Die Trump-Regierung hatte vor kurzem die Epidemie-Bekämpfung heruntergefahren.
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WashingtonMit dem größten wirtschaftlichen Hilfspaket der US-Geschichte versuchen die beiden großen Parteien in Washington der Lage in der Corona-Krise politisch Herr zu werden. Als „eine Investition auf Kriegszeitniveau“ bezeichneten führende Republikaner im Senat das Programm. Gleichzeitig steuert Amerika gerade darauf zu, das Weltzentrum der Pandemie zu werden.  

Mit rund 60.000 Infizierten ist das Land seit mehr als einer Woche vielerorts weitgehend geschlossen. Dennoch lässt Präsident Trump wissen, er wünsche, dass die Nation bis Ostern wirtschaftlich wieder voll im Einsatz sein soll. In den letzten Tagen geriet er somit immer mehr in Widerspruch zu den eigenen Experten der Regierung.

Direktzahlungen an Familien und Fonds für Unternehmen

Selbst Trumps Kritiker staunen, wie großzügig die Soforthilfe nun ausfällt. Steuerzahler, Unternehmer, Arbeitnehmer sollen mit dem Zwei-Billionen-Dollar-Paket Ansprüche auf Unterstützung in Form von Überweisungen sowie Darlehen bekommen. Familien mit kleinen Einkommen erhalten 1200 Dollar direkt. Ein Hilfsfonds in Höhe von 350 Milliarden Dollar steht bereit für kleinere Unternehmen, wenn sie weiterhin ihre Mitarbeiter bezahlen. Schwer betroffenen Branchen wie Luftfahrt oder Hotels wird geholfen. Die Federal Reserve Bank wird darüber hinaus Banken und Städtische Anleihen unterstützen.

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Es wirkt ironisch, dass die zwei Politiker, die diesen Deal zustande gebracht haben – Finanzsekretär Steve Mnuchin und der Top-Demokrat im Senat, Chuck Schumer – aus New York City kommen. Denn die Hilfe aus Washington mag großzügig sein, aber nicht unbedingt für das Finanzzentrum an der Ostküste.

New York hat fast fünf Prozent aller Corona-Fälle weltweit und ist somit auch das Zentrum des politischen Schocks, den Trumps Durchhalteparolen ausgelöst haben. Alle, die zur Eindämmung der Pandemie soziale Kontakte längerfristig unterbinden wollen, kritisieren Trumps Anweisungen zur Wiederaufnahme der Geschäfte. Allen voran empört sich New Yorks Gouverneur Andrew Cuomo.

Besonders ärgert den, dass sich Trump weigert zu verhindern, dass die Bundesstaaten auf dem freien Markt um medizinisches Material wie etwa Beatmungsgeräte konkurrieren müssen. Das erste Angebot aus Washington von nur 400 Beatmungsgeräten stieß bei Cuomo auf schroffe Kritik. Er braucht eher 30.000 solcher Apparate.

Das Land wieder fit machen, koste es was es wolle

So entsteht eine ungewohnte Konstellation: Ein republikanischer Präsident, der sehr wohl großes staatliches Geschütz für die Wirtschaft und das Volk benutzt, steht mit den Gouverneuren immer mehr auf Kriegsfuß. Trumps Wille, das Land bald wieder funktionstüchtig zu machen, koste es was es wolle, ist eine sehr kühne, ja rücksichtslose Vorwärtsstrategie. Zustimmung wird sie am ehesten unter seinen eher ländlichen Wählern finden.

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In der Corona-Pandemie galt es bis jetzt, weltweit vor allem „den Anfängen zu wehren“. Das US-Hilfspaket ist auch deswegen so enorm ausgefallen, weil den Anfängen in Amerika kaum gewehrt wurde. Trump erwähnt stets, dass er frühzeitig ein Reiseverbot aus China erlasen habe. Doch seine Regierung hatte zuvor die Epidemie-Bekämpfung heruntergefahren und Budgets geschmälert.

Ausschlaggebend für die jetzige Lage dürfte vor allem der Mangel an Corona-Tests sein. Der sorglose Staat erzeugte eine sorglose Bevölkerung. Trump gab sich noch bis Ende Februar unbekümmert, und die jungen Leute feierten wie gewohnt an den Stränden Floridas. Auch heute sagt Trump: „Unser Land wurde nicht gebaut, um auf diese Weise geschlossen zu werden.“

Die Lage ist aber überall ernst, ob in New Orleans, San Francisco oder Seattle. Die Menschen sind inzwischen sehr besorgt. Trumps latenter Darwinismus, die nationale Wirtschaft über alles zu stellen, wird auf Dauer nicht nur in New York mit Verwunderung aufgenommen werden. Der US-Präsident bemüht sich um die Pose eines Landes mit „breiten Schultern“ und ungeahnten Möglichkeiten.

Wie immer stellt er sich selbst als die Verkörperung des nationalen Temperaments dar – Amerika als Mythos der Ausnahme auch im 21. Jahrhundert. Tatsächlich führt Trump ein Land mit einer angelsächsischen Tradition an, das in der Krise kämpferisch ist und bereit, alle Ressourcen zu mobilisieren.

Brutaler, aber sehr amerikanischer Realismus

Ein Leser der „New York Times“ aus West Texas formuliert in dieser Woche prägnant, dass Amerika gerade von einem Asteroiden getroffen worden sei. Als Kritik an der kritischen Linie der New York Times zitierte er deren ersten Artikel über den Coronavirus vom 8. Januar. Er wollte zeigen, wie beiläufig unaufgeregt die Berichterstattung damals noch war. Jetzt, so der Texaner, habe es wenig Zweck, zu bedauern, was in der Zwischenzeit von der Regierung alles nicht gemacht worden sei.

Wenn das Haus lichterloh brennt, ist die Brandursache kaum das erste Thema. Trump beweist in der Coronakrise damit einen zwar brutalen, aber sehr amerikanischen Realismus. Das Hilfspaket aus Washington ist in der Tat ein Rettungsprogramm, das man in Zeiten eines Asteroiden-Einschlags hätte aufstellen können.