Užupis - David Lipgens ist aufgeregt. Vor den langen Tischen, die weiß eingedeckt sind, werden Reden geschwungen. Lipgens hält sich an seinem Wasserglas fest. Die Nacht davor war lang und feucht-fröhlich. Der Kater steht ihm ins Gesicht gezeichnet. Mutter Ingrid sitzt neben ihm, beide sind nun fast 1.400 Kilometer von ihrem Zuhause in Aachen entfernt. Lipgens’ Mutter wartet mit dem Sohn auf den Moment, an dem er nach vorne gebeten wird. Bald wird Lipgens Botschafter sein, Botschafter eines Landes, das es überhaupt nicht gibt: Es ist die Republik Užupis.

Užupis ist ein Paradoxon. Es sei so klein, dass alle darin Platz haben, erzählt man sich. Heute wird auch Lipgens endlich seinen offiziellen Platz in der Republik finden, die geografisch fast im Zentrums des litauischen Vilnius liegt, deren über 300 Botschafter aber in der ganzen Welt verteilt sind. Seit dem 1. April 1997 gibt es die selbsternannte Republik. Ausgerufen haben sie der Filmemacher Romas Lileikis und der Literat Thomas Chepaitis. Ersterer ist bis heute Präsident, letzterer Außenminister. Augenzwinkernd wird oft erwähnt, dass Užupis die stabilste Regierung Europas habe.

Es gibt eine eigene Verfassung mit 41 Artikeln, darunter zum Beispiel das Recht zu sterben, ohne dazu verpflichtet zu sein. Auch Ministerposten sind vergeben worden. So gibt es etwa den Minister für Flötenspiel auf der Straße. Auch eine Währung wurde eingeführt, der Už-Euro. Diese Währung ist wohl die einzige weltweit ohne jede Inflation. Heute, morgen und immer wird es für einen Už-Euro den gleichen Gegenwert geben: einen halben Liter Bier in der Kavine, der Regierungskneipe der Republik, auf deren Terrasse am Fluss der Dalai Lama zum Ehrenbürger ernannt wurde.

„Užupis ist ein Ort für Spinner“

„Užupis ist ein Ort für Spinner“, sagt Lipgens. Für ihn ist es ein Kompliment. Trotz all der verrückten Geschichten ist Užupis, das Viertel jenseits des Flusses, eher unscheinbar. Ein Schild in der Nähe der Kavine weist die Staatsgrenze aus.

Wer durch die Straßen schlendert, wird neben ein paar Bars, Kunstinstallationen und Ateliers nichts bemerken, was erklären könnte, dass es Menschen wie Lipgens gibt, die Botschafter dieses kleinen Viertels werden wollen, das gerade einmal einen halben Quadratkilometer groß ist. „In München habe ich mal einen Litauer getroffen, der in Užupis zur Schule gegangen ist und dem ich erklären musste, was es mit der Republik auf sich hat“, sagt Lipgens.

Einst war Užupis ein Zentrum des jüdischen Lebens in Vilnius. Das wurde von den Nazis ausgelöscht. Danach verwahrloste Užupis zusehends und bekam einen entsprechenden Ruf. Als die Sowjetunion der Welt 1980 zu den Olympischen Spielen in Moskau eine perfekte Inszenierung bieten wollte, wurden „störende Elemente“ wie Trinker und Obdachlose im Land verteilt. Diejenigen, die man nach Vilnius schaffte, wurden prompt in der Straße Užupis’ angesiedelt, die heute so etwas wie die Lebensader der Viertels ist. Straße des Todes nannte man sie damals. Dann wurde Litauen unabhängig, und die Lage verbesserte sich. Das war 1990.

Republik Užupis hat kein eigenes Staatsgebiet

Jahre später begann die Gentrifizierung, die vielerorts bereits abgeschlossen ist. Begehrlichkeiten weckt das Viertel immer wieder. Denen versucht man sich zu widersetzen. Im Gegensatz zu anderen Künstlerkolonien oder teilautonomen Siedlungen wie dem Freistaat Christiania in Kopenhagen oder dem Anfang des Jahres geräumten ADM in Amsterdam, hat die Republik Užupis neben der Regierungskneipe und einem Kunstzentrum kein eigenes Staatsgebiet, das sie wirklich verwalten und gestalten könnte, auch wenn der gleichnamige Stadtteil Gegenteiliges vermuten lässt.

Die Republik Užupis ist weniger Ort als vielmehr eine Idee. „Užupis ist eine Projektionsfläche für das Leben, das Menschen gern hätten: solidarisch, ein wenig verrückt, nachbarschaftlich und leicht anrüchig“, sagt Andreas Rodenbeck. 1999 kam er als Lehrer nach Litauen, lehrte am Gymnasium von Užupis Deutsch und blieb. Heute ist er Generalkonsul aller deutschen Botschafter. Wie und warum er das wurde, weiß er nicht mehr. „Ich wurde von irgendwem irgendwann dazu ernannt. Das hat man mir dann aber erst viel später mitgeteilt“, sagt er. In Užupis ist das nicht ungewöhnlich.

