Brennende Autos in Los Angeles. 
Foto: AP/Mark J. Terrill

WashingtonPünktlich zu Beginn der nächtlichen Ausgangssperre in der US-Hauptstadt gingen im Weißen Haus die Lichter aus. Als ob niemand zuhause wäre, verschwand der Wohnsitz des Präsidenten an der Pennsylvania Avenue gegen 23 Uhr im Dunkel der Nacht, während ein paar Straßenblöcke weiter Geschäfte, Autos und Sternenbanner in Flammen aufgingen.

Die Feuerwehr eilte herbei, um ein Feuer im Keller der historischen St. John-Kirche, in der seit 1816 Amerikas Präsidenten beten, zu löschen. Weder die voll mobilisierte Nationalgarde noch die Polizei schafften es die dritte Nacht in Folge, wütende Demonstranten zu stoppen, die ihrem Frust freien Lauf ließen.

Als die Sonne am Pfingstmontag wieder aufging, stand auf einem Gebäude nahe des Weißen Hauses ein Graffiti, das direkt an Donald Trump gerichtet war. „Warum müssen wir dir sagen, dass schwarze Leben etwas wert sind?“

Statt Trost und Führung in der Doppelkrise einer nicht kontrollierten Pandemie und von Rassenunruhen zu zeigen, die sich nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd unter dem Knie eines weißen Polizisten in Minneapolis so schnell verbreiteten wie der Covid-19-Erreger, geht der Präsident auf Tauchstation.

US-Präsident Trump zieht sich zurück

Und zwar wörtlich: Am Freitag brachte der „Secret Service“ Trump und seine Familie in den Bunker des Weißen Hauses, der seit den Tagen nach den Terroranschlägen vom 11. September verwaist war. Angeblich aus Sorge vor Demonstranten, die vom Lafayette-Platz aus versuchten, zu der schwer gesicherten Residenz des Präsidenten vorzudringen.

Während von Boston, New York und Washington, über Miami, Louisville und Chicago bis Houston, Los Angeles und Seattle Hunderttausende Menschen auf die Straßen gehen, um meist friedlich gegen Polizeigewalt und den strukturellen Rassismus in den USA zu demonstrieren, ist von Donald Trump nicht viel zu sehen. Mitarbeiter des Präsidenten ließen an die Presse durchsickern, von den Demonstranten vor seiner Haustür sei zu keinem Zeitpunkt „eine echte Gefahr“ ausgegangen. Aber Trump sei bis ins Mark verunsichert.  

Aus seinem Versteck markiert er dafür umso mehr den starken Mann. Und gießt Öl ins Feuer: Der Präsident droht den Demonstranten vor dem Weißen Haus mit dem Einsatz „bissiger Hunde” und „überwältigender Waffengewalt”. Er handelt sich auf Twitter eine Rüge wegen Gewaltverherrlichung ein, weil er den rassistisch gefärbten Satz „Wenn das Plündern beginnt, fängt das Schießen an” als Kommentar zu den Unruhen absetzt.

Keine öffentliche Anteilnahme

Was fehlt ist Führung. Keine Rede aus dem Oval Office an die Nation, obwohl ihn Mitarbeiter dazu drängen. Kein Treffen mit Vertretern der Bürgerrechtsbewegung oder den Gouverneuren. Keine öffentliche Anteilnahme für die Betroffenen. Philonise Floyd, der Bruder des vergangenen Montag getöteten 48-Jährigen, sagt, der Kondolenz-Anruf des Präsidenten sei „blitzschnell” vorüber gewesen. „Er hat mir keine Gelegenheit gegeben, etwas zu sagen.”

Dabei hätte Philonise viel zu sagen gehabt. Wie die Demonstranten in Amerikas Straßen, die ihm erklären könnten, warum der tödliche Covid-19-Virus, die neue Massenarbeitslosigkeit und die Gewalt der Polizei Minderheiten, speziell Afroamerikaner, so überproportional treffen.

