Es war gewissermaßen fünf vor zwölf, als Muriel Bowser einen transatlantischen Vergleich zog. Washington, erklärte die neue Bürgermeisterin pünktlich zur Freigabe von Cannabis in der US-Hauptstadt, werde bestimmt nicht zu einem zweiten Amsterdam werden. Marihuana-Cafés werde sie in ihrer Stadt nicht zulassen, sagte Bowser – ganz so, als sei Amsterdam ein Sinnbild für Drogenchaos.

Der Vergleich ging allerdings gründlich daneben. Zwar sind Anbau, Konsum und Besitz von Marihuana von Donnerstag an im Hauptstadtbezirk District of Columbia legal. Doch alles andere ist ungeklärt. Auf welcher Seite des Atlantiks nun ein gewaltiges Durcheinander droht, das ist nicht schwer zu beantworten.

Sechs Pflanzen sind erlaubt

Die überwiegend liberal eingestellten Washingtoner Wähler machten es im vergangenen November den Bundesstaaten Alaska, Washington, Colorado und Oregon nach. Mit überwältigender Mehrheit stimmten sie für die Freigabe von Cannabis und machten den Hauptstadtbezirk zum ersten Kifferparadies an der Ostküste der USA.

Allerdings nur im Prinzip. Denn schnell erinnerte sich der seit Januar mehrheitlich von Republikanern dominierte US-Kongress an die Tatsache, dass der District of Columbia kein Bundesstaat ist, sondern einen Sonderstatus hat, der dem US-Parlament ein gewichtiges Wort in lokalen Angelegenheiten einräumt. Jedenfalls blockierten die Marihuana-Gegner im Kongress das Geld, das notwendig gewesen wäre, um aus einer halben Freigabe eine vollständige Legalisierung von Marihuana zu machen.

So darf künftig jeder Einwohner von Washington, der über 21 Jahre alt ist, bis zu 56 Gramm Marihuana besitzen und bis zu sechs Cannabis-Pflanzen aufziehen. Geraucht werden darf Cannabis nur in der eigenen Wohnung, nicht aber auf öffentlichen Plätzen oder im Auto. Doch der Verkauf von Marihuana – und hier wird es kompliziert – bleibt verboten. Nur die Weitergabe an Dritte ist möglich. Allerdings darf kein Geld fließen.

Eine Besonderheit von Washington – und hier wird es noch komplizierter – ist das Nebeneinander von lokalen und bundesstaatlichen Flächen. Wer sich künftig auf einer von der Stadt verwalteten Straße bewegt und Cannabis in der Tasche hat, muss sich nicht vor der Polizei fürchten. Ein paar Meter weiter kann das aber ganz anders sein. Einige Parks etwa und die Flächen um die Gedenkstätten für Präsidenten und Kriegsteilnehmer werden von Bundesbehörden verwaltet und von Bundespolizisten beschützt. Insgesamt sind das fast 30 Prozent der gesamten Fläche von Washington, DC.

Nach geltendem US-Bundesrecht aber ist der Besitz von Cannabis verboten. Kiffern, die zum Beispiel vor dem Lincoln-Denkmal mit Marihuana erwischt werden, droht deswegen eine Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr. Das Durcheinander ist perfekt, und die Washingtoner Polizeichefin Cathy Lanier riet Marihuana-Freunden bereits dringend, ihre geografischen Kenntnisse über die Hauptstadt zu vervollständigen.

Um dem drohenden Chaos zu entgehen, wollen die Befürworter der vollständigen Marihuana-Freigabe nun private Cannabis-Clubs gründen. Wer dort gegen Gebühr Vereinsmitglied wird, soll das Marihuana kostenlos erhalten und sich mit Gleichgesinnten im Clubraum bekiffen dürfen. Dagegen wehrt sich die Bürgermeisterin Muriel Bowser. Eine offene Szene mit Coffee-Shops will sie notfalls mit Eilverordnungen des Stadtrates verhindern.