Auch Lipgens teilt dieses Schicksal. Bei einem Besuch in Vilnius wurde er von einem Freund, selbst Botschafter der Republik, zum Konsul ernannt. Doch für ihn war es fortan mehr als eine bloße Spinnerei. „Es gibt hier genauso viele Freaks wie interessante Menschen, die Bock haben, Dinge anders zu machen“, sagt er. Auch Lipgens will Dinge anders machen. Er arbeitet im Start-up-Umfeld und interessiert sich seit langem für den Einfluss von Technik auf gesellschaftliche Strukturen. „Wir sind die letzte Generation, die mitbekommen hat, wie das Leben ohne Internet und Smartphones ist“, sagt Lipgens, 33 Jahre alt.

Ziel für Užupis: Kunst und Technik zusammenbringen

Und dieses Leben hat sich verändert. Doch die Technik brachte nicht nur Vorteile. In sozialen Netzwerken und den Kommentarbereichen sprießt der Hass. Die Debattenkultur hat in Zeiten von Facebook und Co. heftig gelitten. Lipgens meint, es sei an der Zeit, das freundliche Miteinander wieder in den Vordergrund zu stellen.

„Mein Ziel ist es, dafür Kunst und Technik zusammenbringen“, sagt er. In der Idee von Užupis sieht er den besten Rahmen, um seine Vision mit anderen zu teilen. So organisiert er in seiner Freizeit eigene Workshops und reiste im vergangenen Jahr knapp 15-mal von Aachen nach München, wo es eine der aktivsten Botschaften Užupis in Deutschland gibt. Auch dort steht vor allem der Brückenschlag zwischen neuer Technik, allen voran die Künstliche Intelligenz, sowie Kunst und Gesellschaft auf dem Programm. Die Ironie kommt dabei nicht zu kurz.

Im Frühjahr dieses Jahres bekam Lipgens dafür den Ritterschlag. Er reiste wieder einmal quer durch Deutschland in Richtung München, dieses Mal nach Ebersberg, eine kleine Gemeinde östlich der bayerischen Landeshauptstadt. Im örtlichen Kunstzentrum erklärte er vielen fragenden Gesichtern, was Užupis ist. Dann hielt er einen Vortrag, in dem es darum ging, wie man den inneren Peter Pan in sich erhalten könne. Als er wieder im ICE zurück nach Aachen saß, meldete sich Außenminister Thomas Chepaitis und trug ihm den Botschafterposten an.

Immer Chaos in Užupis

In Užupis kann man sich nie sicher sein, ob das Chaos Methode hat oder einfach passiert. Auf den offiziellen Aushängen ist in diesem Jahr ausgerechnet der Nationalfeiertag auf einen falschen Wochentag datiert worden. Absicht? Ein Versehen? Überall Achselzucken. Und wenn schon!? Und wenn schon nicht!? Das sei eben Užupis.

Während des Festumzugs zum nationalen Feiertag wird ein symbolisches Ei auf einer Sänfte umhergetragen und am Ende vor dem Engel von Užupis, dem zentralen Wahrzeichen, abgelegt. Was es damit auf sich hat, weiß auch niemand mehr so genau. Es gibt mehrere Versionen, die sich alle massiv unterscheiden.

Auch die Zeremonie der Botschafterernennung folgt einem Protokoll, das keiner mehr so recht erklären kann. In der Kavine ist ein Buffet aufgebaut. Außenminister Chepaitis hat sich dem Wodka verschrieben und unterbricht seine Ausführungen immer mal wieder, um sich ein Gläschen zu genehmigen. Es ist noch nicht einmal 14 Uhr.

Nach einem weiteren Gläschen bittet er „Konsul David aus Aachen“ nach vorne. Lipgens lässt das Wasserglas los und geht zum offenen Ende der U-förmigen Tafel. Mutter Ingrid lächelt.

Für seine Verdienste und seinen Einsatz, sagt der Außenminister, mache er Lipgens nun zum Botschafter für freundliche Communities. Lipgens hält stolz seine gelbe Ernennungsurkunde in den Händen. Es gibt Applaus von den anwesenden Botschaftern, darunter sind die aus den USA und aus Norwegen.

Užupis steht für den Glauben an ein besseres Miteinander

Dann hält er eine Laudatio, die er mit einem Zitat von Galileo Galilei beendet. „Ich habe noch nie einen Menschen getroffen, der so ignorant gewesen wäre, dass ich nichts von ihm hätte lernen können.“ Dann wird angestoßen, die die Gläser klirren.

Es gebe eine besondere Intimität zwischen Menschen, wenn sie sich albern verhielten, sagt David Lipgens wenig später, als er wieder auf seinem Platz sitzt und dabei zusieht, wie ein Bernhardiner zum Botschafter für fröhliche Hunde ernannt wird. In Užupis sind sie alle gleich im Blödsinn, auch gleich im Glauben an ein besseres Miteinander, einem Glauben, der nicht nur naiv ist.

Und während man drinnen ausdauernd versucht, Mira, der Hündin, die Botschafterwürde zu überreichen, steht Lipgens auf der Terrasse der Regierungskneipe, auf der auch schon der Dalai Lama stand. Ein tolles Gefühl sei das, jetzt Botschafter für die Republik Užupis in Deutschland geworden zu sein, sagt er.

Für den weiteren Nachmittag sind Katzenbusse angekündigt – Busse, die von Katzen gesteuert werden. Was es damit auf sich hat und ob es sie überhaupt gibt, wird von niemandem hinterfragt. Im Blödsinn werden alle gleich gutgläubig.

Botschafterin Mira flitzt noch immer durch den Raum, als schon mal damit begonnen wird, die Tische abzuräumen – von niemand Geringerem als dem Außenminister persönlich.