Herzliche Grüße erreichten den neuen amerikanischen Präsidenten Joe Biden bereits im November aus Peking, unmittelbar nach der Wahl: Während Amtsinhaber Donald Trump gerade sein letztes Aufgebot mobilisierte, um die Wahl anzufechten, sandte der Chef des Nudel-Restaurants Yaoji Chaogan seine Glückwünsche nach Washington.

Yao Yan hatte Biden, damals US-Vizepräsident, 2011 in Peking begrüßt, als er in seinem Restaurant zu Abend aß. Biden sei sehr freundlich und bescheiden gewesen, sagte Yao der Nachrichtenagentur AP: „Wir sind gute alte Freunde, und wir freuen uns jederzeit, wenn er wiederkommt.“

Nachhaltigen Eindruck hatte es auf die Gäste gemacht, dass Biden ganz wie alle anderen an einem Tisch saß. Die AP zitierte einen Gast von damals, Lan Ziyi, mit den Worten: Es sei zu hoffen, dass die USA und China künftig wieder auf Augenhöhe miteinander sprechen werden. Nach den Trump-Jahren sei dies wieder dringend nötig.

Bidens Gegner sehen das Verhältnis des neuen Präsidenten zur kommunistischen Parteiführung dagegen kritisch. Immer wieder werden Biden seine geschäftlichen Beziehungen vorgeworfen, die er unter anderem über seinen Sohn Hunter mit dem Regime in Peking geknüpft hatte. Auch Trump hatte Biden seine Nähe zu China in der letzten Debatte der beiden Kandidaten vorgehalten. Biden reagierte schroff und schmallippig und bezeichnete die Vorwürfe als Unsinn.

Seit Joe Bidens aktiver Politikzeit sind allerdings vier Jahre ins Land gegangen, in denen sich das Verhältnis der USA zur aufstrebenden Supermacht aus Asien gründlich verschlechtert hat. Es stellt sich die Frage, ob Biden eine Umkehr der Trump-Politik schafft. „Der Abbruch in vielen traditionellen internationalen Beziehungen ist so radikal wie nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, es wird lange dauern, bis es wieder eine Rückkehr zur Normalität gibt – wenn diese überhaupt jemals wieder kommt“, sagte der amerikanische Politikberater Hank Sheinkopf dieser Zeitung. Er ist ein Veteran der Demokraten, hat fast 40 Jahre für die Partei gearbeitet, unter anderem für Bill Clinton.

Trumps Chefstratege Steven Bannon hatte China als die größte Gefahr für die globalen Ambitionen der Vereinigten Staaten bezeichnet. Trump folgte Bannons Rat und attackierte China auf mehreren Ebenen: Mit hohen Zöllen und Handelsbarrieren entfachte er einen veritablen Handelskrieg. Die Regierung in Washington erklärte global agierende chinesische Unternehmen wie Huawei und TikTok zu Gefahren für die nationale Sicherheit. Zuletzt stand sogar ein Verbot im Raum, mit dem der Handel von chinesischen Unternehmen an der New Yorker Börse untersagt werden sollte. Peking antwortete geschmeidig auf die Angriffe. Es wurden Vergeltungsmaßnahmen ergriffen, etwa ein Embargo auf Produkte aus den USA.

Trump reagierte auf die Proteste der amerikanischen Soja-Bauern und überwies ihnen als Ersatz für die entgangenen Geschäfte Milliarden aus dem Haushalt. Er habe das Geld durch die „fantastischen Zölle“ eingenommen, die er gegen China verhängt habe. Belegt war diese Rechtfertigung ebenso wenig wie die immer neu vorgetragene Behauptung, Mexiko zahle für den Bau der Mauer, die der Bauunternehmer Trump an der Südgrenze errichten ließ.

Die Anti-China-Politik zeigte jedoch Wirkung in den USA: Auch der anfangs Trump ablehnende, einflussreiche republikanische Senator Lindsey Graham unterstützt heute die harte Gangart. Zum neuen Kurs zählt auch der Ausbau der amerikanischen Militärpräsenz im südchinesischen Meer.

