Berlin - Erst Anfang Januar war die GSG9 in aller Munde. Da nämlich wurde publik, dass der langjährige Chef der Anti-Terror-Einheit, Ulrich Wegener, nicht mehr lebt. Am Montag nun verkündete der aktuelle Kommandeur Jerome Fuchs, dass die schätzungsweise 400-köpfige Truppe um ein Drittel vergrößert und neben St. Augustin bei Bonn einen zweiten Standort in Berlin bekommen werde. Eine Sprecherin des Bundesinnenministeriums bestätigte dies kurz darauf.

Spekulation über Spandau als zweiten Standort

Was sie nicht bestätigte, ist, dass sich der zweite Standort in Spandau befinden soll. Darüber werde in den kommenden Monaten noch zu befinden sein, sagte die Sprecherin. Abgesehen davon, dass sie über die Personalstärke „aus taktischen Gründen“ schwieg, machte sie eines aber sehr deutlich: dass der Aufbau des zweiten Standorts keine Sache von Tagen sein, sondern drei bis vier Jahre dauern werde. Dies hat nicht zuletzt mit den hohen Anforderungen an das Personal zu tun. GSG9-Mitglieder müssen Polizisten sein und sich eigens für den anspruchsvollen Job bewerben. Neben körperlicher Fitness zählen hier vor allem psychische Stärke und Teamfähigkeit.

Die Elitetruppe wurde zum Mythos, als sie 1977 im somalischen Mogadischu die während des Deutschen Herbstes gekaperte Lufthansa-Maschine „Landshut“ stürmte. Anlass zur Gründung war der Anschlag eines palästinensischen Kommandos auf israelische Sportler bei den Olympischen Spielen in München 1972. Heute kommt die GSG 9 nach eigenen Angaben auf 50 bis 60 Einsätze im Jahr – bei Terror und schwerer Kriminalität. Allerdings haben sich nach Einschätzung von Kommandeur Fuchs die Bedingungen geändert. „Wenn man sich die vergleichbaren Terrorlagen anschaut europaweit, dann waren oftmals die Hauptstädte betroffen", sagte er dem RBB. Wir müssen uns auf jeden Fall besser aufstellen. Die Zielrichtung ist klar: eine schnelle Reaktionsfähigkeit der GSG 9 in der Hauptstadt." Tatsächlich fanden die großen islamistischen Attentate seit 2001 fast ausschließlich in den Metropolen statt: in New York, Washington, Madrid, London, Paris, Brüssel und am 19. Dezember 2016 durch den Tunesier Anis Amri in Berlin. Dort ist das Aufsehen am größten.

BFE+ sollte GSG9 ergänzen

Bereits Ende 2015 präsentierte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) bei der Bundespolizei in Blumberg am Rande Berlins die erste von insgesamt fünf neuen Anti-Terror-Einheiten. Die je 50-köpfigen Trupps, so hieß es damals, sollten quer über das Bundesgebiet verstreut sein – und zwar neben Blumberg in Bayreuth (Bayern), Hünfeld (Hessen), St. Augustin (Nordrhein-Westfalen) und Uelzen (Niedersachsen), in normale Einheiten integriert bleiben und –  robust ausgestattet – aus ihnen herausgelöst werden, wenn komplexe Terrorlagen entstehen. Auch in Deutschland könnten Terroristen in kurzer Zeit an mehreren Orten zuschlagen, sagten Experten. Dabei sollten die Einheiten mit dem Titel BFE+ die GSG 9 nicht ersetzen, sondern nur ergänzen. Die Abkürzung BFE+ steht für „Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit plus".

Freilich hat sich das Bedrohungsszenario seither erneut gewandelt. Hatten bis dahin komplexe Terroranschläge – zeitgleich an mehreren Orten, ausgeführt von jeweils mehreren Tätern – für Furore gesorgt, so überwogen zuletzt einfache Attentate von je einer Person mit Messern, einer Axt oder – wie in Nizza und Berlin – einem Lkw. Manchmal sind die Verdächtigen wie im Fall Amri vorher bekannt, manchmal nicht. Nicht zuletzt weil die Tatwerkzeuge anders als Sprengstoff, Pistolen oder Gewehre einfacher zu beschaffen sind, wird so die Terrorvorbeugung schwieriger. Das wiederum macht es noch notwendiger, dass Spezialtruppen wie die GSG9 schnell am Ort sind.

Deren geplante Aufstockung passt in den Trend. Denn Polizei und Nachrichtendienste werden derzeit bundesweit ausgebaut. Das Geld bereit zu stellen, ist nicht das Problem – anders als in der Vergangenheit, als vor allem Polizeistellen aus finanziellen Gründen abgebaut wurden. Das Problem ist, geeignetes Personal zu finden. Vor dieser Herausforderung steht die GSG9 nicht allein.