Berlin - Der Venezolaner Yanko García Torres kämpfte gegen die Regierungen von Hugo Chavez und Nicolas Maduro an. 2016 musste er aufgrund von politischer Verfolgung fliehen und bekam ein Jahr später in Deutschland Asyl. An einen Bürgerkrieg in seinem Heimatland glaube der 47-Jährige nicht. Auch wenn es derzeit wenige Anzeichen für ein friedliches Ende des seit Wochen andauernden Machtkampfes gibt.

„Libertad, Libertad“, rufen an einem Samstagnachmittag etwa ein hundert Demonstranten vor dem Brandenburger Tor in Berlin. Der Himmel ist bewölkt und es regnet. In den Händen halten die größtenteils venezolanischen Staatsbürger Flaggen ihres Landes. Zudem halten sie Schilder hoch, die den amtierenden Präsidenten Nicolas Maduro zum Rücktritt auffordern. „Maduro ist kein Präsident. Seine gesetzliche Frist ist abgelaufen“, steht auf einem der Transparente.

In dem seit gut drei Wochen anhaltenden Machtkampf zwischen Maduro und dem selbsternannten Übergangspräsidenten Juan Guaidó spricht zu diesem Zeitpunkt wenig für ein friedliches Ende. Maduro hat Großteile der Militär-Generäle auf seiner Seite, die bei einem möglichen Machtwechsel um ihre Posten fürchten würden. Guaído genießt die Unterstützung von vielen Bürgern. Zudem hatten die USA den Oppositionsführer schon als Interimspräsidenten anerkannt und Maduro zum Rücktritt aufgefordert.

„Ich bin Deutschland so dankbar“

Vor den Demonstranten am Brandenburger Tor steht Yanko García Torres, ein nach eigenen Angaben politischer Berater der Opposition und nach Unterlagen, die der Berliner Zeitung vorliegen, auch Asylbewerber. Nachdem er 2016 aufgrund von politischer Verfolgung nach Deutschland geflüchtet war, bekam er ein Jahr später Asyl. „Ich bin Deutschland so dankbar, dass sie mich aufgenommen haben. Ich hoffe, dass Deutschland Guaido weiterhin akzeptiert und ihn unterstützt“, sagt García der Berliner Zeitung vor der Kundgebung.

„Wir brauchen den Einfluss demokratischer Staaten, um unser Land neu aufzubauen. Die USA hat Deutschland auch geholfen wieder stark zu werden und sie haben das Land anschließend verlassen. So muss es bei uns auch ablaufen. Es geht nicht, dass demokratische Staaten dabei zusehen, was in Venezuela geschieht.“ An einen Bürgerkrieg glaubt García nicht. „Ich glaube und hoffe, dass das Militär einlenken wird. Die meisten Generäle wollen gar nicht, dass noch mehr Blut vergossen wird.“ Alles hänge davon ab, wie lange Maduro noch illegal an seiner Macht festhalten wolle, so García. Direkte Kontakte zur amtierenden Regierung hat Garcia nicht. „Die Generäle um Maduro müssen so schnell wie möglich aus dem Land und in Sicherheit gebracht werden“, betont er.

Keine Alternative zu Staatsmedien

Am 02. Februar 1999 war Ex-Präsident Hugo Chavez ins Amt gekommen. Als García auf den Namen angesprochen wird, winkt er ab und schüttelt den Kopf. Laut García habe Chavez das Land in den Ruin getrieben. Maduro habe das sozialistische System lediglich übernommen und weitergeführt. Als Oppositioneller wurde García nach eigenen Angaben von beiden Regimen verfolgt. 2012 gründete er im Internet ein soziales Netzwerk namens „Labor 2.0“. Hier konnten Regierungs-Kritiker ihre Meinungen äußern und miteinander kommunizieren. „Es ging vor allem darum, eine Alternative zu schaffen. Die Medien waren unter Chavez komplett gleichgeschaltet. Es gab keine Alternative zu den Staatsmedien“, sagt García.

Neben seinen Abschlüssen in Jura und Politikwissenschaft hat García einen Magister in Verwaltung gemacht. Nach eigenen Angaben arbeitete er auch als politischer Berater für den Gouverneur von Zulia, eine Region im Nordosten des Landes, die über besonders viele Öl- und Erdgas-Reserven verfügt. García beteiligte sich an gemeinsamen Treffen mit anderen Unterstützern der Opposition, hielt Reden und stellte die Videos ins Internet. Obwohl García mehrfach aufgefordert wurde, mit seinen Aktivitäten aufzuhören, machte er weiter. Bis er erste Morddrohungen erhielt.