Die China-Skeptiker verweisen gerade in diesen Tagen auf die Unberechenbarkeit des kommunistischen Landes: Trotz aller Zuwendung zu Kapitalismus und Marktwirtschaft regiert Peking mit harter Hand. Seit Monaten ist Jack Ma verschwunden, der Gründer der erfolgreichsten chinesischen Internetplattform Alibaba. Am Donnerstag berichtete die Financial Times (FT), dass das Regime eine harte Zensurwarnung an alle chinesischen Medien gerichtet hatte und zwar in „ungewöhnlicher Schärfe“, wie ein mit der Sache Vertrauter der FT sagte. Die Medien wurden ausdrücklich angewiesen, punktgenau nur entlang der offiziellen Sprachregelung zu berichten. Das Zitieren von ausländischen Medien wurde untersagt, sobald diese kritisch über den Fall Ma berichten. Ma ist einer der reichsten Unternehmer in China, hat mit Alibaba eine Weltmarke aufgebaut.

Unmittelbar vor seinem Verschwinden sagte Peking ohne Vorwarnung den geplanten Börsengang von Mas Unternehmen Ant ab. Vom Gründer fehlt seither jede Spur. China verstehe keinen Spaß, wenn es ums Geld gehe, sagte ein deutscher Ökonom dieser Zeitung. Weil Peking jedoch mit den internationalen Banken zusammenarbeiten will, sendet die Regierung auch gelegentlich ermutigende Signale an die Märkte. So öffnete sich das Land erst vor wenigen Wochen für ausländische Investmentbanken, sehr zur Freude der großen Wall-Street-Firmen. Sie begannen noch in der Endphase der Ära Trump mit dem Ausbau ihrer Aktivitäten in China.

Der Politikberater Sheinkopf, der die Annäherung der US-Demokraten an China von Anfang an miterlebt hat, erwartet von der neuen US-Regierung die Beibehaltung der harten Linie: „Auch Biden wird China als eine Bedrohung sehen. Der Erfolg Chinas ist eine Mischung aus militärischer Stärke und wirtschaftlichem Aufstieg. China hat sich überall in der Welt eingekauft, vor allem in Afrika. Wir können diesen Zustand nicht einfach hinnehmen.“ Allerdings werde Biden anders vorgehen als Trump: „Wir werden weniger öffentliche Ankündigungen sehen und mehr Verhandlungen hinter verschlossenen Türen. Wir müssen zu einer Übereinkunft mit China kommen, ohne in eine militärische Auseinandersetzung zu geraten. Das muss alles viel rationaler werden. Wir sollten die aufgeheizte Stimmung abkühlen und trotzdem unsere Interessen wahren.“

Zu einer solchen Vorgangsweise gehört laut Sheinkopf eine Rückkehr zu der Politik, wie sie von den US-Regierungen vor Trump praktiziert worden war: „Wir müssen unser Außenministerium wieder aufbauen. Trump hat wichtige Diplomaten-Posten nicht besetzt. Wir müssen unsere Geheimdienste wieder aktiv in den Dienst der Politik stellen. Trump hat den Geheimdiensten misstraut, so kann man aber international nicht arbeiten.“ Sheinkopf: „Wir müssen unsere Strukturen wieder aufbauen und unser Verhältnis zur Welt reparieren. Das wird sehr lange dauern.“

Zu dieser Normalität gehöre auch die Stärkung der Zusammenarbeit mit den Verbündeten. Sheinkopf: „Es ist im Interesse der amerikanischen Wirtschaft, dass wir die Nato stärken. Wir müssen mit den Europäern eng zusammenarbeiten und den Dollar als Weltwährung stärken. Nur so können wir unsere Wirtschaft im globalen Wettbewerb stabilisieren.“ Ob die Partner allerdings überhaupt noch an der Zusammenarbeit im alten Stil interessiert sind, ist eine offene Frage. So hat die EU in aller Stille ein wegweisendes Handelsabkommen mit China abgeschlossen, während Trump noch voll auf Konfrontation setzte.

