San Cristóbal - Schon die Einreise über den Landweg ist ein kleines Abenteuer: Von den insgesamt acht Plätzen im kleinen Raum der venezolanischen Migrationsbehörde in San Antonio ist gerade einmal einer besetzt. Dort wartet ein grimmig dreinschauender Beamter, der erst einmal mit dem Reisepass verschwindet. Ein Deutscher, der einreisen will. Das muss der Vorgesetzte entscheiden.

Nach ein paar Minuten kommt der Beamte mit dem Pass zurück und gibt grünes Licht. In die andere Richtung ist mehr Betrieb. Tausende Venezolaner verlassen über den Grenzübergang an diesem Tag ihr krisengeschütteltes Heimatland, um nach Kolumbien einzureisen. Jene, die große Koffer haben für immer, andere, um in der kolumbianischen Grenzstadt Cucuta zu arbeiten.

Transportsystem ist zusammengebrochen

Das nächste Problem ist gravierender. Wie nach San Cristóbal kommen? Die Oppositionshochburg, eingeschlossen von grünen Berghügeln, ist rund eine Autostunde von der kolumbianischen Grenze entfernt. Das Transportsystem ist nahezu zusammengebrochen. Im ölreichsten Land der Welt gibt es keinen Sprit. Dafür unzählige Autos mit Riesentanks, die offenbar das Benzin über die Grenze nach Kolumbien bringen wollen, um es dort zu verkaufen.

Öl ist die einzige nennenswerte Einnahmequelle Venezuelas. Alles hängt am schwarzen Gold. Das Land hat sich bei Russland und China verschuldet und muss nun Milliardenkredite mit Öl begleichen. Es geht dabei um Geld, das längst ausgegeben ist. Die Amerikaner, die mit harten Dollars zahlen, wollen künftig ihre Rechnung nicht mehr beim Staatschef Nicolás Maduro begleichen, sondern beim Interims-Präsidenten Juan Guaidó. Die Konten der venezolanischen Zentralbank in den USA sind laut US-Senator Marco Rubio bereits in die Kontrolle Guaidos übergangen.

Spürbares Tauziehen um die Macht

Ein Fahrer ist bereit, den Transport in Richtung San Cristóbal zu übernehmen. Für kolumbianische Pesos allerdings, nicht für venezolanische Bolivar. Die Venezolaner haben das Vertrauen in ihre Landeswährung angesichts einer Hyperinflation von mehr als 10.000 Prozent allein im Jahr 2018 komplett verloren.

Das Maduro-Regime versucht es immer wieder mal mit neuen Währungen, mit der Krypto-Währung Petro und einem neuen Bolivar, der alle Jahre seinen Namen ändert. Im vergangenen August wurde der Bolivar Fuerte vom Bolivar Soberano ersetzt. Hier aber, unweit der venezolanischen Grenze, wird fast alles in Pesos abgerechnet. Es ist die inoffiziell akzeptierte Parallelwährung, deswegen ist die Versorgungslage im Grenzstädtchen San Antonio deutlich besser als im Landesinneren.

Das Tauziehen um die Macht in Venezuela ist in diesen Tagen überall spürbar. Präsident Nicolás Maduro zeigt sich an der Seite der Armee, Juan Guaidó an der Seite des Volkes bei sogenannten Bürgerversammlungen, zu denen Zehntausende Venezolaner kommen. Der Kampf um die Macht setzt sich auch auf globaler Ebene fort. China und Russland stehen auf der Seite Maduros, die USA und weite Teile der EU aufseiten Guaidós. Und der Machtkampf beeinflusst den Alltag in Venezuela massiv.

Tankstellen hinter Gittern

Bei freier Strecke dauert die Fahrt in Richtung San Cristóbal etwa 60 Minuten. Aber die Strecke ist nicht frei. Alle paar Kilometer gibt es Kontrollen. Mal sind es die Drogenfahnder, mal die Nationalgarde, mal Sonderermittler, mal die Polizei. Es heißt dann: raus aus dem Auto, den Pass vorzeigen, den Kofferraum öffnen, den Rucksack auch. „Reine Schikane ist das, weil wir hier gegen die Regierung sind“, sagt Arturo, der Fahrer, der seinen Nachnamen nicht in der Zeitung lesen will.

Es geht vorbei an verwaisten Tankstellen des staatlichen Ölkonzerns PDVSA, die mit Gittern versperrt sind. Preistafeln gibt es nicht, denn die venezolanische Regierung verschenkt normalerweise den Sprit an ihre Bevölkerung. Ökonomischer Irrsinn, der ideologisch begründet wird. Das venezolanische Öl gehört den Venezolanern. Nur dass die den Sprit unter der Hand gleich wiederverkaufen. Ökologisch ist das ohnehin nicht mehr zu rechtfertigen.

San Cristóbal ist Hochburg der Opposition

Immerhin zwingt der aktuelle Spritmangel die Venezolaner zur Sparsamkeit mit Umgang mit dem Benzin. Fast alle Tankstellen an diesem Tag sind außer Betrieb. An der einzigen Zapfsäule, an der es Sprit gibt, hat sich eine Autoschlange von mehr als vier Kilometern Länge gebildet. Sie zieht sich durch San Cristóbal, einige Fahrer ganz vorne wollen sogar im Auto übernachten. Niemand gibt seinen guten Platz auf, denn es ist unsicher, wann der nächste PDVSA-Tankwagen mit Nachschub kommt.

San Cristóbal ist eine Hochburg der venezolanischen Opposition. Und die hat sich organisiert, verfügt über ein Netzwerk, mit denen Aktionen gesteuert werden. Es gibt WhatsApp-Gruppen, die über die nächste Demonstration informieren, die vor Polizeisperren warnen oder Verhaltenstipps für den Fall einer Festnahme geben.

