WASHINGTON - Vor ein paar Tagen ließ US-Außenminister John Kerry seinem Frust freien Lauf. „Das Problem ist, dass sich die Russen nicht für das Völkerrecht interessieren, wir dagegen schon“, sagte Kerry. Niemand sei darüber enttäuschter als er selbst, so der US-Chefdiplomat laut einer Tonbandaufzeichnung während eines Gesprächs mit einer Gruppe syrischer Hilfsorganisationen am Rande der UN-Vollversammlung in New York. Das Band hat die New York Times zugespielt bekommen. Nun hat Kerrys Verbitterung darüber, den Bürgerkrieg in Syrien nicht eindämmen zu können, einen Höhepunkt erreicht. Das State Department in Washington beendete offiziell den Syrien-Dialog mit Moskau. Die Diplomatie ist gescheitert, das Sterben in Aleppo geht weiter.

Obama scheut eine Intervention

Das Ende der Syrien-Verhandlungen hatte sich schon kurz nach der Einigung auf eine Waffenruhe in der zweiten Septemberhälfte angekündigt. Erst bombardierten Flugzeuge der US-geführten Koalition Truppen des Assad-Regimes – irrtümlich, wie es hieß –, dann warfen die USA Russland und Syrien vor, einen Konvoi mit Hilfsgütern für die Menschen in Aleppo gezielt angegriffen zu haben. Danach eskalierte die Gewalt in Syrien erst recht. Moskau versteht sich als militärische Schutzmacht des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad. Washington und seine Verbündeten fliegen in Syrien nach offizieller Darstellung Luftangriffe gegen die Dschihadisten-Miliz des sogenannten Islamischen Staats und gegen Gruppen, die dem Terrornetzwerk Al-Kaida nahestehen.

Nun hagelt es gegenseitige Vorwürfe. US-Außenamtssprecher John Kirby erklärte, Moskau und das syrische Regime hätten sich für einen militärischen Weg zur Beendigung des Krieges entschieden und zuletzt die Angriffe auf zivile Ziele sogar noch verstärkt. Zu den Angriffszielen gehörten nach US-Darstellung auch Krankenhäuser. Moskau retournierte umgehend und warf den Amerikanern vor, niemals ernsthaften Druck auf radikale Anti-Assad-Gruppen ausgeübt zu haben.

Bemerkenswert ist, dass das Washingtoner Außenamt in seiner Erklärung keinen Hinweis gibt, welche Folgen das Ende des Dialogs mit Moskau haben werde. Es war zuletzt die Rede davon, dass die USA die syrische Opposition mit Flugabwehrwaffen versorgen könnten. Auch wurden Wirtschaftssanktionen gegen russische Organisationen debattiert, die das syrische Regime unterstützen. Stattdessen hieß es in der offiziellen Erklärung nur, dass die US-Regierung Optionen prüfe.

Mit einem stärkeren militärischen Engagement in Syrien, gar auf dem Boden, rechnet aber niemand. Dazu sind auch die Vorstellungen innerhalb der US-Regierung zu unterschiedlich. Präsident Obama wird dem Vernehmen nach in den letzten Monaten seiner Amtszeit keine Bodentruppen in nennenswerter Zahl entsenden. Er möchte die Gefahr minimieren, dass US-Soldaten auf syrischem Boden in Konflikte mit russischen Einheiten geraten. Außerdem will er verhindern, dass die USA wie unter seinem Amtsvorgänger Bush wieder in einen Krieg im Nahen Osten ziehen, der möglicherweise auf Jahre hinaus nicht beendet werden kann. Und jene, die mehr Engagement verlangen, sind im Weißen Haus in der Minderheit. Außenminister John Kerry etwa sagte während des Gesprächs mit den syrischen Helfern in New York, es gebe „drei, vier Leute in der Regierung, die sich für die Anwendung von Gewalt“ ausgesprochen hätten: „Ich habe mich in dieser Diskussion nicht durchsetzen können.“

Gefährliche Zwischenfälle

Zwar wollen Washington und Moskau weiter im Gespräch bleiben. Das US-Außenministerium erklärte, die US-Luftwaffe werde weiterhin mit der russischen Seite kommunizieren, um zu verhindern, dass sich US-Flugzeuge und russische Jets im syrischen Luftraum gefährlich nahe kommen. Aber eine regelrechte militärische Zusammenarbeit, wie sie zuletzt im Gespräch war, werde derzeit nicht angestrebt.

Kerry ist auf der Suche nach einem Ausweg aus dem Syrien-Dilemma. Mit Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier will er sich am Rande der Afghanistan-Konferenz in Brüssel treffen. Ein Treffen der politischen Direktoren der Außenministerien der USA, Frankreichs, Großbritanniens, Italiens und Deutschlands an diesem Mittwoch in Berlin wird sich ebenfalls mit dem Thema befassen. Einstweilen bleibt Kerry nichts anderes übrig, als Selbstverständliches zu verbreiten. In Brüssel sagte er am Dienstag in einer Rede bei der Transatlantik-Stiftung German Marshall Fund: „Wir werden das syrische Volk nicht im Stich lassen.“ Die USA würden über die internationale Unterstützergruppe, die Vereinten Nationen oder im Rahmen kleinerer Staatengruppen weiter versuchen, den Krieg zu beenden.