Wenn es nach den Börsen geht, war die Erstürmung des Kapitols in Washington nur eine Fußnote zum Ende der Ära Trump. Der Dow Jones und der New Yorker Technologieindex Nasdaq legten am Tag nach dem Sturm der Trump-Anhänger zu Handelsbeginn am Donnerstag deutlich zu. Händler erwarten eine neu Rekordjagd.

Etwa zeitgleich zu den historischen Ausschreitungen in Washington veröffentlichte der weltgrößte Vermögensverwalter BlackRock eine Umfrage, wonach bei den großen Familienvermögen der Appetit auf riskante Finanzwetten deutlich gestiegen sei. Die Nachfrage nach Spekulationsgeschäften, wie sie von sogenannten Hedgefonds betrieben werden, steigt: „Die jüngsten Marktturbulenzen und die mittelfristige Erwartung anhaltender Volatilität haben die Attraktivität von Hedgefonds wiederbelebt“, heißt es in der Umfrage von BlackRock und Juniper Place aus New York.

Mit anderen Worten: Wenn die Lage unsicher ist, kann man mit Wetten viel Geld machen. Die Investoren wissen, dass das viele Geld, welches die Notenbanken in die Märkte pumpen, zum Spekulieren perfekt geeignet ist. Der Börse stehen gute Zeiten bevor. Wer hat, wird, wenn er es geschickt anlegt, mehr bekommen. So geht das seit dem Ende der Finanzkrise.

Zugleich gilt: Wer nichts hat, dem wird es noch schlechter gehen. Viele Amerikaner wissen davon ein Lied zu singen. Laut Pew Research vom Februar 2020, also noch vor der Corona-Pandemie, hat sich die Ungleichheit der Vermögensverhältnisse in den Vereinigten Staaten aus allen Blickwinkeln vergrößert. Die Reichen werden reicher, die Löhne der unteren Einkommensklassen steigen nur langsam, die Mittelschicht verschwindet.

Vor diesem Hintergrund waren die Bilder symbolisch, die in der Nacht zum Donnerstag um die Welt gingen: Menschen in einfachen, oft schäbigen Kleidern, wie sie vor den goldgerahmten Gemälden der Väter der amerikanischen Verfassung sitzen. Sie scheinen sich auszuruhen, wie auf einer Parkbank. Die Halle mit den Gemälden ist zwar theoretisch eine Halle des Volkes, weil es sich ja um das Parlament handelt. Doch die Eindringlinge könnten nicht fremder sein in diesen Hallen. Sie haben hier nichts verloren, und sie haben hier auch nichts zu suchen, wie man ihnen seitens der erstaunlich unvorbereiteten Sicherheitskräfte zu verstehen gab.

Wie einige Hundert Leute überhaupt so weit kommen konnten, ist unklar. Allerdings scheint der noch amtierende Präsident Donald Trump eine mobilisierende Rolle gespielt zu haben. Kurz vor der Eskalation hielt Trump vor dem Weißen Haus eine Ansprache an seine Anhänger, in der er diese aufforderte, zum Kapitol zu gehen. Dort sollten seine Fans jenen Abgeordneten „applaudieren“, die bis zum bitteren Ende an der Seite Trumps verharren wollten, und sie sollten „etwas weniger applaudieren“ für jene, die sich vom Präsidenten losgesagt hatten. Eine direkte Aufforderung zur Gewalt durch Trump ist das zwar nicht, aber auch sicher kein Beitrag zur Deeskalation.

Trumps Auftritt hat viele Politiker auf der ganzen Welt zwar schockiert. Wirklich überraschend war er nicht: Trump hat es bei vielen Gewaltaktionen wie bei den rassistischen Gewalttaten von Charlottesville stets vermieden, sich gegen die Rechtsextremen zu positionieren. Seine ständigen Angriffe gegen die vermeintliche „politische Korrektheit“ sind auf fruchtbaren Boden gefallen. Das zeigte sich auch beim Sturm auf das Kapitol: Ein Foto zeigt einen Mann, wie er provokant auf dem Stuhl der demokratischen Sprecherin Nancy Pelosi lümmelt, seine Schuhe ostentativ auf ihrem Schreibtisch. Richard Barnett aus Gravette in Arkansas sagte später laut Washington Post, er sei gegen Pelosi, weil sie gegen „weiße Nationalisten“ sei. Er sei weiß und Nationalist und hätte mit beidem kein Problem. Er teile Trumps Kritik an Pelosi und habe sich daher entschlossen, gegen das Ende der Ära Trump zu protestieren. Im Übrigen habe er sich darauf eingestellt gehabt, bei seinem Marsch durch die Hallen des Kapitols ermordet zu werden. Wie ein politischer Märtyrer wirkt der Mann allerdings nicht, und in echter Gefahr scheint er sich nicht befunden zu haben.

Das mag auch daran liegen, dass die Demonstranten in Washington nicht zu den bewaffneten Milizen gehören, die Trump seit langem unterstützen. Diese versammelten sich am Mittwoch, von der Weltöffentlichkeit wenig beachtet, in Texas, Kalifornien, Michigan, Georgia, Oregon und Kansas. In Atlanta bedrohten bewaffnete Milizionäre den Innenminister von Georgia, Brad Raffensperger. Dieser hatte Trumps Versuch, das Wahlergebnis noch umzudrehen, widerstanden und musste aus seinem Büro evakuiert werden. In Washington muss man von den Plänen der lokalen Miliz zuvor Wind bekommen haben. Unmittelbar vor den Protesten wurde der Chef einer besonders militanten rechtsradikalen Gruppierung festgenommen. Dem 36-jährigen Enrique Tarrio, der Vorsitzender der sogenannten Proud Boys („Stolze Jungs“) ist, wird unter anderem die Verbrennung eines Plakats der Bewegung gegen Polizeigewalt vorgeworfen. Wer genau die Randalierer waren, ist noch unklar. Bekannt ist lediglich, dass die Frau, die von der Polizei erschossen wurde, eine frühere Luftwaffen-Soldatin und Anhängerin Trumps gewesen ist.

So ranken sich, noch ehe sich der Rauch verzogen hat, schon die ersten Legenden um den „Putschversuch“, wie ein demokratischer Abgeordneter die Aktion nannte. Die erzkonservativen und glühenden Trump-Unterstützer wie Laura Ingraham, Sean Hannity oder Tucker Carlson schickten bereits während der Ausschreitungen ihre Version von den Urhebern in den Äther: Man habe noch nie Trump-Fans mit schwarzen Helmen gesehen, daher liege der Verdacht nahe, die ganze Aktion sei von der Antifa unterwandert. Trump selbst schien nach der offiziellen Verkündung des Wahlsiegs von Joe Biden am Ende. Er sagte, er werde sich einem friedlichen Übergang der Macht nicht in den Weg stellen.

Beim Sturm auf das Kapitol wurden drei weitere Menschen getötet. Eine Frau und zwei Männer kamen nach Polizeiangaben bei „medizinischen Notfällen“ im Umfeld des Kapitol-Gebäudes ums Leben. Der Sachschaden war beträchtlich. Sitzungssäle und Büros wurden verwüstet, mehrere Fenster eingeschlagen und einige der alten Gemälde beschädigt.