Zum Beispiel Jimmy Mills, der im Epizentrum der Unruhen der Midtown-Nachbarschaft von Minneapolis ein Friseurgeschäft betreibt. Die Schwarzen, die hier leben, verdienen im Schnitt nur ein Drittel dessen, was ihre weißen Mitbürger in der wohlhabenden Midwest-Metropole nach Hause bringen. Obwohl sie nur 20 Prozent der Stadtbewohner stellen, machen sie 35 Prozent unter den Infizierten und einen noch höheren Anteil unter Covid-Toten aus.

Mills musste wegen der Pandemie seinen Barbershop vor zwei Monaten schließen. Der beliebte Friseur fing sich selber das Virus ein und überlebte. Jetzt sollte es wieder losgehen. Doch daraus wird nun nichts, weil sein Geschäft bei den Unruhen in Flammen aufging. „Erst Corona zu haben und jetzt das, ist wie ein Schlag in die Magengrube”, erzählt er einem Reporter vor Ort.

Doch wie viele andere teilt er die Wut über den Alltag in Trumps Amerika. „Es gibt keine Worte zu beschreiben, was Leute mitmachen”, beschreibt Mohamud Noor die verzweifelte Lage in den von Armut geplagten Nachbarschaften, die er im Staatsparlament von Minnesota repräsentiert.

Wer sein Geschäft angezündet hat, weiß Mills nicht. Der Gouverneur von Minnesota Tim Walz bezweifelt, dass es Menschen aus der Nachbarschaft waren. „Wir haben Anlass zu glauben, das übelwollende Akteure von außen die berechtigten Proteste gegen den Mord an George Floyd infiltrieren”, sagt der Demokrat am Sonntag. Und deutet auf weiße Nationalisten und andere Rechtsextremisten als mutmaßliche Krawallmacher hin.

Einen Beweis dafür liefert Walz nicht, der wiederholt Zielscheibe giftiger Twitter-Attacken des Präsidenten war. Auch der Präsident bleibt Belege für seine Behauptung schuldig, die Antifa-Bewegung stecke hinter den Unruhen, die in mehr als zwei Dutzend Städten zu Ausgangssperren geführt und in zwölf US-Staaten die Nationalgarde auf den Plan gerufen haben.

Trump will die Antifa als „terroristische Bewegung“ einstufen

„Die Gewalt und der Vandalismus werden von der Antifa und anderen gewaltsamen Gruppen des linken Flügels angeführt”, behauptet Trump und droht damit, er werde diese als „terroristische Bewegung” einstufen. „Die Vereinigten Staaten von Amerika werden Antifa als terroristische Organisation einstufen”. Nach Aussagen von Rechtsexperten ist das nicht möglich, weil es sich erstens nicht um eine fest definierte Gruppe handelt und das Gesetz nur erlaubt, ausländische Organisationen als Terrorgruppen zu bezeichnen.

Ungeachtet dessen stieß Justizminister William Barr in dasselbe Horn. „Wir werden sie wie einheimische Terroristen behandeln.” Nach Ansicht von Analysten deutet das auf die eigentliche Strategie des Präsidenten hin: Vor den Wahlen will er sich wie einst Richard Nixon während der Unruhen nach dem Tod Martin Luther Kings 1968 als harter Hund profilieren. „LAW AND ORDER”, twitterte Trump aus dem Weißen Haus.

Ob das bei den Wählern ankommt, bleibt die  Frage. Denn anders als vor einem halben Jahrhundert sorgen sich die Amerikaner laut jüngsten Umfragen mindestens so sehr wegen der tödlichen Pandemie, in der Trump ebenfalls Führung vermissen ließ, wie wegen der Unruhen.  

Gesundheitsexperten fürchten, die Massenproteste könnten eine zweite Welle der Corona-Pandemie auslösen. Die in seiner Rede zur Amtseinführung beschriebene düstere Fiktion eines Landes, das von Gewalt und Tod geprägt ist, könnte sich während der letzten Monate Trumps im Weißen Haus vor den Wahlen tragisch bewahrheiten.