Eine abgedeckte Wahlurne steht in einem Wahllokal. In Thüringen wird an diesem Sonntag ein neuer Landtag gewählt.
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BerlinBodo Ramelow, ein Linker, hat die Wahl in Thüringen gewonnen. Zum ersten Mal in der Geschichte Deutschlands nach der Wiedervereinigung ist die Linke stärkste Partei in einem Bundesland geworden.

Björn Höcke, ein Mann der äußersten Rechten, ist ein weiterer großer Gewinner dieser Wahl. Die AfD, die in Thüringen besonders radikal, ja rechtsradikal ist, konnte in dem Bundesland ihr Ergebnis mehr als verdoppeln, verglichen mit der vorangegangenen Landtagswahl.

Mit polarisierten Ergebnissen lässt sich ein Land und eine Gesellschaft kaum regieren

Bodo Ramelow ist ein Gewinner, Björn Höcke ist ein Gewinner. Die Linke und die AfD können feiern. Und das ist ein Problem, nicht nur für Thüringen.

Denn Regieren lässt sich mit diesem polarisierten Ergebnis ein Land und eine Gesellschaft kaum. Nach vorne bringen wohl schon gar nicht. Zukunft macht man nicht mit Spaltung, das ist klar. Doch das politische Bild in Thüringen zeigt ganz deutlich das Bild einer aufgesprengten Gesellschaft.

Nur: Es ist natürlich andererseits auch sehr demokratisch, wenn die Wähler in Thüringen sich nicht so einheitlich verhalten, wie es Politiker, die unkompliziert eine Regierung bilden wollen, sich das wünschen würden. Das Ergebnis der Landtagswahl spiegelt die Vielschichtigkeit eines ostdeutschen Bundeslandes sehr genau wider.

Es ist ein sehr ehrliches Ergebnis, das allerdings, wenn man auch nach der Wahl ehrlich ist, die Frage aufwirft, für wen und wie eine zukünftige Landesregierung überhaupt Politik machen will. Wenn Ramelow es schafft, wieder eine Regierung zusammenzubringen, dann muss er sich bewusst sein, dass die schärfsten Antipoden seiner Linken, nämlich die AfD-Abgeordneten, über nicht viel weniger Sitze im Thüringer Landtag verfügen als Ramelows Partei selbst.

Wahl in Thüringen: Keine Denkverbote mehr

Rein rechnerisch verfügten die Linke und Höckes Partei in Thüringen ja über eine komfortable Mehrheit – nur dass sie selbstverständlich keine Gemeinsamkeiten haben.

Wenn Bodo Ramelow also regieren will, weil er der Sieger ist, und wenn die AfD in Thüringen nicht nur rechnerisch gekontert werden soll – wenn dieses Land eine stabile Regierung jenseits des Rechtsextremismus bekommen soll, dann darf es jetzt keine der üblichen Denkverbote mehr geben.

Dann müssen in Thüringen jetzt zwei Parteien miteinander reden, die das nicht wollten, beziehungsweise es ausgeschlossen hatten: die CDU und die Linke. Denn das wäre ja auch ein Beispiel an Demokratie, wenn man nach der Wahl noch einmal nachdenkt, ob man nicht doch das tun sollte, was man eigentlich nicht wollte: in diesem Fall eine Regierung aus Linken und Konservativen zu bilden.

Eine ungewöhnliche Regierung, die Thüringen erstmal davor schützt unregierbar zu werden – und auch die Chance böte, aus dem üblichen Lagerdenken auszubrechen und die zunehmende Polarisierung im Land zu überwinden. Bodo Ramelow, der eher pragmatische Linke, hatte das übrigens nie ganz ausgeschlossen, wenn man sich richtig erinnert. Es wäre jetzt wohl vor allem an der CDU in Thüringen – und sicherlich auch an der CDU in Berlin – sich der Aufgabe zu stellen, Denkverbote aufzugeben und Polarisierungen zu überwinden.

Um eine Gesellschaft und die Zukunft nicht jener Kraft zu überlassen, die nur an die Polarisierung glaubt: der AfD.