China seinerseits hat damit begonnen, sich vom Dollar abzukoppeln: Afrikanische Unternehmen bezahlen China mittlerweile in nationalen Währungen. Das betrifft auch die erheblichen Schulden, die viele dieser Staaten bei China haben. Zwar ist der Anteil des chinesischen Renminbi im Korb der Weltwährungen immer noch sehr klein. Auch China weiß, dass die Ablösung des Dollar ein langfristiges Projekt ist. Doch für viele Staaten scheint es attraktiver zu sein, sich mit den Chinesen zusammenzutun. Die langfristigen politischen Folgen werden ausgeblendet, auch ein Ergebnis einer global exzessiven Schuldenpolitik.

Eine besondere Rolle werden in dem Wettstreit um die globalen Märkte die Technologiekonzerne spielen. Weil die digitale Ökonomie das Entstehen von Monopolen fördert, geht es hier um Dominanz und Kontrolle. Die Biden-Administration dürfte den Kurs von Donald Trump fortsetzen und die Macht der Konzerne beschränken. In Washington läuft gerade bei der Handelskommission FTC ein Kartellverfahren.

Die FT analysierte dieser Tage, dass in einer globalen Wirtschaft nicht nur die Vielfalt der Preise für die Konsumenten entscheidend für die Bestimmung eines Monopols sei, sondern die schiere Macht eines Unternehmens. Die FT erwartet, dass die neue US-Regierung auch inhaltlich eingreifen wird. Technologie wird, wie in China, als politisches Werkzeug begriffen – im Inneren und nach außen. Sie ist aus Sicht aller Regierungen zu wichtig, um sie dem Privatsektor zu überlassen.

Bidens Team dürfte eine Regulierung unter dem Eindruck der Bilder des Sturms auf das Kapitol vom vergangenen Mittwoch vorantreiben. Die Aufständischen hatten sich im Internet zusammengerottet und der amerikanischen Demokratie schweren Imageschaden zugefügt. Mit der Regulierung der „Hassrede“ wurde ein Anfang gemacht. Wieweit die Möglichkeiten gehen, zeigt das Beispiel Chinas.

Die Abkehr von der Internet-Euphorie ist auch eine Ironie der Geschichte, was den Aufstieg und Fall des Immobilienunternehmers und Reality-TV-Stars Donald J. Trump betrifft. Er hatte faktisch via Twitter regiert – bis sich die sozialen Netzwerke gegen ihn wandten. Als die Erosion seiner Macht unumkehrbar wurde, sperrten sie den Präsidenten – eine Strafe, mit der noch nie ein Regierender belegt worden war.

Der gekränkte und gestürzte Präsident verabschiedete sich am Freitag vom digitalen Marktplatz der Eitelkeiten: Er werde nicht an der feierlichen Amtseinführung seines Nachfolgers Joe Biden in Washington teilnehmen, teilte Trump auf Twitter mit. Biden soll am 20. Januar in Washington als künftiger Präsident vereidigt werden.

Trumps Abgang ist kein isoliertes Ereignis. Walter Russell Mead beschreibt in der aktuellen Ausgabe von Foreign Affairs, dass die Weltgemeinschaft aktuell das Ende der regelbasierten Ordnung erlebe. Diese Ordnung habe viele Jahrzehnte funktioniert. Nun könne sie aber nicht mehr aufrechterhalten werden. Sie hat zwar Teilen der Welt Wohlstand und Frieden gebracht. Doch die Schnelligkeit des technologischen Zeitalters erfordere andere Mechanismen.

Es liege nun an den Regierungen der Welt, Werte wie Kooperation und Partnerschaft neu zu definieren. Auch Joe Biden muss sich auf diesem unbekanntem Terrain bewähren. Viel Zeit hat er nicht. Immerhin besteht die Hoffnung, dass die Exzesse der Trump-Ära eine vorübergehende Erscheinung waren, wie sie jeder Epoche innewohnen, die man später einmal als Zeitenwende bezeichnen wird.