Nicolás Maduro: Alle Rivalen ausgebootet

Am 23. Januar, dem Tag, an dem der junge Parlamentspräsident Juan Guaidó zum Interimspräsidenten ausgerufen wurde, gingen in San Cristóbal Zehntausende auf die Straßen, um sich hinter den jungen Ingenieur zu stellen. Wie im ganzen Land. Wie in Caracas, in Maracaibo, in Maracay. Juan Guaidó macht den Menschen, die nicht mit dem Regime Maduro sympathisieren, Hoffnung. Er bündelt die Kräfte einer lahmgelegten und dann auch noch zerstrittenen Opposition.

Nicolás Maduro hat in den vergangenen Jahren alle möglichen Rivalen ausgebootet. Der ehemalige Präsidentschaftskandidat Henrique Capriles und die populäre Abgeordnete Maria Corina Machado: Berufsverbot. Der ehemalige Bürgermeister von Caracas Antonio Ledezma: im Exil. Der populäre Präsidentschaftskandidat Leopoldo Lopez: nach Haft unter Hausarrest. Ex-Parlamentsparlament Julio Borges: im Exil.

Guaidó: „Venezuela ist aufgewacht“

Bei der Präsidentschaftswahl 2018 trat Maduro gegen den chancenlosen Kandidaten Henri Falcon an, der ohnehin als Marionette der Sozialisten galt. Deswegen erkennt die Opposition, die bei den letzten wirklich freien Wahlen Ende Dezember 2015 eine haushohe Mehrheit im Parlament einfuhr, die zweite Amtszeit Maduros, die am 10. Januar begann, nicht an.

Die Verfassung sehe dann einen Interimspräsidenten vor, der Neuwahlen organisiert, argumentiert die Opposition und berief den erst am 5. Januar zum Parlamentspräsidenten gewählten Guaidó zum Interimspräsidenten. Der saugt nun die Zustimmung der Venezolaner wie ein Schwamm auf. Innerhalb von wenigen Stunden verdoppelte sich seine Follower-Zahl bei Twitter auf fast eine Million.

Weltweit rufen Exil-Venezolaner zu seiner Unterstützung auf. Am Mittwoch und am Sonnabend will Guaidó die Venezolaner wieder auf die Straße holen. „Venezuela ist aufgewacht, um seinen Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Hier ergibt sich niemand“, sagt er.

Nicolás Maduro sucht die Nähe zur Armee

Doch demonstrieren ist in Venezuela lebensgefährlich. Wie gefährlich, zeigt die Trauerfeier für den erschossenen Studenten Luigi Guerreo in der Universität de los Andes. Hunderte Studenten sind in die Aula gekommen, um sich von ihrem Kommilitonen zu verabschieden. Abwechselnd nehmen sie Aufstellung am Sarg Luigis. Es wird viel geweint an diesem Nachmittag. Auch Luigi war am 23. Januar auf den Straßen, zum ersten Mal in seinem Leben hatte er demonstriert. Dann kamen die gefürchteten Colectivos, so heißen die bewaffneten und vermummten Motorrad-Banden Maduros.

Die Studenten der Universität erzählen, einige der Täter hätten einen kubanischen Akzent gehabt. „Luigi ist dreimal von Schüssen der Colectivos getroffen worden und war sofort tot“, berichtet Kevin Ibarra, der an diesem 23. Januar gemeinsam mit Luigi zur Demonstration gekommen war. „Die Colectivos wollen Angst verbreiten, damit die Leute, besonders die Studenten, schweigen.“ Luigis Onkel Alexander Ovalle ist am Boden zerstört. „Luigi war niemals gewalttätig, es war seine erste Demonstration“, sagt er. „Er wollte nur das, was seine Kommilitonen auch wollten. Ihren Willen nach Freiheit ausdrücken.“

Nicolás Maduro gibt sich derweil kämpferisch und sucht die Nähe zur Armee. Am Wochenende besuchte der Präsident die Streitkräfte und präsentierte sich als Oberbefehlshaber. „Immer loyal, niemals Verräter“, riefen die Soldaten bei einem Besuch Maduros bei der 41. Brigade in der Festung Paramacay.

Die Rolle des Militärs

Bei einer Übung rannte Maduro sogar im Laufschritt an der Seite von Verteidigungsminister Vladimir Padrino Lopez über das Kasernengelände. Die Regierungssender als auch der aus Caracas finanzierte kontinentale Nachrichtenkanal Telesur zeigten die martialischen Bilder, die vor allem eines signalisieren sollen: Die Armee steht hinter Maduro.

Sein Herausforderer Juan Guaidó führt derweil nach eigenen Angaben Gespräche mit Militärs und zivilen Regierungsvertretern über einen Machtwechsel. „Das ist eine sehr heikle Angelegenheit, bei der es auch um die persönliche Sicherheit geht“, sagte Guaidó in einem Interview der Washington Post. Die Treffen würden sehr diskret behandelt.

Unterstützung bekommt Guaidó aus dem Ausland: Die USA wollen die Bankkonten der venezolanischen Zentralbank in den Vereinigten Staaten der Kontrolle Guaidós unterstellen. Und Großbritannien verweigert offenbar die Herausgabe von 1,2 Milliarden US-Dollar in Gold an das Maduro-Regime.

In San Cristóbal wollen sie in dieser Woche wieder auf die Straße gehen. Es ist zu befürchten, dass Luigi Guerreo nicht das letzte Opfer des Machtkampfes zwischen Maduro und Guaidó bleiben wird.