„Sie haben meine Familie beschossen“

Er sei offiziell aufgefordert worden, das Land zu verlassen, erzählt er. Aus Angst um sein Leben floh er mit einem dreimonatigen Touristenvisum nach Deutschland. Eigentlich hatte er vorgehabt zurückzukehren, sagt er. Als im Mai 2017 aber sein Familienhaus in Zulias Hauptstadt Maracaibo beschossen wurde, stellte er einen Antrag auf Asyl. „Sie haben meine Familie beschossen“, sagt García. In dem Haus haben zu diesem Zeitpunkt unter anderem seine zwei Kinder, 6 und 8 Jahre alt, gelebt. Auf Fotos, die er im Anschluss zeigt, sieht man eine Hauswand mit Einschusslöchern sowie Parolen, die sagen: „Wir werden dich töten, Yanko García. Dich und deine ganze Familie“. Am 2. November 2017 bekam García Asyl.

Viele, die mit García zusammen „Labor 2.0“ aufgebaut oder Teil davon waren, säßen entweder im Gefängnis oder seien geflohen. Etwa 300 Politiker sollen festgenommen worden seien, sagt er. „Das sind kluge Köpfe. Menschen, die Venezuela jetzt gebrauchen könnte“, so García. Bis zur Jahreshälfte 2017 haben nach Angaben der Vereinten Nationen (UNHCR) mehr als 50.000 Venezolaner einen Asylantrag in Ausland gestellt. García erzählt, dass nur etwa drei Deutschland-Bewerber Asyl bekommen haben. Der Rest musste zurück oder in ein anderes Land reisen.

Einen Fehler kreidet sich García im Nachhinein an. Um seine Familie nach Deutschland zu holen, habe er laut Gesetz drei Monate nach seinem positiven Asylbescheid Zeit gehabt, dies zu beantragen. Davon wusste er jedoch nichts. Die Frist ist längst abgelaufen. Er sei traurig, dass er in den schweren Zeiten nicht bei seiner Familie und seinem Volk sein kann. „Im Herzen hatte ich den Wunsch, jeden Tag dort zu sein. Die letzten Jahre waren die schlimmsten meines Lebens“, sagt er mit zitternden Lippen. Seiner Familie gehe es gut, sagt er. Sie könne wieder im Familienhaus in Maracaibo wohnen und niemand sei ihnen bis heute wieder zu nahegekommen. Er vermutet, weil es ruhiger um ihn geworden sei.

„Zu allererst brauchen wir humanitäre Hilfe."

„In Venezuela hören schon viele die Glocken der Freiheit“, sagt er, bevor er wieder zurück nach Hamburg fährt, wo er derzeit wohnt, einen Integrationskurs belegt und die deutsche Sprache lernt. Dass die Glocken nach diesem Samstag für viele noch lauter klingen könnten, konnte García nicht wissen. Die Bundesregierung sowie viele weitere EU-Regierungen hatten Anfang der Woche Juan Guaído offiziell als Interimspräsidenten anerkannt, nachdem Maduro am Sonntag keine neuen Präsidentschaftswahlen angekündigt hatte. Als großen Verbündeten kann die amtierende Regierung um Maduro derzeit nur auf Russland zählen.

Wie es nach einem möglichen politischen Wechsel weitergehen soll, weiß García bereits. In der Riege rund um Guaidó hat der Jurist noch Kontakte. „Zu allererst brauchen wir humanitäre Hilfe. Dann muss die staatliche Verwaltung wieder ihre Arbeit aufnehmen. Anschließend müssen wir mit den USA und der EU eine Art Marshall-Plan verfassen, um das Land neu aufzubauen. Außerdem müssen Gesetze geschaffen werden, die jenes manifestieren (…) Das Gesetz der automatischen Wiederwahl muss zum Beispiel abgeschafft werden.“, sagt er. Es dürfe nicht noch einmal passieren, dass ein Präsident sich einfach so wieder ins Amt wählen lässt.

Eine faire Demokratie

Nur mit einer fairen Demokratie könne die Ökonomie wieder wachsen und Venezuela zu einem stolzen Ölstaat reifen. Ob da auch ein Posten für ihn drin ist, will er am Samstag noch nicht sagen. „Ich war 20 Jahre in der Opposition. Jetzt will ich endlich eine Regierung, meine Regierung, unterstützen“, so García. Sollte es in Venezuela wirklich zu einem Machtwechsel kommen, ist es denkbar, dass auch die Botschaft in Berlin oder das Konsulat in Hamburg neu besetzt werden würde. Vielleicht mit einer Funktion für Yanko García Torres. (mit Claudia Vogel Carrés)