondern den „Aktionären“. Manipulationen der Märkte sind heute kaum mehr zu erkennen, weil die Regulatoren im globalen Geldkreislauf nicht mehr mitkommen.

Dieses System erlaubt es einer kleinen Zahl von Wohlhabenden, von der Vermehrung ihres Vermögens zu leben. „Arbeit“ ist für sie ein Fremdwort geworden. Sie profitieren immer – auch in Krisen-Zeiten. Viele derjenigen, die dagegen auf Arbeit angewiesen sind, müssen in dauerhafter Unsicherheit, Rechtlosigkeit und Ausbeutung leben.

Die Gesellschaft in den USA ist doppelt gepalten: Schwarze sind gegenüber Weißen im Nachteil. Schwarze und Weiße mit geringen Einkommen werden von einer kleinen Gruppe von Wohlhabenden abgehängt.

Die rassistische Dimension wird von US-Präsident Donald Trump  befeuert. Er schürt den Konflikt ganz gezielt, um die Lohnabhängigen aufeinanderzuhetzen. Er will spalten. Viele schwarze Familien kämpfen ums Überleben. Ihre weißen Kollegen verteidigen ihre Jobs als Tagelöhner. Beide werden verlieren. Die Profiteure des Systems verfolgen den mörderischen Kampf aus sicherer Entfernung. Zwischendurch checken sie die Kurse an den Börsen der Welt. Sie gewinnen immer.